Angriff in der Nacht vor rechtsextremem Ritual

Rom: Wenn der Faschismus wieder salutiert

Freitag, 09. Januar 2026 | 08:11 Uhr

Von: idr

Rom – Einmal jährlich findet in Rom ein Ritual statt, bei dem Hunderte Rechtsextreme den faschistischen Gruß zeigen – und einmal jährlich schweigt der Regierungspalast. So geschehen am Dienstag vor dem ehemaligen Hauptquartier der neofaschistischen Bewegung MSI in der Via Acca Larentia in Rom. Auf den Ruf „Für alle gefallenen Kameraden“ streckten sie ihre rechten Arme in die Höhe und brüllten dreimal „Presente!“.

Erinnert wird an den 7. Januar 1978, als zwei Mitglieder der neofaschistischen Jugendbewegung Fronte della Gioventù, Franco Bigonzetti und Francesco Ciavatta, 18 und 19 Jahre alt, vor dem MSI-Gebäude erschossen wurden, angeblich von linksextremen Militanten. Ein Dritter, der 19-jährige Stefano Recchioni, starb später durch eine verirrte Polizeikugel bei den Auseinandersetzungen.

Seit 48 Jahren pilgern Neofaschisten an diesen Ort. Was als Totengedenken beginnt, endet regelmäßig als martialische Machtdemonstration. Die Polizei schaut zu, greift jedoch nicht ein. Offiziell ist die „Verherrlichung des Faschismus“ in Italien strafbar – doch wer soll das durchsetzen, wenn selbst Regierungsmitglieder ihre Wurzeln im MSI haben?

Ministerpräsidentin Giorgia Meloni schwieg zunächst zu den Bildern. Ihre Partei Fratelli d’Italia ist eine direkte Nachfolgerin des MSI. Meloni selbst war in ihrer Jugend Mitglied der MSI-Jugendbewegung. 2023 sagte sie, ihre Regierung habe keine „Nostalgie für den Faschismus“. Ein Jahr später forderte sie, wer die faschistische Vergangenheit Italiens verherrliche, solle aus ihrer Partei ausgeschlossen werden. Zuvor deckte eine Investigativrecherche das Zeigen des Grußes unter mehreren Parteimitgliedern auf.

Angriff auf FDI-Aktivisten

In der Nacht vor der Gedenkveranstaltung wurden vier Aktivisten der Jugendorganisation von Melonis Partei, die Plakate für das Gedenken aufhängten, von Unbekannten mit Messern und Eisenstangen angegriffen. Meloni fand ihre Stimme wieder: „Wenn Dissens zur Aggression wird, wenn eine Idee mit Gewalt zum Schweigen gebracht wird, verliert die Demokratie. Immer.“ Sie forderte „nationale Versöhnung“ und erinnerte an die „dunklen Jahre des Terrorismus“, in denen „zu viel unschuldiges Blut auf vielen Seiten vergossen“ wurde.

Die Opposition reagierte wütend. Elly Schlein, Vorsitzende der sozialdemokratischen PD, schrieb: „Rom, 7. Januar 2024. Und es fühlt sich an wie 1924.“ Sie forderte Maßnahmen gegen solche Vorfälle. Der Südtiroler PD-Senator Luigi Spagnolli kommentierte knapp: „Armes Italien.“

Der Europäische Jüdische Kongress nannte die Szenen „absolut abscheulich“. Die Geste stamme aus dem „dunkelsten Kapitel unserer Geschichte und muss dort bleiben“. Doch in Italien scheint diese Geschichte nicht vergangen. Wenige Meter entfernt von den Neofaschisten fand zeitgleich eine Gegendemonstration von Studenten und Vereinen statt – ein Symbol für ein gespaltenes Land, das noch immer mit seinen Dämonen ringt.

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