Blind Dates ohne Smartphones fördern echte Beziehungen – VIDEO

“So kommen wir ins Gespräch und lernen wieder, uns in die Augen zu schauen”

Mittwoch, 08. April 2026 | 08:06 Uhr

Von: ka

Piacenza – In Piacenza findet eine Idee der Psychologin Lucia Catino großen Anklang. Sie geht vom Bedürfnis junger Menschen nach echten Beziehungen aus. Aus den Erfahrungen der Stiftung „La Ricerca“, mit der sie zusammenarbeitet, entstand das Projekt „Escape wor(l)d“ gegen „digitale Isolation“. Das Ziel besteht darin, die „einsamen Smartphonesüchtigen“ aus der virtuellen in die reale Welt zurückzuholen, damit sie wieder ihrem Gegenüber in die Augen schauen und mit ihm ins Gespräch kommen können.

Dabei handelt es sich nicht um klassische Blind Dates, bei denen einsame Herzen einen „Seelenverwandten“ finden sollen. Es geht vielmehr um ungezwungene Abende im Stil einer Happy Hour, bei denen gegessen und getrunken wird – das Smartphone bleibt dabei stecken und „echte“ Beziehungen werden geknüpft. Neben neuen Freundschaften findet so manches einsame Herz auch eine neue Liebe.

Instagram/Lucia Catino Psicologa

Von 20.30 Uhr bis Mitternacht an einem ganz normalen Freitag in einem Lokal in Piacenza. Die Stunden vergehen und keiner der „jungen Erwachsenen“ im Alter von etwa 25 bis 40 Jahren, die sich untereinander nicht kennen, verspürt das Bedürfnis, zu seinem Smartphone zu greifen und auf den Bildschirm zu schauen. Vierzig von ihnen haben sich der Herausforderung gestellt, sich mit ausgeschaltetem Smartphone in einer Happy-Hour-Atmosphäre zu treffen. Nach einer Vorstellungsrunde im Stehen setzen sie sich an den Tisch, um Eindrücke und Emotionen auszutauschen.

Instagram/FONDAZIONE LA RICERCA ETS

Alle sind schlicht und elegant gekleidet. Man isst, man trinkt, einige reden viel, andere hören geduldig zu. Manche sind lockerer, andere, die zurückhaltender sind, werden sich ihrem Gegenüber erst dann öffnen, wenn die Hemmungen aus Angst und Schüchternheit nachgelassen haben.

Alles steht unter der diskreten Aufsicht der Organisatoren des „Offline“-Speed-Datings. Diese Veranstaltung hat sich hierzulande mittlerweile zu einem Phänomen entwickelt, das großen Anklang findet. In etwas mehr als anderthalb Jahren haben sich rund tausend Teilnehmer aus Piacenza, der Provinz und der gesamten Region Emilia-Romagna angemeldet. Suchanfragen wie „Suche jemanden, der im letzten Jahr alleine gereist ist“ oder „Suche jemanden, der noch nie geflogen ist“ begünstigen die Veranstaltungen.

Instagram/Lucia Catino Psicologa

„Es besteht keine Gefahr, dass man gefragt wird: ‚Was willst du denn?!‘“, sagt Marco Rancati und lächelt. Der 36-jährige Informatiker nimmt zum fünften Mal an einem Blind Date teil. „Wir sind alle hier, um uns kennenzulernen, indem wir uns in die Augen schauen, ohne Ablenkungen, ohne Angst vor Urteilen. Man stellt sich vor: Wer du bist, was du beruflich machst, was du magst … Niemand zwingt dich, dein Smartphone auszuschalten, aber am Ende vergisst du, dass du es in der Tasche hast.“

Die Idee der „Vis-à-vis-Smartphone-Treffen“ stammt von der Psychologin Lucia Catino. Sie hat das Bedürfnis erkannt, die „digitale Isolation“ von Dutzenden Menschen zu durchbrechen, denen sie in den Beratungsräumen der Stiftung „La Ricerca“ begegnet ist.

