Schlampige Überprüfungen und zweifelhafte Adoption: Nicole Minetti [41] im Zwielicht – VIDEO

Dunkle Schatten über Begnadigung eines ehemaligen Berlusconi-Showgirls

Freitag, 01. Mai 2026 | 08:15 Uhr

Von: ka

Rom – Laut der 41-jährigen Nicole Minetti und ihrem Lebenspartner, dem 60-jährigen Unternehmer Giuseppe Cipriani, der an der Spitze eines Immobilienimperiums steht, hätte die Begnadigung des ehemaligen Berlusconi-Showgirls und Kurzzeitpolitikerin lautlos über die Bühne gehen sollen. Doch seitdem Investigativjournalisten in Italien und Uruguay – dem Herkunftsland des Adoptivkindes – das Verfahren genau unter die Lupe nehmen, werden die Zweifel und Unstimmigkeiten immer deutlicher.

Nicole Minetti wurde im Rahmen der Prozesse „Rubygate” und „Rimborsopoli” wegen Begünstigung der Prostitution, Unterschlagung und Betrugs zu insgesamt drei Jahren und elf Monaten Haft verurteilt. Nun riskiert sie sogar den Widerruf ihrer Begnadigung. Für alle am Begnadigungsverfahren Beteiligten – unter anderem auch für das Justizministerium – ist der politische Schaden bereits jetzt immens, denn im Raum steht der Vorwurf der Schlamperei.

Nicole Minetti gehört zu den schillerndsten „Darstellerinnen” der Berlusconi-Jahre. Die 1985 in Rimini geborene Tochter eines Italieners und einer Engländerin schloss ihr Studium als Zahnarzthelferin und in den Wissenschaften der technischen und pflegerischen Gesundheitsberufe in Mailand erfolgreich ab. Bereits während ihres Studiums verschafften ihr ihre ausgezeichneten Englischkenntnisse und ihr sehr gutes Aussehen kleine Rollen als Velina im Fernsehen und als Hostess auf Messen. Auf der Mailänder Motorradmesse EICMA am Stand von Publitalia ’80 bekam sie im Jahr 2008 die Gelegenheit, Silvio Berlusconi zu treffen, den sie zutiefst bewunderte.

Facebook/Nicole Minetti

Offensichtlich war der damalige Ministerpräsident sofort Feuer und Flamme für die schöne Italobritin. Später gestand Nicole Minetti eine sexuelle Beziehung zu Silvio Berlusconi. Der als Il Cavaliere bekannte Medientycoon setzte auch durch, dass Nicole Minetti, die politisch völlig unerfahren war, für die Regionalratswahlen der Lombardei einen sicheren Listenplatz erhielt. Im März 2010 wurde sie für Forza Italia prompt in den Regionalrat gewählt.

ANSA / MATTEO BAZZI

Nicole Minettis Leben hätte in sicheren Bahnen verlaufen können, wenn sie im Oktober desselben Jahres nicht in den sogenannten „Rubygate” um Berlusconis „Muse”, die 17-jährige Marokkanerin Karima El Mahroug, genannt „Ruby”, geraten wäre. Im Rahmen des Ruby-Prozesses wurden gegen sie und weitere Personen Ermittlungen wegen Begünstigung der Prostitution eingeleitet.

Nach mehreren Prozessen wurde sie 2019 endgültig zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt. Aufgrund unerlaubter Spesenabrechnungen, die sie als lombardische Regionalratsabgeordnete getätigt hatte, wurde sie 2021 darüber hinaus zu einer weiteren Haftstrafe von einem Jahr und einem Monat wegen Betrugs und Unterschlagung verurteilt.

Instagram/Nicole Minetti

Nach ihrem erzwungenen Ausscheiden aus dem Regionalrat im Jahr 2012, den endgültigen Urteilen und Berlusconis Tod, verschwand Nicole Minetti von der Bildfläche. Die heute 41-jährige Frau, die zu insgesamt drei Jahren und elf Monaten Haft verurteilt wurde, stellte 2022 einen Antrag, ihre Strafe mit Sozialdiensten abzuleisten. Bald darauf begann sie jedoch, eine Begnadigung anzustreben, die sie im Februar dieses Jahres erfolgreich erringen konnte.

