Stadt zehn Jahre nach Beben noch nicht wiederaufgebaut

249 Glockenschläge – und Amatrice wartet noch immer

Freitag, 21. August 2026 | 08:00 Uhr

Von: importer

Zehn Jahre sind vergangen – doch in Amatrice ist die Erinnerung an die Nacht des 24. August 2016 noch immer lebendig. Wenn am kommenden Montag eine Glocke 249 Mal ertönt, werden die Bewohner an jene Menschen erinnert, die das schwere Erdbeben nicht überlebt haben. Gleichzeitig steht die Stadt weiterhin vor einer gewaltigen Aufgabe: Der Wiederaufbau des historischen Zentrums ist auch ein Jahrzehnt nach der Katastrophe nicht abgeschlossen.

Um 3.36 Uhr soll es in Amatrice am Montag ganz still werden. Genau zu jener Uhrzeit, zu der das Erdbeben vor zehn Jahren die mittelitalienische Stadt erschütterte, wird eine Glocke 249 Mal läuten – für jedes Todesopfer aus Amatrice und der benachbarten Gemeinde Accumoli. Angehörige und Freunde der Opfer werden dabei sein. Am Montagvormittag folgt eine Gedenkmesse. Es sind Momente des Erinnerns, aber auch des Innehaltens in einer Stadt, deren Gesicht sich durch die Katastrophe für immer verändert hat.

Große Teile des historischen Zentrums zerstört

Das Beben am 24. August 2016 hatte eine Magnitude von 6,2 und zerstörte große Teile des historischen Zentrums von Amatrice sowie zahlreiche Gebäude in den umliegenden Orten. Insgesamt starben rund 300 Menschen, Zehntausende verloren ihre Wohnungen. Die Schäden wurden auf rund 23 Milliarden Euro geschätzt. Das italienische Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) bezeichnete das Beben als das verheerendste Erdbeben in Italien der vergangenen 100 Jahre.

Wer heute durch Amatrice zieht, erlebt eine Stadt zwischen Vergangenheit und Neubeginn. Kräne ragen über den Dächern auf, Baustellen ziehen sich durch die Straßen. An manchen Stellen stehen bereits neue, moderne Häuser. An anderen erinnern Absperrungen, Gerüste und Ruinen noch immer an das zerstörerische Erdbeben. Der Wiederaufbau ist in den vergangenen Monaten zwar deutlich schneller geworden, mittlerweile sind rund 38 Prozent der beschädigten Gebäude wiederhergestellt. Doch vor allem im historischen Zentrum ist von einem endgültigen Neubeginn noch wenig zu sehen.

Teil des alten Ortskerns weiterhin gesperrt

Ein großer Teil des alten Ortskerns liegt weiterhin hinter Absperrungen. Zwei Türme, die das Beben überstanden haben, ragen aus der teilweise zerstörten Umgebung heraus. Für viele Bewohner ist die Rückkehr nach Hause weiter keine Selbstverständlichkeit. Nach Angaben aus der Region lebt noch ein großer Teil der ursprünglich evakuierten Bevölkerung in Unterkünften für Erdbebenopfer. In Amatrice sind es rund 1.000 Menschen – etwa 60 Prozent der Bevölkerung. Manche Familien müssen voraussichtlich noch mindestens ein weiteres Jahr warten, bevor die Arbeiten an ihren Häusern beginnen können.

Zwar hat der Staat nach der Katastrophe zugesagt, den überwiegenden Teil der Wiederaufbaukosten zu übernehmen. In der gesamten Erdbebenregion wurden inzwischen öffentliche und private Wiederaufbauprojekte im Umfang von rund 22,7 Milliarden Euro genehmigt und rund zehn Milliarden Euro nach den vorliegenden Angaben bisher ausgezahlt. Doch Geld allein hat den Wiederaufbau nicht beschleunigt. Wie bei anderen schweren Erdbeben in Italien – etwa nach der Katastrophe von L’Aquila im Jahr 2009 – geriet auch der Wiederaufbau in Amatrice immer wieder ins Stocken. Komplexe Genehmigungsverfahren, Rechtsstreitigkeiten und wechselnde politische Prioritäten verlangsamten zahlreiche Projekte. Besonders schwierig ist die Wiederherstellung der dicht bebauten historischen Viertel.

Viele Häuser haben mehrere Eigentümer. Nachlassfragen sind teilweise ungeklärt, Grundstücks- und Besitzverhältnisse müssen geklärt werden. Dadurch kann bereits ein einzelner Bauantrag zu einem komplizierten juristischen Verfahren werden. Auch die Corona-Pandemie bremste die Arbeiten. Hinzu kamen besonders strenge Kontrollen bei großen öffentlichen Aufträgen. Die Behörden wollten verhindern, dass die enormen Summen des Wiederaufbaus in die Hände der organisierten Kriminalität geraten. Die zusätzlichen Prüfungen führten teilweise zu weiteren Verzögerungen.

Einige Familien verlassen Gegend endgültig

Jahr für Jahr verlassen einige Familien die Gegend endgültig. Sie suchen anderswo Arbeit, bessere Perspektiven oder einfach einen Ort, an dem ihr Leben wieder ohne Baustellen stattfinden kann. Trotz aller Schwierigkeiten gibt es aber Zeichen des Neubeginns. Mehrere Geschäfte und Restaurants haben wieder geöffnet, auch Schulen funktionieren wieder. Das tägliche Leben ist damit zumindest teilweise zurückgekehrt.

Für die Überlebenden ist der langsame Wiederaufbau jedoch mehr als eine Frage von Bauzeiten und Genehmigungen. Mit den zerstörten Häusern gingen für viele Menschen Orte verloren, die über Generationen Teil ihrer Familiengeschichte waren. Jahrzehntelang kehrten Nachkommen ehemaliger Bewohner jeden Sommer nach Amatrice zurück – in Häuser, die von Eltern oder Großeltern vererbt worden waren, um den Urlaub dort zu verbringen.

Auch deshalb ist der Wiederaufbau für die Stadt eine Frage ihrer Zukunft. Es geht nicht nur darum, Gebäude wiederherzustellen, sondern darum, eine Gemeinschaft zu erhalten, die durch das Erdbeben, die lange Abwesenheit der Bewohner und deren schwierige Rückkehr zunehmend unter Druck geraten ist. Ob Amatrice als Stadt noch eine Zukunft haben wird, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen.

Kommentare

Aktuell sind 0 Kommentare vorhanden

Kommentare anzeigen