Hohe Ansteckungszahlen befeuern wissenschaftliche Diskussion – VIDEO

Ist die “Immunschuld” für die Infektionswelle verantwortlich?

Dienstag, 06. Dezember 2022 | 07:05 Uhr

Rom – Während eine von Coronaviren, von Grippeviren und von Respiratorischen Synzytial-Viren (RSV) gebildete, gleichzeitig stattfindende starke Infektionswelle – eine „Tridämie“ – im Gange ist, ist unter Wissenschaftlern eine lebhafte Debatte im Gange, ob diese starke Welle nicht auf die Covid-19-Maßnahmen wie Maskenpflicht und soziale Distanzierung zurückzuführen sei. Bei diesen Expertendiskussionen spielt besonders das mögliche Vorhandensein einer „Immunschuld“ eine Rolle.

APA/APA/National Institute of Allergy and Infectious Diseases/HANDOUT

Drei Viren – das Coronavirus, das Influenzavirus und das Respiratorische Synzytial-Virus(RSV) – die im gleichen sozialen Umfeld und in derselben Jahreszeit aufeinandertreffen, verursachen doppelte und dreifache Infektionen, denen kaum zu entkommen ist. Bis vor Kurzem war es „nur“ die weit verbreitete Omikron-Variante des Coronavirus, die viele Südtiroler und Italiener ans Bett band, aber seit sich zur SARS-CoV-2-Pandemie auch die von den beiden anderen Viren verursachten Infektionen gesellen, gibt es kein Halten mehr. Italienweit werden die Notaufnahmen regelrecht gestürmt.

pixabay.com

Viele fragen sich, warum die Coronaschutzimpfung sowie der bereits durch eine frühere Infektion erworbene Schutz keine Wirkung zeigen und warum gerade das Respiratorische Synzytial-Virus heuer bei Kindern so aggressiv sei. Um dieses Phänomen zu erklären, beruft sich ein großer Teil der wissenschaftlichen Gemeinschaft auf das Konzept der „Immunschuld“.

ANSA/MAURIZIO BRAMBATTI

Einigen Experten zufolge wird mit diesem Begriff ein verminderter Immunschutz beschrieben, der auf die fehlende Exposition gegenüber einem Krankheitserreger zurückzuführen ist. Laut diesen Experten führten die Coronamaßnahmen wie die Maskenpflicht, die soziale Distanzierung sowie die „Stilllegung“ fast des gesamten öffentlichen Lebens, insbesondere der Schul- und Arbeitswelt, dazu, dass das Immunsystem weniger Gelegenheiten vorfand, die eigene Effizienz zu „trainieren“ und somit die Antikörperantwort zu stärken.

Vor allem im Hinblick auf das Respiratorische Synzytial-Virus, das derzeit unter Kindern und Neugeborenen am weitesten verbreitet ist, wird diese „Immunschuld“ in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet von Wissenschaftlern als besorgniserregend bezeichnet.

pixabay.com

In der medizinwissenschaftlichen Studie mit dem Titel „VRS: paying immunity debt with interest“ wird das Respiratorische Synzytial-Virus(RSV) mit 60 bis 80 Prozent der Krankenhauseinweisungen mit Bronchiolitis als Hauptverursacher der Winterepidemie genannt. Bronchiolitis ist in entwickelten Ländern bei Säuglingen die häufigste Ursache für Krankenhausaufenthalte. In diesem Zusammenhang wurden vonseiten einiger Experten „Bedenken geäußert, dass es in Zukunft aufgrund der sogenannten Immunschuld zu schwereren RSV-Epidemien kommen könnte“.

ANSA/MATTEO CORNER

„Da in diesem Fall eine vorübergehende Immunität durch die Exposition gegenüber dem Virus erreicht wird, wobei die mütterlichen Antikörper dazu neigen, schnell abzunehmen, ist diese Immunschuld bei RSV besonders besorgniserregend. Ohne saisonale Exposition lässt die Immunität nach und die Anfälligkeit für zukünftige und möglicherweise schwerere Infektionen steigt“, warnen diese Wissenschaftler.