Die humanitären Gründe, aufgrund derer Nicole Minetti begnadigt wurde, liegen fast ausschließlich im Ausland. Bis 2024 hatte sie ihren Wohnsitz in Uruguay, kehrte dann jedoch nach Italien zurück, um ihre Strafe mit Sozialdiensten zu verbüßen. Im Jahr 2023 erlangte sie in Uruguay die Adoption ihres kranken Sohnes, der in den Vereinigten Staaten behandelt wurde. Die Adoption wurde in Italien bestätigt.

Die Notwendigkeit, dass das Kind seine Behandlung in Boston fortsetzen kann, sowie seine Bindungen zu seinem Geburtsland, aus dem es vor zwei Jahren mitgenommen wurde, um seiner neuen Mutter zu folgen, sind der Grund für die Minetti gewährte Gnade. So kann sie je nach den Bedürfnissen ihres Sohnes nach Italien aus- und wieder einreisen. Hätte sie die Strafe unter Aufsicht der Sozialdienste verbüßen müssen, wäre ihr der Reisepass entzogen worden, was jede Ausreise unmöglich gemacht hätte.

Allerdings wurden hinsichtlich der Rechtmäßigkeit dieser außerhalb der Landesgrenzen begründeten Voraussetzungen keine Überprüfungen vorgenommen, bevor das Gnadengesuch dem Präsidenten der Republik vorgelegt wurde. Man beschränkte sich darauf, die im Juli 2025 von der Rechtsanwältin Antonella Calcaterra unterzeichneten und eingereichten Unterlagen als gültig anzuerkennen. Sie ist in Justizkreisen für die Korrektheit ihrer Arbeit bekannt.

Als Minettis Begnadigung in Italien jedoch öffentlich bekannt wurde, begannen die Medien, den Fall näher zu beleuchten – und die Zweifel wuchsen schnell.

Laut Il Fatto Quotidiano hat das Kind, für das Minetti um Begnadigung ersucht hat, eine Mutter in Uruguay, die inzwischen verschwunden ist, sowie einen inhaftierten Vater. Um das Sorgerecht für das Kind zu erlangen, reichten Minetti und ihr Lebensgefährte, der millionenschwere Immonilienunternehmer Giuseppe Cipriani, im Jahr 2023 eine Klage gegen die leiblichen Eltern ein, die sie gewannen. Noch bevor sie das Sorgerecht erhielten, sollen sie das Kind zu einer Operation in die USA gebracht haben.

Die Anwältin, die die leiblichen Eltern vertreten hatte, kam zusammen mit ihrem Ehemann unter verdächtigen Umständen bei einem Brand in ihrem Haus ums Leben.

Im Antrag auf Begnadigung fügten Minettis Anwälte ein Gutachten von Ärzten aus Boston bei. Demnach sei für die Gesundheit des Kindes „die ständige Anwesenheit der Mutter notwendig“. Laut Il Fatto quotidiano behaupteten sie außerdem, das Kind sei „bei der Geburt zurückgelassen“ worden. Diese Umstände wurden von den beteiligten Richtern und dem Ministerium offenbar als ausreichend erachtet. Daraufhin wurden die Unterlagen an den Quirinalspalast, den Amtssitz des Staatspräsidenten, weitergeleitet.

In den Artikeln des Il Fatto quotidiano wird berichtet, dass es vor der Unterbringung in der Pflegefamilie üblich war, dass Minetti und ihr Lebensgefährte Kinder, die in einem der bedeutendsten Waisenhäuser Uruguays, dem INAU, lebten – darunter auch der betroffene Minderjährige – auf ihre Ranch „La Barra“ in Punta del Este einluden. Überdies sollen sie die Einrichtung mit Spenden unterstützt haben. Laut der Zeitung soll Minetti eine Rolle bei der Auswahl der „jungen Frauen” in einem Prostitutionsring gespielt haben, der auf der Ranch ihres Lebensgefährten, einem Freund von Jeffrey Epstein, organisiert worden sei.

