Karikaturist widmet Schuljungen einfühlsame Zeichnung – VIDEO

Ertrunkene Träume: Der Junge mit dem Zeugnis

Freitag, 18. Januar 2019 | 08:18 Uhr

Mailand – Eine Pathologin, Cristina Cattaneo, die mit ihren Kollegen im Rahmen eines Pilotprojekts versucht, im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen einen Namen zu geben, machte in den Kleidern eines toten Flüchtlingsjungen eine traurige Entdeckung.

Der ungefähr 14 Jahre alte Junge trug sorgfältig zusammengefaltet und in einer Tasche eingenäht sein Schulzeugnis bei sich. In der Hoffnung auf ein besseres Leben hatte der namenlose Junge seine Reise nach Europa angetreten und hatte, um seine guten Absichten beweisen und seine Ausbildung fortsetzen zu können, sein Zeugnis mit Bewertungen in allen Fächern mitgenommen. Zusammen mit denen vieler anderer Flüchtlinge war aber auch der Traum des Jungen im Mittelmeer zu Ende gewesen.

APA/APA (AFP/SOS MEDITERRANEE)/MAUD VEITH

Die Geschichte des Jungen mit dem Zeugnis ist vielleicht die traurigste, die im Buch „Naufraghi senza volto“(Schiffbrüchige ohne Namen, Anmerkung der Redaktion) von Cristina Cattaneo erzählt wird. Cristina Cattaneo arbeitet am Labanof (Labor für forensische Anthropologie und Zahnmedizin an der Universität von Mailand) und versucht dort zusammen mit ihren Kollegen im Rahmen eines Pilotprojekts, im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen einen Namen und ein Gesicht zu geben.

Die sterblichen Überreste des Jungen gehörten zu einer Gruppe von 58 Opfern, die am 18. April 2015 beim Untergang eines Flüchtlingsbootes ihr Leben verloren hatten. Laut Schätzungen waren bei einer der größten Flüchtlingstragödien im Mittelmeer insgesamt mehrere Hundert Menschen, die seitdem als vermisst gelten, ertrunken. Die Leiche, die kleiner und leichter als die anderen war, zog sofort die Aufmerksamkeit der Pathologen auf sich. Anhand der noch nicht geschlossenen Wachstumsfugen an den Handwurzeln erkannten die forensischen Mediziner schnell, dass sie einen Jungen vor sich hatten, der wenig mehr als ein Kind war. Die Pathologen schätzten das Alter des Jugendlichen auf rund 14 Jahre.

Cristina Cattaneo/Naufraghi senza volto/Raffaello Cortina Editore

Als Cristina Cattaneo die Kleider des Jungen, der nur eine Jacke, ein Hemd und Jeans anhatte, durchsuchte, stieß sie auf einen Umschlag, den der Junge, um in ja nicht zu verlieren, in eine Tasche eingenäht hatte. Im Umschlag befanden sich mehrere, sorgfältig gefaltete Papiere. Um die vom Meerwasser durchtränkten Papiere ja nicht zu beschädigen, öffnete die Pathologin sorgfältig die Falten. Dann begann sie, zu lesen. In verblassten aber noch immer recht gut leserlichen Worten stand ganz oben auf dem Papier „Bulletin scolaire“. In der Kolonne darunter wurden auf Französisch die in den verschiedenen Fächern wie „mathematiques“ und „sciences physiques“ erzielten Noten und Bewertungen aufgelistet.

Twitter/MRita Gallozzi

„Es ist ein Zeugnis, ein Schulzeugnis“, rief laut einer der Pathologen. Dann senkten sich die Blicke der Ärzte. „Wir dachten alle das Gleiche“, erinnerte sich später Cristina Cattaneo. Mit wie vielen Erwartungen und Hoffnungen war der kleine, aus Mali stammende Junge aus seiner Heimat aufgebrochen, um in Europa ein neues Leben zu beginnen. Über eine lange Reise hinweg hatte er sein wertvolles und sorgfältig verstecktes Zeugnis bei sich getragen, von dem er sich vermutlich erhofft hatte, dass es ihm auf dem europäischen Kontinent eine weitergehende Ausbildung ermöglicht hätte. Zusammen mit denen vieler anderer Flüchtlinge war auch der Traum des Jungen im Mittelmeer geendet.

