Begehrtes Land mit dunkler Vergangenheit

160.000 Tote: Die Geisterinsel vor Venedig

Samstag, 10. Januar 2026 | 08:25 Uhr

Von: idr

Venedig – Nur wenige Kilometer südlich der berühmten Lagunenstadt Venedig liegt ein Stück Land, das jahrhundertelang von düsteren Geheimnissen und Schweigen umhüllt wurde. Poveglia, oft als „Geisterinsel“ oder „Insel der Toten“ bezeichnet, hatte mit ihrer solitären Stellung dabei zahlreiche Funktionen: als Exil für 160.000 Pestkranke, als Alcatraz für Seefahrer und als Nervenanstalt für psychisch Kranke.

Die gerade einmal 7,5 Hektar kleine Insel blickt auf eine unrühmliche Vergangenheit zurück. Bereits im fünften Jahrhundert sollen Flüchtlinge vor den Hunnen hier Schutz gesucht haben. Im Mittelalter lebten venezianische Familien auf dem Eiland, bevor es im vierzehnten Jahrhundert nahezu entvölkert wurde. Was folgte, prägte den Ruf der Insel bis heute.

Poveglia - Die Insel der Toten vor Venedig
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Pest, Kerker und Irrenanstalt

Ende des achtzehnten Jahrhunderts wurde ein provisorisches Lazarett für Pestkranke errichtet, die Insel unter Quarantäne gestellt und mit bewaffneten Booten von der Außenwelt abgeriegelt. Tausende Kranke wurden hierher verbannt, viele von ihnen starben qualvoll. Die Leichen verbrannte man und vergrub sie in Massengräbern, um die Seuche einzudämmen. Schätzungsweise 160.000 Menschen sollen auf der Insel so verendet sein.

Poveglia - Die Insel der Toten vor Venedig
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Ab den 1920er Jahren diente Poveglia als psychiatrische Klinik, die für unmenschliche Bedingungen berüchtigt war. Angeblich sollen hier Lobotomien und andere grausame medizinische Experimente an Menschen durchgeführt worden sein – hierfür gibt es jedoch keine historischen Belege.

Legenden wie die des praktizierenden Arztes, der verrückt wurde und sich vom Kirchturm der Insel stürzte, sind vergleichsweise jung. Eine amerikanische Fernsehsendung über Paranormales prägte in den 2000er Jahren das düstere Image, das Poveglia bis heute anhaftet.

Poveglia - Die Insel der Toten vor Venedig
facebook/Adam Mark Explores

Insel der Toten heute

Seit den 1970er Jahren steht die Insel leer. Verfallene Gebäude, überwucherte Gärten und bröckelnde Mauern zeichnen ein finsteres Bild einer düsteren Vergangenheit. Das Betreten der Insel ist strengstens verboten. Jahrzehntelang schien Poveglia vergessen – bis 2014 der italienische Staat beschloss, das 99-jährige Nutzungsrecht zu versteigern. Venedigs heutiger Bürgermeister Luigi Brugnaro plante einen Hotelkomplex auf der Insel.

Doch die Venezianer wehrten sich. Mehr als 4.500 Menschen schlossen sich zur Bürgerinitiative „Poveglia per tutti“ (Poveglia für alle) zusammen. Sie wollten verhindern, dass aus der historischen Insel ein weiteres Luxusresort für zahlungskräftige Touristen wird. Ihr Ziel: die Insel als öffentlichen Park für die Bewohner Venedigs zurückzugewinnen.

Bleibt die Geisterinsel erhalten?

Anfang Juli 2025 entschied die zuständige Behörde, dem Verein für sechs Jahre einen Teil der Insel zu überlassen. Nun soll Poveglia zu einem grünen Rückzugsort werden – mit Spazierwegen, Naturschutz und Platz zum Durchatmen, fernab vom Massentourismus. Doch der Kampf ist nicht gewonnen: Sollte sich innerhalb der sechs Jahre ein kaufkräftiger Investor finden, erlischt die Erlaubnis für den Verein.

Ob Geisterinsel oder Hoffnungsträger: Poveglia bleibt ein Ort mit einer bedeutenden Vergangenheit. Ihn wegen kurzfristiger monetärer Ziele auszulöschen, wäre den Tausenden Toten nicht gerecht. Abgesehen davon, dass der Standort vor Venedig begehrt und lukrativ wäre: Wer möchte schon Urlaub auf einer Insel machen, auf der die Erde von 160.000 Toten genährt wird?

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