APA/APA/National Institute of Allergy and Infectious Diseases/HANDOUT

Die Frage, wie hoch diese „Immunschuld“ sei und ob und falls ja, in welchem Maße die Coronamaßnahmen schuld an der starken „Tridämie“ seien, ist nicht leicht zu beantworten. Zunächst muss klargestellt werden, dass die Herbst- und Wintersaison seit jeher durch die Verbreitung von zwei Viren – den Respiratorischen Synzytial-Viren(RSV), gegen die es keine Impfung gibt und die in Europa jedes Jahr Zehntausende von Fällen und leider auch Todesfälle verursachen, und den Grippeviren – gekennzeichnet ist. Zu diesen beiden Viren gesellt sich das Coronavirus.

APA/APA/THEMENBILD/HANS PUNZ

„Die Beziehung zwischen dem Organismus und seiner Umwelt ist in der Wissenschaft unbestreitbar, und es ist unbestreitbar, dass die auf ein Minimum reduzierte Exposition gegenüber Reizen zu einer erhöhten Anfälligkeit für bestimmte Infektionen geführt hat“, erklärt der Leiter der klinischen Immunologie und Vakzinologie am Kinderkrankenhaus Bambino Gesù in Rom, Paolo Palma.

Eine am Kinderkrankenhaus Regina Margherita durchgeführte Studie bestätigt den Anstieg der von RSV verursachten Fälle von Bronchiolitis. Für die Mediziner ist dies ein Zeichen für das Vorhandensein dieser Immunschuld.

Andere Wissenschaftler hingegen üben an dieser Erklärung heftige Kritik. Die andere Hypothese der „Immunschuld“ sieht die Ursache für die Zunahme der Infektionen, insbesondere bei Kindern und Säuglingen, in der verzögerten Exposition gegenüber diesen Krankheiten in den letzten zweieinhalb Jahren, die auf die Coronamaßnahmen zurückzuführen sind. Nach dieser Erklärung würde es mindestens zwei Jahrgänge von Kindern und Kleinkindern geben, die durch die Aufhebung der bisher in den Schulen und Kindergärten geltenden Beschränkungen und Distanzierungen nun das erste Mal mehreren Viruserkrankungen gleichzeitig ausgesetzt sind.

Colin Furness, Epidemiologe für Infektionskontrolle und Professor an der Universität von Toronto, kann diesen Erklärungsversuchen wenig abgewinnen und glaubt vielmehr, dass der wahre Übeltäter das Coronavirus sei. Die Häufung der Krankenhausaufenthalte und die Zunahme schwerer Verläufe seien nicht auf Einschränkungen oder eine verzögerte Exposition gegenüber Krankheitserregern zurückzuführen, sondern auf das Coronavirus und dessen Fähigkeit, das Immunsystem zu schädigen.

„Es ist noch nicht klar, wie viel Schaden SARS-CoV-2 anrichten kann und welche langfristigen Auswirkungen es haben könnte“, meint Colin Furness. „Das ist das Einzige, worüber wir uns wirklich Sorgen machen sollten“, fügt der Immunologe hinzu. Ein Anliegen, das der Professor auch angesichts der Verbreitung des seiner Ansicht nach „irreführenden Konzepts der Immunschuld“ anmahnt. Der Meinung von Colin Furness zufolge lenkt die Debatte um die angebliche Existenz einer Immunschuld die Wissenschaft von den wichtigen Fragen ab, die eigentlich zu stellen sind, ab.

Aber die Debatte um die Immunschuld wird durch diese Diskussionen erst befeuert.

Von: ka

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

28 Kommentare auf "Ist die “Immunschuld” für die Infektionswelle verantwortlich?"


Sortiert nach:   neuste | älteste | Relevanz
Grantelbart
Grantelbart
Universalgelehrter
1 Monat 23 Tage

Nun da die Experten sich mal wieder uneins sind, ist das SN Forum mal wieder gefragt den Sachverhalt wissenschaftlich zu klären. Im Hinblick auf die Kinder gibt es meiner Meinung nach nur den eingeschlagenen Weg zurück zur Normalität in Schulen und Einrichtungen, nachdem diesen Krankheiten nicht mit Impfungen abgeholfen werden kann, muss man (mit Vorsicht und ohne Absicht) der Natur ihren Lauf lassen und hoffen, dass die Sanität damit klar kommt.