Leider ist das Schicksal des Jungen typisch für viele Ertrunkenen. Die Internationale Organisation für Migration schätzt, dass in den letzten Jahren rund 30.000 Menschen beim Versuch, das europäische Festland zu erreichen, im Mittelmeer ihr Leben verloren haben. Von diesen Opfern bleiben ungefähr 60 Prozent ohne Namen.

Der Zeichner und Karikaturist Makkox, der für verschiedene italienische Medien wie „L’Espresso“ und „Il Foglio“ arbeitet, hat aber trotzdem versucht, dem 14-Jährigen aus Mali ein Gesicht zu geben und hat ihm in der Ausgabe des 11. Januar der Zeitung „Il Foglio“ eine einfühlsame Zeichnung gewidmet.

In der „Verlorene Schätze“ getauften Zeichnung bewundern ein Tintenfisch und ein Hai die Bestnoten des braven Schuljungen aus Mali.

Von: ka

Kommentare

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19 Kommentare auf "Ertrunkene Träume: Der Junge mit dem Zeugnis"


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Laempel
Laempel
Tratscher
1 Monat 5 Tage
Der Spruch der Bremer Stadtmusikanten “Komm, wir gehen fort in ein anderes Land, denn etwas Besseres als den Tod finden wir überall!” stimmt leider nur im Märchen. Im reellen Leben schlägt das Schicksal oft grausam und ungerecht zu. Der Junge mit dem Schulzeugnis hat sich auf die gefährliche Reise gemacht, um guten Willens und voller Hoffnung seine Träume für ein besseres Leben in einem vermeintlich besseren Land zu verwirklichen, wurde aber unterwegs ein Opfer skrupelloser Schlepper, die aus rein eigennützigen Gründen und ohne mit der Wimper zu zucken massenweise Menschen in Nussschalen ins Meer werfen und dort ihrem Schicksal überlassen.… Weiterlesen »
iuhui
iuhui
Universalgelehrter
1 Monat 5 Tage

viele von diese arme Kinder fliehen von was schlimmeres als den Tod! Wenn man Tag für Tag vergewaltigt wird oder wenn man Tag für Tag pausenlos Mineralien mit blosse Hände ausgraben muss, dann ist das viel schlimmer. Denn der Tod ist irgendwie ein Ende aller Elend; sie leben in einem Elend ohne Ende!

m69
m69
Kinig
1 Monat 5 Tage

https://www.suedtirolnews.it/user/laempel/

wie immer ein exzellenter Post von Ihnen!

Ps. Traurig, wir wissen nicht wieviele solcher Kinder auf dem Meeresgrund liegen! 🙁

ivo815
ivo815
Kinig
1 Monat 4 Tage

So ein Blödsinn. Europa ist nicht ein vermeintlich besseres Land, sondern definitiv besser. Der Junge ist auch nicht Opfer der Schlepper, sondern einer ausbeuterischen, egoistischen Wirtschaftspolitik und unser Wohlstandes. Er ist Opfer von empathielosen Populisten, die Scheinlösungen propagieren, was noch mehr Menschenleben kostet. Deswegen spar dir bitte dein unreflektiertes Rezitieren populistischer dumpfer Floskeln in Anbetracht dieses Elends

ivo815
ivo815
Kinig
1 Monat 4 Tage

@m69 wie immer, keinen Moment nachgedacht

iuhui
iuhui
Universalgelehrter
1 Monat 4 Tage

@ivo815
bravo ivo! Aber wie du siehst von den Minusdrücker, die Wahrheit schmerzt!

denkbar
denkbar
Kinig
1 Monat 4 Tage

@ivo. So ist es. Viele sollten reflektierte sich ein Gesamtbild machen, um die wahren Ursachen zu sehen und zu bekämpfen, die zur Ungerechtigkeit führen.

