Vom Geisterdorf zur Ikone

Italiens Stadt am Abgrund, die nicht sterben will

Samstag, 29. November 2025 | 08:08 Uhr

Von: idr

Civita di Bagnoregio – Seit jeher trägt sie den düsteren Spitznamen „la città che muore“ – die sterbende Stadt, da weitere Stadtteile drohen, in den Abgrund zu stürzen. Doch Civita di Bagnoregio ist derzeit die Hauptdarstellerin einer großen Kampagne des italienischen Tourismusministeriums mit dem Namen „Welcome to Meraviglia“. Der romantische Ort, der auf einem bröckelnden Tuffsteinfelsen thront, erlebt eine Renaissance, die niemand für möglich gehalten hätte.

Nur rund 16 Menschen leben noch dauerhaft in der mittelalterlichen Stadt in der Provinz Viterbo. Doch die eigentlichen Bewohner sind andere: Unzählige Katzen streifen durch die steinernen Gassen, dösen auf Mauern und folgen dem Treiben der Besucher gelassen. Die Tiere haben das Dorf nie verlassen. Selbst dann nicht, als die meisten der Bewohner aufgrund der wachsenden Gefahr nach und nach die Stadt verließen.

Leben auf Zeit

Die Katzen sind die stillen Zeugen eines Ortes, dessen Fundament sich seit Jahrhunderten auflöst – buchstäblich. Erosion, Erdbeben und Unwetter haben ganze Stadtteile in die Tiefe gerissen. Was bleibt, ist ein bedrohtes Ensemble aus mittelalterlichen Häusern, engen Gassen und der Kirche San Donato, die seit dem siebten Jahrhundert auf dem Hauptplatz steht.

Zahlreiche andere Gebäude sind bereits in den Abgrund gestürzt. Bereits ein verheerendes Erdbeben im Jahr 1695 hatte die Abwanderung der Bevölkerung eingeleitet. Langfristig ist der Ort dem Untergang geweiht, trotz Millioneninvestitionen der italienischen Regierung. Der Ort ist ständig durch Erdrutsche gefährdet, und der Klimawandel trägt dazu bei, die Situation noch prekärer zu machen. Regen und zwei Bäche waschen nach und nach die Basis des Ortes davon.

Vom Geisterdorf zum Touristenmagneten

Laut einer Studie von Moveo in Zusammenarbeit mit Telepass gehört Civita zu den zehn meistgesuchten Dörfern Italiens im Jahr 2024, mit durchschnittlich 115.500 monatlichen Suchanfragen. In manchen Monaten – besonders im April und Dezember – kletterte das Dorf sogar auf Platz eins. Über 700.000 Besucher pilgern jährlich über die 300 Meter lange Fußgängerbrücke – dem einzigen Zugang zur Stadt. Autos sind hier längst verboten.

Der Eintritt zu der rund 2.500 Jahre alten Etruskerstadt kostet je nach Wochentag drei bis fünf Euro. Das Geld fließt direkt in die Instandhaltung, in Notdienste und in den Kampf gegen die Erosion. Was einst als Sterben galt, hat sich in eine unerwartete Wiedergeburt verwandelt. Restaurants, Handwerksbetriebe und kleine Pensionen sind entstanden, ohne dabei die mittelalterliche Atmosphäre zu stören.

Zwischen Fragilität und Hoffnung

Der Spitzname „die sterbende Stadt“ mag zwar auf ihr Fundament zutreffen, doch aufgeben tut Civita di Bagnoregio deshalb noch lange nicht. Die Kalanchi ringsum, jene bizarren Erosionslandschaften aus Lehm und Tuff, erinnern täglich daran, dass ihr Dasein an diesem Ort nicht selbstverständlich ist. Doch die zahlreichen Besucher zeigen, dass das Interesse an ihr noch nicht zum Sterben bereit ist.

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