Karton anstatt Gips? - Fotos lösen Empörung aus

„Wie ein Lazarett zu Kriegszeiten“: Krankenhaus entkräftet Vorwürfe

Mittwoch, 01. August 2018 | 07:14 Uhr

Reggio Calabria – Im Krankenhaus von Reggio Calabria herrschen offenbar unglaubliche Zustände: Wer sich in Reggio Calabria, der Stadt an der Stiefelspitze Italiens, sich zu Abend- und Nachtzeiten einen Arm oder ein Bein bricht, sie sich verrenkt oder sonst ein Problem an den Extremitäten erleidet, hat wenig Glück. In der Ersten Hilfe mangelt es an Gips, sodass die verletzten Gliedmaßen notdürftig mit Karton und Klebeband ruhiggestellt werden müssen. So schien es zumindest am Dienstag, als diese Fotos das Internet verrückt machten. Doch Primar Angelo Ianni nimmt der Polemik den Wind aus den Segeln: „Im Krankenhaus von Reggio Calabria ist Karton weder ein Instrument zur Heilung noch zur Behandlung.“

ANSA/ PER GENTILE CONCESSIONE DEL CORRIERE DELLA CABRIA

Sich in Reggio Calabria zur Nachtzeit einen Arm oder ein Bein zu brechen, wird zu einem großen Problem, weil die Abteilung für Orthopädie um 20.00 Uhr ihre Tore schließt, hieß es auch auf Internetportalen von renommierten Medien. Außer es handelt sich um besonders schwere Fälle, müsse ab diesem Zeitpunkt bis zum Morgen des nächsten Tages die Erste Hilfe die Aufgaben der Orthopädie übernehmen. Der angebliche Grund sei, dass das Krankenhaus zu wenig Orthopäden besitzt, um einen dauerhaften Nachtdienst aufrechtzuerhalten.

ANSA/ PER GENTILE CONCESSIONE DEL CORRIERE DELLA CABRIA

Das Gesundheitswesen in Reggio Calabria stand schön öfter im Visier der Kritik: Die essentielle Versorgung liegt auf der niedrigsten Schwelle, die territorialen Dienste sind geschwächt, 88 Millionen Euro an Schulden gilt es zu tilgen, während die Abwanderung von Patienten die Kassen der Region mit über 300 Millionen Euro belastet.

Die Erste Hilfe wurde einst geschaffen, um die gesundheitliche Erstversorgung der 200.000 Einwohnerstadt Reggio Calabria zu gewährleisten. Heute hingegen strömen auch alle medizinischen Notfälle aus der nicht weniger als 550.000 Einwohner zählenden Umgebung in die Erste Hilfe der kalabresischen Küstenstadt. Ständig überlastet und personell chronisch unterbesetzt wurde die Grenze der Belastbarkeit der Ersten Hilfe längst überschritten.

ANSA/ PER GENTILE CONCESSIONE DEL CORRIERE DELLA CABRIA

Als die Bilder der mit Karton fixierten verletzten Extremitäten in den italienischen Medien erschienen, lösten sie einen Sturm der Entrüstung aus. „Es ist eine Situation wie in einem Drittweltland. Im Gegenteil, nicht einmal dort sieht man mehr so etwas“, so ein aufgebrachter, lokaler Vertreter der Ärztegewerkschaft Anaoo, Gianluigi Scaffidi.

„Es ist wie ein Lazarett zu Kriegszeiten. Die Sparsamkeit wird zum System und die Kunst, sich irgendwie zu helfen zu wissen, wird zur therapeutischen Praxis erhoben“, pflichtete ihm der italienische Generalsekretär der Ärztegewerkschaft Anaao Assomed, Carlo Palermo, bei. Der Gewerkschafter nahm in einer Stellungnahme seine Kollegen in Schutz und ging mit der Verwaltung, welche laut seiner Ansicht mit ihrem Sparprogramm hauptverantwortlich für den Mangel an Personal und Materialien wie Gips sei, hart ins Gericht. Die Krankenhausverwaltung selbst fiel aus allen Wolken und gab bekannt, dass sie von den Zuständen in der Ersten Hilfe nichts wisse. Die Direktion kündigte umgehend eine interne Untersuchung an. Gesundheitsministerin Giulia Grillo hingegen ordnete den Carabinieri der Sondereinheit Nas an, im Krankenhaus von Reggio Calabria eine Inspektion durchzuführen.