AlterSchwede
AlterSchwede
Tratscher
1 Monat 23 Tage

Uiiii Grantelbart, mit diesen Kommentar wirst du in 3, 2, 1, von der SN-Kommentare-Expertengruppe aber mächtig auf die Haube bekommen… 😱

So sig holt is
So sig holt is
Universalgelehrter
1 Monat 23 Tage

@AlterSchwede schaug nit so aus 😂

AlterSchwede
AlterSchwede
Tratscher
1 Monat 22 Tage

Glück ghop

Grantelbart
Grantelbart
Universalgelehrter
1 Monat 22 Tage

@alterschwede:
Ich warte.

Gescheide
Gescheide
Superredner
1 Monat 23 Tage

TRIDÄMIE – Wort des Jahres 😂😂😂😂 daidai…

N. G.
N. G.
Kinig
1 Monat 23 Tage

Sich darüber lustig zu machen wenn andere krank sind ist nicht “gescheit”! Schreib was vernünftiges und sonst geh zurück in Facebook oder Telegramm! Da ist dein Slang Gang und Gebe!

Do Teldra
Do Teldra
Tratscher
1 Monat 23 Tage

Vor an Monat hots nö Twindemie ghoassn… 🙈🙈

Faktenchecker
1 Monat 22 Tage

Schuld tregen die Maskenverweigerer.

Paladin
Paladin
Superredner
1 Monat 22 Tage

Naja der Artikel sagt eher das Gegenteil. Die Problematik scheint genau die zu sein, dass durch die Masken das Immunsystem nicht beansprucht wurde. Tja… die Natur hat halt ihre Wege…

Hustinettenbaer
1 Monat 22 Tage

@Paladin
So ganz eindeutig kommt mir der Zusammenhang nicht vor. Vielleicht muss man die japanischen Daten abwarten. Dort gehören Masken seit 2009 zum Alltag.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/schutz-aus-zellstoff-warum-so-viele-japaner-mundschutz-100.html

N. G.
N. G.
Kinig
1 Monat 23 Tage

Meine persönliche Meinung, Lockdowns ok, Impfung ok, Abstand halten auch ok aber gegenüber Masken war ich aus vielerlei Gründen immer skeptisch! Am meisten bei Kindern.
Jetzt ist es zu spät. Da es die erste Pandemie in der Neuzeit war und niemand ganz genau wusste was richtig wäre, sei es entschuldigt.

Eisenhauer
Eisenhauer
Grünschnabel
1 Monat 23 Tage

Hilfe!!!!! Wir werden alle sterben, früher oder später….

OrtlerNord
OrtlerNord
Superredner
1 Monat 22 Tage

Eisen…
schon frustrierend dumm zu sterben?

shanti
shanti
Tratscher
1 Monat 23 Tage

Noch mehr Masken tragen,dann wird es besser…LOOOL

Staenkerer
1 Monat 23 Tage
i bin nit sicher ob i von den text olles verstondn honn, wenn jo nor isch des ober nit so a neues phänomen denn a vor corona worn de kinder de “überbehütet, (nit im negativen sinn gemoant)” , also kinder de,soweit möglich, von jedem kontakt mit schmutz jeder ort weggehütet wurden, de als kloankinder “in watte gepockt” wurden, de, de im kindergortn oder spätestens in der schual schneller “olles aufgeklaub” hobn, als de kinder de von kloan auf unbeschwerter natur und umwelt erkunden konnten und sich a amoll dreckig mochn, für de körperkontakt mit ondre kinder und haustiere normal wor!… Weiterlesen »
mermer
mermer
Grünschnabel
1 Monat 22 Tage

Jo und impfn?