Die Stiftung ist seit über vier Jahrzehnten an der Seite von Jugendlichen und Familien tätig. Eine Isolation, die oft auch gewollt ist und durch den „Sog“ der virtuellen Bequemlichkeit von Online-Beziehungen begünstigt wird. „Dies ist eine Generation“, betont Catino, „die viel nachdenken kann, aber Schwierigkeiten hat, ihren Körper zu spüren, sich in Beziehungen zu öffnen, Gefühle zuzulassen und sich ungefiltert auszudrücken. Es herrscht die Angst vor Peinlichkeit. Doch gerade diese Peinlichkeit ermöglicht die gegenseitige Anerkennung.“

Instagram/Lucia Catino Psicologa

Das Ziel besteht darin, Gelegenheiten zum Austausch zu bieten, die zu ehrlichen Gesprächen anregen. Zu diesem Zweck hat „La Ricerca“ mit einem Team aus Pädagoginnen und Psychologinnen das Projekt „Escape Wor(l)d“ ins Leben gerufen. „Word (Wort) und world (Welt) sollen verdeutlichen, dass man die Welt nicht bewohnen kann, ohne auch die Worte zu spüren, und dass der Ausweg aus der zwischenmenschlichen ‚digitalen Isolation‘ Schritte der Präsenz und des Kontakts erfordert.“

Der Start verlief mehr als positiv und die Mundpropaganda löste eine Flut von Anfragen aus. Das Format wurde auch erfolgreich auf Jugendliche ausgeweitet. „Jetzt bieten wir jeden Monat eine Veranstaltung in Bars und Diskotheken an. In regelmäßigen Abständen organisieren wir ganze Wochenenden. Dank der Unterstützung der Region, der Emil Banca und der Intesa Sanpaolo sind die Teilnahmegebühren moderat.“

Instagram/Lucia Catino Psicologa

Für den 38-jährigen IT-Berater Paolo Massa ist es „vor allem eine Herausforderung an sich selbst“. Deshalb ist er nach einem ersten Versuch zurückgekommen. „Ich stelle mich gerne neuen Herausforderungen. Wir sind alle mehr oder weniger introvertiert“, sagt er. „Hier wird man im Umgang mit anderen lockerer.“ Die 36-jährige Büroangestellte Barbara Razza meint dazu: „Man trifft sich mit den üblichen Leuten, und das ist schön. Aber ich freue mich auch darauf, neue Leute kennenzulernen.“ Machen soziale Medien träge? Darüber sind sich alle einig: „WhatsApp ist einfacher und schneller, aber man verliert den menschlichen Kontakt.“

Die junge Frau, die Marco heute Abend kennengelernt hat, arbeitet im Homeoffice. Er lächelt und sagt: „Ich suche keine Freundin. Wir müssen echte Dialoge aufbauen. Heute herrscht die Überzeugung, dass man ausgeschlossen ist, wenn man nicht in den sozialen Medien präsent ist. Aber geht es nicht auch anders?“

fotolia.de/okalinichenko

Nun ist es Zeit für das Speed-Dating. Elisa Vezzulli, die Projektkoordinatorin vor Ort, bittet alle Teilnehmenden, an den Tischen Platz zu nehmen. Die siebenminütigen Einzelgespräche beginnen, dann wird gewechselt. So geht es bis Mitternacht. „Ob sich Freundschaften entwickeln werden? Darauf kannst du wetten.“ Vielleicht wird das eine oder andere einsame Herz eine neue Liebe finden.

Dass sich die Idee der Psychologin Lucia Catino problemlos auf andere Städte, Provinzen und Regionen übertragen lässt, liegt auf der Hand. Schließlich ist die „digitale Isolation“ ein Phänomen, das alle modernen Gesellschaften betrifft. Eine „Südtirol-Variante“ von „Escape Wor(l)d“ könnte hierzulande ebenfalls großen Anklang finden.

 

Kommentare

Aktuell sind 1 Kommentare vorhanden

Kommentare anzeigen