Der Bürgermeister von Crans Montana räumte öffentlich Versäumnisse ein

Gemeinde räumt Versäumnisse nach Feuer in Crans-Montana ein

Dienstag, 06. Januar 2026 | 21:36 Uhr

Von: APA/sda/dpa

Die Schweizer Gemeinde Crans-Montana hat nach dem Brandinferno in der Silvesternacht mit 40 Toten schwere Versäumnisse eingeräumt. Die eigentlich jedes Jahr vorgeschriebene Brandschutzkontrolle habe zuletzt 2019 stattgefunden, sagt der Präsident des Gemeinderats, Nicolas Féraud. “Wir bedauern dies zutiefst”, hielt er am Dienstag auf einer Pressekonferenz fest.

“In den Jahren 2020 bis 2025 wurde der Betrieb ‘Le Constellation’ nicht von einem Brandschutzexperten der Gemeinde kontrolliert”, gestand Féraud. Weshalb es zu dieser Lücke kam, konnte er nicht sagen: “Wir haben heute keine Erklärung dafür.” Die Justiz werde entscheiden, wer dafür verantwortlich sei. Vor Tagen hatte der Gemeindepräsident gegenüber Medien Vorwürfe noch zurückgewiesen, dass es beim Brandschutz “ein lasches Verhalten” der Gemeinde gegeben habe.

Auf eine Entschuldigung bei den Angehörigen der Opfer ließ Féraud sich bei einer Pressekonferenz nicht ein. Er kämpfte aber mit den Tränen, als er sagte: “Wir sind extrem traurig. Ich werde diese Last immer tragen, die Trauer der Familien, mein Leben lang.”

Vier Staatsanwältinnen für Ermittlungen abgestellt

Indes wurde am Dienstag bekannt, dass die Strafuntersuchung zur Brandkatastrophe von der Walliser Staatsanwaltschaft auf außergewöhnliche Weise geführt wird: Vier Staatsanwältinnen sind mit dem Fall betraut. “Ein Pool von vier Staatsanwältinnen wurde gebildet”, sagte die Walliser Generalstaatsanwältin Béatrice Pilloud am Dienstag der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Die stellvertretende Generalstaatsanwältin Catherine Seppey habe die Leitung des Verfahrens übernommen. “Ich behalte den Bereich Kommunikation und internationale Beziehungen”, fügte Pilloud hinzu.

Zwei weitere Staatsanwältinnen des Zentralamts vervollständigen dieses Quartett. Alle werden aktiv in die laufenden Ermittlungen eingebunden sein. Angesichts des Ausmaßes der Tragödie hat Pilloud ein außerordentliches Budget beim Justizrat, bei der Justizkommission des Großen Rates und beim Staatsrat beantragt. Ziel sei die Einstellung zusätzlichen Personals. Die Höhe der beantragten Mittel gab sie nicht bekannt.

Weiter bekräftigte Pilloud ihren Willen, die verschiedenen Anwälte der Opfer und ihrer Familien – im Gegensatz zu den Anwälten der Beschuldigten – von Einvernahmen auszuschließen, die von der Polizei im Auftrag der Staatsanwaltschaft geführt werden. “Eine Einschränkung des Teilnahmerechts an den nächsten Einvernahmen wurde den Privatklägern auferlegt, um das Verfahren zu beschleunigen, um Enthüllungen angesichts der medialen Aufmerksamkeit zu vermeiden und um die Untersuchung zu schützen”, erklärte Pilloud. Alle Parteien hätten jedoch Zugang zum vollständigen Dossier.

Rund 80 lebensbedrohlich Verletzte noch in Spitälern

Von den 116 Verletzten waren am Dienstag rund 80 noch mit teils lebensbedrohlichen Verletzungen im Krankenhaus. Viele werden inzwischen im Ausland behandelt, auch in Deutschland. Ihnen stehen teils unzählige Operationen, Hauttransplantationen und monate- oder jahrelange Behandlungen bevor.

Das Inferno in der Bar Le Constellation in der Silvesternacht wurde nach bisherigen Ermittlungen durch eine funkensprühende Partyfontäne ausgelöst. Sie setzte nach bisherigen Erkenntnissen schallisolierenden Schaumstoff an der Decke in Brand. Das Feuer breitete sich rasend schnell aus. Ob die verbaute Lärmschutzdecke den Vorschriften entsprach, ist weiter unklar. Die Gemeinde wisse nicht, ob die verwendeten Schaumstoff-Panels zertifiziert waren, sagte Gemeindepräsident Féraud: “Bei Kontrollen in der Bar in den Jahren 2017, 2018 und 2019 haben die Behörden keine Mängel an der verbauten Lärmschutz-Decke festgestellt.” Auch sonst sei der Sicherheitsbeauftragte der Gemeinde zum Schluss gekommen, dass alles den Normen entspreche. Der Barbetreiber habe ab 2015 selbst Innenarbeiten im Gebäude ausgeführt, für die keine gesetzliche Baubewilligung vorgeschrieben sei, erklärte der Gemeindepräsident.

Pyrotechnische Gegenstände in Gebäuden verboten

Indes hat der Gemeinderat als Sofortmaßnahme beschlossen, den Einsatz sämtlicher pyrotechnischer Gegenstände in geschlossenen Räumen auf dem gesamten Gemeindegebiet zu verbieten. Zudem werden unabhängige Dienstleister beauftragt, Brandschutzkontrollen im Ort durchzuführen.

Féraud belastete das Wirtepaar, gegen das bereits eine Strafuntersuchung eingeleitet worden ist, schwer. Er warf dem Paar Fahrlässigkeit vor. Es habe eine “Kultur der Rücksichtslosigkeit gegenüber Risiken” geherrscht. Einem zweiten Lokal, das die beiden Franzosen in Crans-Montana betreiben, sei die Betriebsgenehmigung entzogen worden.