Dass es im Krankenhaus nicht genügend Gips gibt, wird nun allerdings bestritten. Der Patient, dessen Bilder nun im Internet kursieren, sei bereits am Unfallort mit Karton verbunden worden, damit er die Gliedmaßen stillhält. Der Patient soll dies selbst bestätigt haben. Die Praxis wird öfter angewandt, wenn der Verdacht auf einen Bruch besteht.

Auch der Generaldirektor des Krankenhauses, Frank Benedetto, versichert, dass die orthopädische Abteilung 24 Stunden aktiv sei und nicht bereits um 20.00 Uhr schließe. Es gebe 30 Betten und zwei Einheiten für nächtliche Notfälle. Auch Verbandsmaterial und Gips seien reichlich vorhanden.

Wie die Leitung des Krankenhauses in einer Erklärung an den Präsidenten der Region, Mario Oliverio, betont, handelt es sich um einen einzigen männlichen Patienten, der um 9.32 Uhr am 28. Juli ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Die Gliedmaßen von C. A. seien bereits am Unfallort mit Karton in eine ruhige Lage gebracht worden. Gründliche Untersuchungen samt Röntgenaufnahme und Elektrokardiographie (EKG) seien drei Minuten nach seiner Einlieferung erfolgt. Der Karton sei deshalb vorerst nicht entfernt worden, um den Patienten unnötige Schmerzen zu ersparen und eine Röntgenaufnahme ohne Interferenzen zu ermöglichen. Sobald der Mann in der Station aufgenommen wurde, seien die verletzten Gliedmaßen eingegipst worden.

Außerdem gibt es laut der Leitung des Krankenhauses den Fall einer Patientin, die am Montag eingeliefert worden war. O. G. wandte sich kurz nach 7.00 Uhr an die Notaufnahme nach einem Unfall. Auch sie wurde provisorisch mit einer Stützbandage aus Metall, das keine Röntgenstrahlen durchlässt, erstversorgt und mit einem Karton bewegungsunfähig gemacht. Nach der Röntgenaufnahme erhielt auch die Frau einen Gips.

Von: ka

Kommentare

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21 Kommentare auf "„Wie ein Lazarett zu Kriegszeiten“: Krankenhaus entkräftet Vorwürfe"


Sortiert nach:   neuste | älteste | Relevanz
ma che
ma che
Grünschnabel
13 Tage 16 h

Unsere Zukunft wenns so weiter geht mit den Sparmaßnahmen!

kapo
kapo
Neuling
13 Tage 10 h

Welche Sparmaßnahmen?

ma che
ma che
Grünschnabel
13 Tage 8 h

@kapo
Keine Ahnung ob Sie es mitbekommen haben aber im Gesundheitswesen wird überall gekürzt: Weniger Personal, billigeres Material (was oft qualitativ minderwertig ist) usw.
Eine Ausnahmr gibt es: bei den Führungskräften, denen werden wahnwitzige Summen ausbezahlt.

giftzwerg
giftzwerg
Universalgelehrter
13 Tage 7 h

@ma che 

ober die spesen wochsen. es wird mehr burokratie geliestet ,es gibt mehr presidenten und direktoren und de kosten ordentlich

ma che
ma che
Grünschnabel
13 Tage 4 h

@giftzwerg
Ja leider fährt so das ganze System den Bach hinunter…

Jopfi
Jopfi
Neuling
13 Tage 15 h

Am meistn ergert mi dass nichts mehr hinterfrogg wert! Irgend a foto wert hergnummen, gatoalt, weitergschickt und zun an skandal gmocht. Und (felli) jeder glabs a no. Und i wett in 3 johr taucht in facebook wieder es gleicha foto.auf, wert wieder fest gatoalt! Traurig.

