Derzeit fast 80 Stellen vakant

Südtirol braucht neue Hausärzte

Montag, 15. Januar 2024 | 12:06 Uhr

Bozen – Südtirol krankt seit vielen Jahren an einem Mangel an Hausärztinnen und Hausärzten. Derzeit sind fast 80 Stellen vakant. Im Frühjahr 2024 beginnt am Institut für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen ein neuer Ausbildungslehrgang für künftige Ärztinnen und Ärzte für Allgemeinmedizin.

Südtirols Ausbildung in Allgemeinmedizin

„Die Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner bilden das Fundament unseres Gesundheitswesens. Mehr als 80 Prozent aller gesundheitlichen Probleme der Bürgerinnen und Bürger können im Rahmen der Allgemeinmedizin gelöst werden“, unterstreicht Dr. Giuliano Piccoliori, Hausarzt in Gröden und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen.

Die Ausbildung am Institut für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen dauert drei Jahre und kann in Voll- oder Teilzeit absolviert werden. Sie findet in deutscher und italienischer Sprache statt. Nach Abschluss der Ausbildung wird der Titel ,Ärztin/Arzt für Allgemeinmedizin’ verliehen, der auf EU-Ebene anerkannt ist. Nur wer im Besitz dieses Titels ist, kann mit dem öffentlichen Gesundheitsdienst einen Vertrag als Hausärztin/Hausarzt abschließen. Die Ausbildung besteht aus zwei Teilen: Der praktische Teil (Vollzeit) umfasst 144 Wochen, zusätzlich zwölf Wochen erlaubte Abwesenheit. Darin eingebettet ist der Theorie-Teil mit ca. 100 je vier- bis fünfstündigen Seminaren. Die Theorie-Seminare finden am Universitären Ausbildungszentrum für Gesundheitsberufe „Claudiana“ in Bozen statt. Im Falle der Ausbildung in Teilzeit müssen gewisse Praktika dennoch in Vollzeit absolviert werden. „Durch die Ausbildung in Bozen lernen die künftigen Hausärztinnen und Hausärzte das Südtiroler Gesundheitswesen und das Bezugsspital für die spätere Praxistätigkeit kennen. Das elfmonatige Praktikum in den allgemeinmedizinischen Praxen garantiert eine praxisorientierte Ausbildung“, sagt Dr. Adolf Engl, langjähriger Hausarzt und Präsident des Instituts.

Ein Stipendium für die Ausbildung in Bozen

Für die Südtiroler Ausbildung in Allgemeinmedizin ist ein monatliches Stipendium vorgesehen, das vom Landesamt für Gesundheitsorganisation festgelegt und ausbezahlt wird. Im Gegenzug verpflichten sich die Absolventinnen und Absolventen dazu, innerhalb von fünf Jahren nach Abschluss der Ausbildung für drei Jahre als Hausärzte in Südtirol zu arbeiten. „Das Südtiroler Stipendium ist fast viermal so hoch wie jenes im restlichen Staatsgebiet“, sagt Dr. Giuliano Piccoliori, seines Zeichens Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin.

Hausärztemangel in Südtirol – zehn Lösungsvorschläge

In Südtirol gibt es derzeit 288 Ärztinnen und Ärzte für Allgemeinmedizin. Doch fast 80 Stellen sind vakant. Die Ursachen hierfür sind zum einen die Pensionierungen von Hausärztinnen und Hausärzten, zum anderen fehlen Nachwuchskräfte, die nach ihrem Studium eine Ausbildung in Allgemeinmedizin absolvieren. Südtirols Institut für Allgemeinmedizin hat 2022 eine Umfrage unter Medizin-Studierenden in Innsbruck und unter Ärztinnen und Ärzten in Ausbildung in Innsbruck und an allen Krankenhäusern mit Ausbildungsberechtigung im Bundesland Tirol durchgeführt. Die Erhebung ging der Frage nach, welche Faktoren die Wahl des Hausarztberufes begünstigen oder behindern. Aus der Erhebung konnten zehn Vorschläge für Maßnahmen gegen den Mangel an Hausärztinnen und Hausärzten in Südtirol abgeleitet werden:

1. Mehr Zusatzdiagnostik in den Hausarztpraxen (z.B. Ultraschall, EKG, Spirometrie)
2. Mehr Gemeinschaftspraxen mit bereitgestelltem nicht-ärztlichem Personal
3. Bürokratieabbau für mehr Betreuungsqualität, wo immer möglich
4. Anstellungsverhältnis aller Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung
5. Aufwertung der allgemeinmedizinischen Ausbildungstätigkeit im Krankenhaus unter Tutoren
6. Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Krankenhäusern und Hausarztpraxen
7. Teilzeitbeschäftigungen in Hausarztpraxen
8. Werbung für die Südtiroler Ausbildung in Allgemeinmedizin an Universitäten in Italien, Österreich und Deutschland
9. Stärkere Verankerung der Allgemeinmedizin im Medizinstudium
10. Facharzt für Allgemeinmedizin auch in Italien

„Ich bin davon überzeugt, dass die Einführung des Medizinstudiums in Bozen ab Herbst 2024 und die damit verbundene Verankerung der Allgemeinmedizin in Praxis und Theorie ein zentraler Lösungsansatz sein kann, um dem Hausarztmangel entgegenzuwirken“, sagt Dr. Adolf Engl. „Darüber hinaus müssen wir endlich das alte Modell des allein arbeitenden Hausarztes aufgeben“, ergänzt Dr. Giuliano Piccoliori. „Junge Ärztinnen und Ärzten wollen sich viel lieber in einem Team weiterentwickeln. Zudem müssen Hausärztinnen und Hausärzte viel stärker von Aufgaben entlastet werden, die nicht rein medizinischer Natur sind. Das setzt Zeit und Energie für die Betreuung der Patienten frei. Der Einsatz von zusätzlichen diagnostischen Mitteln würde einen gezielteren Diagnoseweg ermöglichen und die berufliche Zufriedenheit der Ärztinnen und Ärzte erhöhen. Südtirol kann diese Entwicklung mit Ressourcen fördern und dem Beispiel anderer Regionen (z.B. Veneto) folgen“, unterstreicht Dr. Piccoliori.

Ausbildung 2024–2027

Die nächste Ausbildung in Allgemeinmedizin in Bozen beginnt im Frühjahr 2024. Die Gesuche für die erste Session können bis spätestens 5. Februar 2024 (12.00 Uhr) eingereicht werden, die Gesuche für die zweite Session sind hingegen vom 2. Mai bis spätestens 31. Mai 2024 (12.00 Uhr) einzureichen. Alle Infos dazu gibt es hier!

Von: mk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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3 Kommentare auf "Südtirol braucht neue Hausärzte"


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N. G.
N. G.
Kinig
1 Monat 6 Tage

Seit 2 Jahrzehnten frage ich mich persönlich warums in Südtirol nicht Zusatzdiagnostik und Gemeinschaftsoraxen mit Sekretariat gibt. Ganz Europa arbeitet zumindest in Großstädten auf dir Weise und die Kosteneinsparungen und Mehrwert liegen auf der Hand. Nur Südtiroler bekommen es nicht hin!

Faktenchecker
1 Monat 6 Tage

Ganz Europa mit Gemeinschaftsoraxen ?? Was für ein Oraxel 😂😂😂😂😂

thomas
thomas
Kinig
1 Monat 6 Tage

Südtiroler brauchen keine Hausärzte

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