l OneManArmy l
l OneManArmy l
Superredner
1 Monat 4 Tage

@iuhui Aber est auch ein Ende ohne Ende.
Und ertrinken gehört zum längsten und schmerzhaftesten Tod.

aristoteles
aristoteles
Universalgelehrter
1 Monat 5 Tage

ja, traurige geschichte, aber wer hat das zugelassen? dank eines unermüdlichen salvini haben sicher viele kinder ein ähnliches schicksal vermieden

Anton
Anton
Grünschnabel
1 Monat 5 Tage

..aber, aber, aber
Wer Mitgefühl für’n Tod von an Kind hot, der kennt koan aber, weil aber nimmt in Tod von an Menschen in Kaf! Wos soll also des scheinheilige Getue!
und Kinder, liaber ari, haben nicht viele kinder vermieden und der Salvini vermeidet kein furchtbares Schicksal für Kinder, de erleben es lei in an anderen Ort!

m69
m69
Kinig
1 Monat 5 Tage

https://www.suedtirolnews.it/user/aristoteles/

finde ich auch,
und trotzdem müsste mehr getan werden, dass kein Kind im Meer, mehr umkommen muss!

aristoteles
aristoteles
Universalgelehrter
1 Monat 5 Tage

@Anton, lass „aber“ einfach weg. es ändert nichts

iuhui
iuhui
Universalgelehrter
1 Monat 5 Tage

wenn du es noch nirgendwo anders gelesen oder gehört hast, fahren und sterben jetzt die Migranten vor den Küsten Spaniens!! Und wenn sie nicht bei uns sterben, dann werden sie halt ein Leben lang in ihre Heimatorte geschlagen, beraubt, vergewaltigt, versklasvt, ausgenützt, ermordet!!

ivo815
ivo815
Kinig
1 Monat 4 Tage

Ja, danke Salvini! Danke für über 2200 Tote nur im vergangenen Jahr. Salvini, der Held, der seine Macht auf den Rücken tausender unschuldiger Leichen begründet. Wie rumreich

m69
m69
Kinig
1 Monat 4 Tage

https://www.suedtirolnews.it/user/ivo815/

Du bist ein linker Hetzter, machst aber den Linken sicher keine Freude damit,
was Du hier gepostet hast. Das ist eine Frechheit ohne Grenzen, den Tod von so vielen Menschen zu instrumentalisieren besonders Kindern, die schon wirklich garnichts dafür können, wenn diese auf diese tödliche Reise geschickt werden. Diese “deine” verunglimpfung, indem “Du” den Innenminister eines fremden landes dafür verantwortlich machst, wie dreist bist Du eigentlich?

PS. wieviele Tote, gab es eigentlich während der Amtszeit vom damaligen innenminister Minniti? Hast Du da auch so einen Schwachsinn gepostet?????

ivo815
ivo815
Kinig
1 Monat 4 Tage

@m69 nie hat es im Verhältnis zu den überfahrenden Menschen, so viele Tote gegeben. Deshalb solltes du, bevor du offensiv und beleidigend wirst, die Fakten studieren. Ansonsten einfach mal nix posten. Würde dss Niveau des Forums gewaltig anheben

denkbar
denkbar
Kinig
1 Monat 5 Tage

Die Zeichnung bringt viel Einfühlungsvermögen zum Ausdruck. Mit viel Zärtlichkeit weist sie auf eine menschliche Tragödie hin.
Ein Buch das die Würde des Menschen in den Mittelpunkt stellt und an die Unantastbarkeit dieser Würde erinnert.

typisch
typisch
Universalgelehrter
1 Monat 5 Tage

Ich hoffe doch das die einnahmen des buches an wohltätige zwecke gespendet wird

l OneManArmy l
l OneManArmy l
Superredner
1 Monat 4 Tage

Wir vergessen leider oft, dass das auch menschen sind.
Eigentlich ein Versagen der Menschheit

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