Nach Angaben von Féraud war die Bar für je 100 Personen im Unter- und Obergeschoss zugelassen. Wie viele Menschen sich tatsächlich in der Schicksalsnacht dort aufhielten, müsse geprüft werden. Für die zugelassene Zahl an Besuchern seien genügend Ausgänge vorhanden gewesen. Ob sie zugänglich waren, sei ebenfalls Gegenstand der Ermittlungen. Das Wirtepaar habe 2015 eine Baubewilligung für den Bau einer Terrasse bekommen. Diese sei auch abgenommen worden. Für Änderungen im Innenausbau sei keine Genehmigung nötig, sagte Féraud.

Gemeindepräsident wies Korruption zurück

Warum nach 2019 keine Kontrollen stattfanden, könne er sich nicht erklären. Er wies zurück, dass womöglich Korruption im Spiel sein könne. Er habe keine persönlichen Beziehungen zu dem Wirtepaar, und das gelte nach seinen Informationen auch für die zuständigen Brandinspektoren. Die Regierung des Kantons Wallis prüft nach einer Mitteilung, inwieweit die Gesetzgebung zum Brandschutz angepasst werden müsse.

Angesichts der Wetterverhältnisse ist die öffentliche Trauerfeier am kommenden Freitag ab 13.45 Uhr in das Messe- und Kongresszentrum (Cerm) im Tal in Martigny verlegt worden. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat seine Teilnahme zugesagt. Womöglich kommt auch der italienische Präsident Sergio Mattarell. Abgesehen von Schweizern kamen die meisten Opfer aus Frankreich und Italien. Das Schweizer Außenministerium hat nach eigenen Angaben Einladungen an 35 Staaten verschickt, auch solche, die nun bei der Versorgung der Brandopfer helfen.

Finanzielle Unterstützung für Opfer

Die Opfer des Dramas sowie ihre Familien werden eine finanzielle Unterstützung erhalten. Das gab der Walliser Staatsrat am Dienstag nach einer außerordentlichen Sitzung bekannt. Die Modalitäten dieser Unterstützung müssen noch festgelegt werden.

Die Kantonsregierung prüft auch, inwieweit die Gesetzgebung zum Brandschutz nach diesem dramatischen Ereignis angepasst werden muss. Es wurde beschlossen, alle Gemeinden aufzufordern, sich mit jeder öffentlich zugänglichen Einrichtung in Verbindung zu setzen, um deren interne Verfahren, die Ausbildung ihres Personals sowie die derzeit bestehenden Sicherheitsvorkehrungen zu überprüfen. Der Kanton erinnerte daran, dass diese Einrichtungen regelmäßig von einem Brandschutzfachmann überprüft werden müssen. Gegebenenfalls müssten geeignete Maßnahmen ergriffen werden, um jegliches Risiko für Personen und Infrastrukturen zu vermeiden.

Im Wallis seien viele Gemeinden mit ihren Kontrollen überfordert, äußerten ein Brandschutzexperte und die Zermatter Gemeindepräsidentin am Dienstag gegenüber dem Schweizer Radio und Fernsehen (SRF). Man wolle die Bestimmungen für den Brandschutz nochmals neu anschauen. “Wenn ich da die Gemeinderessourcen anschaue, und da spreche ich sicher auch für andere Gemeinden, ist es oftmals ein Ressourcenproblem”, sagte die Zermatter Gemeindepräsidentin Romy Biner. Bis letztes Jahr sei nur eine Person für die Kontrollen in Zermatt zuständig gewesen, nun sei eine weitere angestellt worden. Man arbeite neu mit der Berner Gebäudeversicherung zusammen. “Vorher hatte man die Kontrollen immer durchgeführt, aber nicht in demselben Rhythmus, wie es das Gesetz verlangen würde”, sagte Biner weiter.

Dank an Rettungskräfte

Der Walliser Staatsrat Mathias Reynard dankte den Rettungskräften für ihr großes Engagement nach der Brandkatastrophe: “Ohne ihren Einsatz hätte das Feuer noch mehr Todesopfer gefordert.” Die Professionalität, Solidarität und Menschlichkeit der Rettungskräfte hätte Leben gerettet, sagte Reynard am Dienstag im Kantonsspital Sitten vor Medienschaffenden: “Wir sind stolz auf das Spital, das zu Beginn mehr als die Hälfte der Verletzten aufgenommen hat.”

Laut dem Gesundheitsdirektor des Kantons stieß das Spital an seine Kapazitätsgrenzen. Es handle sich um ein Ereignis, wie es das Wallis noch nie gekannt habe.

Indes soll eine italienische Reporterin im Zug ihrer Berichterstattung über die Brandkatastrophe in Crans-Montana angegriffen worden sein. Die Journalistin soll am Montagnachmittag mit eiskaltem Wasser übergossen worden sein, als sie gemeinsam mit einem Kameramann vor Ort über die tragischen Ereignisse berichten wollte. Italiens Außenminister Antonio Tajani verurteilte am Dienstag den Vorfall scharf. Die Journalisten hätten vor Ort gearbeitet, um die italienische Öffentlichkeit über die Folgen des Unglücks zu informieren, schrieb Tajani auf der Plattform X: “Bei allem Respekt für die Sensibilität der Situation müssen Journalistinnen und Journalisten ihre Arbeit frei ausüben können.” Schmerz und Trauer dürften keinesfalls Gewalt oder Einschüchterung gegen die Presse rechtfertigen.

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