So sig holt is
So sig holt is
Universalgelehrter
1 Monat 23 Tage
“Einigen Experten zufolge wird mit diesem Begriff ein verminderter Immunschutz beschrieben, der auf die fehlende Exposition gegenüber einem Krankheitserreger zurückzuführen ist. Laut diesen Experten führten die Coronamaßnahmen wie die Maskenpflicht, die soziale Distanzierung sowie die „Stilllegung“ fast des gesamten öffentlichen Lebens, insbesondere der Schul- und Arbeitswelt, dazu, dass das Immunsystem weniger Gelegenheiten vorfand, die eigene Effizienz zu „trainieren“ und somit die Antikörperantwort zu stärken.” ohne ein sogenannter RICHTIGER Experte, sondern lei jemand mit a bissl normalem hausverstand zu sein: Wor hel nit vollkommen klor? bei ins in dor Familie isch des kaum bis schwach (obwohl dor holbe Kindergarten und schule… Weiterlesen »
Neumi
Neumi
Kinig
1 Monat 23 Tage

Eine Vermutung ist noch kein Fakt.
Es ist aber sinnvoll, das zu untersuchen, das steht fest. Es wäre dumm, nicht auf jede Möglichkeit einzugehen.

Und nicht vergessen: Das ist einer der Fälle, wo die Vorhersage möglicherweise stimmt, aber es ist auch viel prognostiziert (oder “prophezeit”, falls wir uns im faktenfreien Universum bewegen wollen) worden, was dann nie eingetreten ist.

N. G.
N. G.
Kinig
1 Monat 23 Tage

Das beispielsweise Kinder nicht zu den Super Verteilern der Pandemie gehört haben, sekbst si gut wue nicht erkrankt sind, das wusste man damals schon … hat Lauterbach vor kurzem eingeräumt. Wen trifft es jetzt durch die übertrieben Massnahmen bei Kindern am meisten , Kinder.

wellen
wellen
Universalgelehrter
1 Monat 22 Tage

Wir werden uns so und anders auf Jahrzehnte odet Jahrhunderter vermehrter Infektionskrankheiten einstellen müssen, vor allem Zoonosen. Das hängt mit dem Eindringen und Zerstören vdes Menschen in wilde Lebensräume zusammen und mit dem vermehrten Anbau von Getreide zur Fleischproduktion. Konsequenz: drastische Reduktion der Lebenserwartung ( corona: 1 Jahr), soziale Spannungen, Überforderung der Gesundheitssysteme.

gschaidian
gschaidian
Superredner
1 Monat 22 Tage

Lieber das Getreide vermehrt selber essen anstatt naturbelassenes Fleisch, das jeder der will sich besorgen kann. Genbehandeltes Getreide in Semmeln und Nudeln, ist natürlich volle gesund!!. Und das Transferieren von immer mehr Leuten in Ballungszentren weltweit anstatt in wilde (naturnahe) Lebensräume stärkt das Immunsystem halt auch nicht wirklich. Da haben Infektionskrankheiten leichtes Spiel.

TKirk
TKirk
Tratscher
1 Monat 22 Tage

Hallo wellen,
Die pauschale Aussage das Getreide per se gesund ist sehe ich kritisch. Da Getreide historisch und gesundheitlich betrachtet problematisch sein kann und damit nicht so gesund ist, wie oft behauptet wird.
Natürlich ist Getreide ein wichtiges Grundnahrungsmittel, aber wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass es nicht in jedem Fall gesund ist, sondern nur, wenn wir auf Qualität, Diversität und eine schonende, traditionelle Zubereitung achten.

Neumi
Neumi
Kinig
1 Monat 22 Tage

@TKirk Abwechslung ist das Zauberwort, richtig. Auf “traditionell” geb ich wenig.
Traditionell wurde gar nicht zubereitet, sondern roh gegessen. Irgendwann hat man dann angefangen, die Sachen zu erhitzen. Diese Unsitte hat sich bis heute gehalten.

Und ja, nicht jedes Getreide ist “per se” gesund. Und dann gibt’s noch Unverträglichkeiten, nicht umsonst werden glutenfreie Lebensmittel angeboten.

TKirk
TKirk
Tratscher
1 Monat 22 Tage

Hallo Neumi

Mit “traditionelle Zubereitung” ist Einweichen, Keimen, Kochen oder Fermentieren gemeint.
Durch diese Arten von Zubereitung von Getreide werden problematische Inhaltsstoffe zu einem großen Teil abgebaut.
Aus diesem Grund stehen viele gesundheitliche Nachteile von Getreide mit industrieller Verarbeitung in Verbindung und weniger mit traditioneller Zubereitung.

fingerzeig
fingerzeig
Tratscher
1 Monat 22 Tage

wissenschaftliche diskussion…gibts das noch?
sarkasmus *off*

wpDiscuz