Es handelt sich um Vermutungen, die von anonymen Quellen aus dem Personal der Ranch genährt werden. In Italien und Uruguay läuft zu diesen Vermutungen kein Gerichtsverfahren. Doch sie reichen aus, um einen Schatten auf die tatsächliche Lebensänderung von Minetti zu werfen – eines der Schlüsselelemente im Bericht der Generalstaatsanwaltschaft beim Berufungsgericht Mailand. In diesem Bericht wurde die radikale Lebensänderung der ehemaligen Zahnhygienikerin hervorgehoben. Über ihre Anwälte bezeichnete sie die verbreiteten Informationen gestern als „unbegründet und schwerwiegend schädlich für ihren persönlichen und familiären Ruf“. Die Anwälte haben der Zeitung eine Abmahnung zugestellt und eine Klage angekündigt.

 

Inzwischen ermittelt jedoch auch Interpol, und selbst in Uruguay werden lautstark Zweifel angemeldet. „Diese Vorgehensweise bei Adoptionen galt als äußerst unzulässig“, berichten uruguayische Medien. Im Parlament werden Anfragen gestellt. „Wir wollen herausfinden, ob es sich hier auch um eine Form des Menschenhandels handelt. Es scheint, als hätten sich in einem Anwesen, in dem Partys stattfanden, Treffen ereignet. Wir wollen klären, ob tatsächlich Minderjährige, die vom INAU betreut wurden, dorthin gebracht wurden“, betont die Abgeordnete Graciela Barrera.

Instagram/Nicole Minetti

Nach einigen Tagen, in denen zahlreiche Artikel zu diesem Fall erschienen waren, stieg im Quirinalspalast die Verärgerung. Dies gipfelte in der Entscheidung, ein scharfes Schreiben mit der Bitte um Klarstellung an Justizminister Carlo Nordio zu veröffentlichen. Im Quirinal wird darauf hingewiesen, dass die Zuständigkeit für die Voruntersuchungen zu Begnadigungsanträgen „ausschließlich” beim Justizministerium liegt. Der Staatspräsident verfügt daher nicht über eigene Ermittlungsinstrumente und stützt seine Entscheidungen auf die ihm vorgelegten Unterlagen, einschließlich der Bewertungen der Richter, die in diesem Fall ausschlaggebend waren.

In dem scharfen Brief an das Justizministerium wird eine dringende Aufklärung über die „angebliche Unwahrheit der im Gnadengesuch dargelegten Angaben“ verlangt. Die Aufforderung ist unmissverständlich: „Es sind umgehend die erforderlichen Informationen einzuholen, um die Stichhaltigkeit dessen zu überprüfen, was in einem Artikel des Fatto Quotidiano geschrieben wurde.“

Das Justizministerium leitete umgehend Ermittlungen und Überprüfungen ein und bat die Mailänder Richter um Unterstützung bei einer „angemessenen Bewertung“. Ziel der erneuten Untersuchung ist es, mögliche Lücken in der befürwortenden Stellungnahme zur Begnadigung zu schließen. Diese Stellungnahme wurde am 9. Januar 2026 von der Generalstaatsanwaltschaft abgegeben und befasste sich mit einer „radikalen Abkehr“ der Verurteilten „von ihrer kriminellen Vergangenheit“.

In der italienischen Öffentlichkeit gehen die Wogen hoch. Die oppositionelle Demokratische Partei fordert sogar den Rücktritt des Justizministers. Sollten sich die Anschuldigungen als stichhaltig erweisen, stünde einer Widerrufung der Begnadigung nichts im Wege.

Zwischen „Festen” in Uruguay und auf Ibiza besteht der dringende Verdacht, dass das Berlusconi-Showgirl Nicole Minetti ihre Vergangenheit der „eleganten Abendessen” in Arcore mit dem Cavaliere nie ganz hinter sich gelassen hat. Bei der „Adoption” in Uruguay könnte es sich hingegen um einen der erschütterndsten Fälle dieser Art handeln.

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