Von: luk
Rom/St. Moritz – Er meidet Talkshows, gibt kaum Interviews und tritt selten öffentlich auf – und steht doch an der Spitze der italienischen Vermögensrangliste. Andrea Pignataro ist laut aktuellen Schätzungen von Forbes mit einem Vermögen von rund 42,8 Milliarden US-Dollar der reichste Mann Italiens. Damit überholt er Giovanni Ferrero, der mehr als vier Jahre lang die nationale Rangliste angeführt hatte. Vor ihm hatte nur Leonardo Del Vecchio zeitweise Platz eins erreicht.
Der Führungswechsel vollzog sich jedenfalls ohne großes Aufsehen. Das dürfte ganz nach dem Geschmack des 1970 in Bologna geborenen Unternehmers gewesen sein.
Vom Mathematiker zum Fintech-Milliardär
Pignataro studierte Wirtschaft in Bologna, bevor er nach London zog und am Imperial College in Mathematik promovierte. Die Verbindung aus ökonomischem Denken und mathematischer Präzision prägt bis heute seinen unternehmerischen Ansatz: datengetrieben, systematisch, modellbasiert.
Seine Karriere begann er an der Wall Street bei der Investmentbank Salomon Brothers (später Teil von Citigroup). Dort erkannte er früh, dass die Finanzwelt zunehmend von Software, Algorithmen und automatisierten Prozessen bestimmt werden würde und weniger von menschlicher Intuition.
ION Group: Ein Imperium aus Algorithmen
1999 gründete er die ION Group, ein Unternehmen für Software und technologische Infrastruktur im Finanzsektor. Die Grundidee: komplexe Handels- und Analyseprozesse automatisieren und schneller sowie präziser machen als es Menschen könnten.
Heute zählt ION zu den weltweit wichtigsten Anbietern von Plattformen für Trading, Risikomanagement und Finanzdatenverarbeitung. Ein bedeutender Teil des globalen Handels mit Aktien, Anleihen und Derivaten läuft über Systeme des Konzerns. Zu den Kunden gehören internationale Großunternehmen wie Amazon und Microsoft ebenso wie zahlreiche Banken und Finanzinstitute.
Das Wachstum erfolgte vor allem durch gezielte Übernahmen. Unternehmen wie Dealogic (Kapitalmarktanalysen) und Fidessa (Software für institutionellen Handel) wurden in die Gruppe integriert. Der Gesamtwert der Aktivitäten wird auf rund 30 Milliarden US-Dollar geschätzt. Über die in Luxemburg ansässige Holding Bessel Capital steuert Pignataro sein Firmengeflecht.
Beobachter vergleichen ihn inzwischen mit Michael Bloomberg – nicht nur wegen des Geschäftsmodells im Bereich Finanzdaten, sondern auch wegen gemeinsamer Stationen bei Salomon Brothers. Der Abstand zwischen beiden Konzernen ist in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft.
Milliardeninvestitionen in Italien
Obwohl Pignataro in St. Moritz lebt, bleibt Italien ein zentraler Investitionsstandort. In den vergangenen Jahren erwarb er unter anderem das Analyseunternehmen Cerved sowie den IT-Dienstleister Cedacri. Zudem beteiligte er sich an Banken wie der Banca Monte dei Paschi di Siena und Illimity Bank und stieg mit der Übernahme von Prelios in den Immobiliensektor ein.
Auch in seiner Heimatregion setzt er Akzente: Mit dem Einstieg bei Macron investierte er in eine der bekanntesten Marken Bolognas.
Andrea Pignataro verkörpert damit eine neue Form des Kapitalismus: global vernetzt, technologisch geprägt und dennoch strategisch in der Heimat engagiert. Er ist der reichste Mann Italiens – und bleibt doch ein Mann der leisen Töne, der im Hintergrund einen entscheidenden Teil der weltweiten Finanzinfrastruktur bewegt.




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