Von: apa
Ein “unglaubliches Polarlicht” war in der Nacht auf Dienstag über Österreich zu sehen, berichtete Christian Möstl, Leiter des Austrian Space Weather Office von Geosphere Austria in Graz. Verantwortlich dafür war ein starker Sonnensturm, der auf das Magnetfeld der Erde traf und weltweit in vielen Regionen beeindruckende Polarlichter verursachte. Vor allem im westlichen Österreich waren die Nordlichter bei klarem Himmel gut zu beobachten, aber selbst in Wien waren sie zu sehen.
“Der aktuelle Sonnensturm erreichte nahe der Erde eine außergewöhnlich hohe Feldstärke von 91 Nano-Tesla, was dem Zehnfachen des Durchschnittswerts entspricht”, so Möstl in einer Aussendung von Geosphere Austria. Es war damit die höchste Feldstärke seit Beginn der Aufzeichnungen der Weltraumwetter-Forscher, die 1995 begannen – also die höchste seit 31 Jahren. Mit einer Geschwindigkeit von rund 1.178 Kilometer pro Sekunde war es zudem der schnellste Sonnensturm des aktuellen Sonnenzyklus, der die Erde getroffen hat.
Nicht stärkster geomagnetischer Sturm
Zur Überraschung der Forscherinnen und Forscher hat der außergewöhnlich starke Sonnensturm nicht den stärksten geomagnetischen Sturm des derzeitigen Sonnenzyklus ausgelöst. “Der Grund dafür liegt in der Ausrichtung des Magnetfeldes im Inneren des Sturms: Dieses war nahezu exakt nach Norden gerichtet und damit ungünstig orientiert, um effizient mit dem Erdmagnetfeld zu koppeln”, so Möstl. Wäre die Ausrichtung entgegengesetzt gewesen, hätte sehr wahrscheinlich der stärkste geomagnetische Sturm seit 1989 auftreten können, möglicherweise sogar seit 1921. Wäre das der Fall gewesen, hätte es auch großflächige Stromausfälle geben können. So wurde es immerhin noch eine der vier stärksten Polarlichtnächte im aktuellen Sonnenzyklus.
Auch Erwin Filimon, Obmann des Astronomischen Arbeitskreises Salzkammergut und der Sternwarte Gahberg, schilderte gegenüber der APA begeistert und detailliert den Ablauf der Aurora borealis: Das erste rote Polarlicht sei gegen 21.30 Uhr zu sehen gewesen, ab 22.00 Uhr war auch grünes Polarlicht erkennbar, das sich laufend verstärkte. “Gegen 22.15 Uhr war das Polarlicht bis in etwa in die Höhe des Polarsternes zu sehen. Ab 22.13 Uhr gab es auffällige horizontale helle grün-gelbe Polarlichtbänder im Grenzbereich des roten und grünen Polarlichts. Diese grünen Polarlichtbänder wurden immer heller und größer und wanderten auch immer höher in den Bereich der roten Polarlichterstreifen. Gegen 23 Uhr wurden aus den Bändern grüne Flecken teilweise mit streifiger Struktur”, so Filimon. Nach 23.00 Uhr verlor die Leuchterscheinung langsam an Intensität.
ESA-Raumsonde ermöglichte Vorhersage
Die ESA-Raumsonde “Solar Orbiter” lieferte laut Möstl wertvolle Hinweise zur Entwicklung des Sonnensturms und ermöglichte eine fundierte Vorhersage einige Stunden im Voraus. Der Sturm hatte die Sonde bereits in einer Distanz von rund 110 Millionen Kilometern passiert, wodurch die Magnetfeldstruktur des Ereignisses frühzeitig bekannt war.
Polarlichter sind ein Ergebnis der Aktivität der Sonne, die in einem etwa elfjährigen Zyklus schwankt. Der momentane Zyklus hat 2024 sein Maximum mit relativ vielen Sonneneruptionen erreicht und laut Möstl hält diese Phase mit vermehrten Magnetfeldern, die als Sonnenflecken sichtbar sind, auch 2026 noch an. Dabei können sich bei koronalen Massenauswürfen sehr viele geladene Partikel mit großer Geschwindigkeit von der Sonnenoberfläche lösen. Trifft dann dieser geomagnetische Sturm auf das Magnetfeld der Erde, hat das mitunter spürbare Auswirkungen. Dabei können nicht nur eindrucksvolle Polarlichter entstehen, sondern auch Satellitensysteme – etwa zur Positionsbestimmung auf der Erde – oder Rundfunksignale erheblich gestört und auch Stromnetze beeinträchtigt werden.
Probleme an Satelliten, Navigationssystemen und Stromnetzen durch das aktuelle Ereignis sind laut Möstl vorerst nicht bekannt, Störungen von satellitengestützten Navigationssystemen seien aber nicht ganz auszuschließen. Durch den geomagnetischen Sturm seien auch erhöhte Strahlungswerte für Astronauten und Flüge auf polaren Routen zu erwarten.
(S E R V I C E – Österreichisches Space Weather Portal: https://swap.geosphere.at/index.php/at/ ; Austrian Space Weather Office: https://helioforecast.space/ )




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