Staenkerer
13 Tage 5 h

stimmt!
übrigens, wenns stimmt, wern se jo notversorg!
obgesehen davon glab i des nit, den a feste bandage tuats für a poor stund a bis der gibsraum wieder auftuat , konn jede kronknschwester und isch wieniger orbeit!
woll eher gstellt, denn momentan werd eh olles schlecht gemocht ….

Gagarella
Gagarella
Universalgelehrter
13 Tage 15 h

In Italien! Wem Wundert das?

gapra
gapra
Superredner
13 Tage 14 h

@Gagarella Dieser Kommentar wieder, wen wundert das?

Loewe
Loewe
Superredner
13 Tage 15 h

Da hat es Schael, und Martha Stocker doch weit besser gemacht!

Solche Notzustände gibts da in Südtirol zum Glück nicht!

Ich hoffe dass für die Südtitaliern da bald eine gute und dauerhafte Lösung gefunden wird!

ma che
ma che
Grünschnabel
13 Tage 14 h

Es gibt nur eine einzige dauerhafte Lösung und das ist nun Mal Geld; wir werden immer älter und es wird immer mehr an Pflegepersonal und Material gespart. Dass keine Ärzte kommen ist dem angeboteten Bedingungen zu verschulden (weiniger Gehalt und schlechtere Bedingungen als in den Nachbarländern), wer will denn da noch zurück?

iuhui
iuhui
Universalgelehrter
13 Tage 11 h

in Bozen ist der Gipsraum auch nachts geschlossen…

Mastermind
Mastermind
Superredner
13 Tage 5 h

Vielleicht die Martha als Pionier des Sozialwesens nach Süditalien schicken, wäre doch was?

sonja
sonja
Neuling
13 Tage 17 h

ist ein fake. wurde aber tatsächlich von allen großen nationalen Zeitungen für einen halben Tag geteilt..

Mastermind
Mastermind
Superredner
13 Tage 5 h

Besser wäre System wie in Amerika, weniger Steuern und dafür selbst sich versichern, denn oft Frage ich mich als einer der nie Alkohol trinkt und mit 25 bei der Geburt das erste und letzte Mal in einem Krankenhaus war, für was ich die Steuern zahlen. Die Probleme mit den “fehlenden” Ärzte, auch wenn einfach nur die Mehrheit privat praktiziert, wäre bereits gelöst wenn nicht die ganzen Alkoholiker, Hobby Stuntmen, Raucher und Drogensüchtige die Kapazität aufbrauchen würden.

gapra
gapra
Superredner
13 Tage 3 h

@Mastermind Diese Probleme müssten Sie aber bitte in der Schweiz klären oder schicken Sie die Steuern nach Italien?

nightrider
nightrider
Tratscher
13 Tage 2 h

Das amerikanische Gesundheitssystem ist eines der teuersten und im Verhältnis zu den Kosten sehr ineffizient.
Und dass du bis jetzt kein Krankhaus gebraucht hast kann sich schlagartig ändern

denkbar
denkbar
Kinig
12 Tage 17 h

@nightrider . Ich bin in den USA nach einem Sportunfall in ein Krankenhaus eingeliefert worden, angeblich in ein sehrrenommiertes. Astronomische Kosten und sehr ineffezientes Arbeiten (mit einem Wirbelbruch, 5 Stunden Wartezeit bis ich in der Ersten Hilfe dran kam).

Seidentatz
Seidentatz
Neuling
13 Tage 8 h

Also dass bei uns hier eine Patient mit einem Karton bewegungsunfähig gemacht worden wäre ist mir noch nie untergekommen. Und ich bilde mir ein schon Einiges gesehen zu haben. Übrigens ist auf dem erste Bild von dem Patienten mit dem Oberarm ein Karton der Fa. Braun. Das ist sicher ein Krankenhauszulieferer. Also ist der Karton vom KH.

Savonarola
Savonarola
Universalgelehrter
13 Tage 3 h

Herr Doktor Schael, bitte übernehmen sie.

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