Die Ungewissheit ist für die Angehörigen kaum auszuhalten

„Wir wissen nicht, ob sie leben oder tot sind“

Sonntag, 04. Januar 2026 | 08:01 Uhr

Von: ka

Crans-Montana – Für Außenstehende veranschaulicht kaum etwas die Tragödie so sehr wie die Instagram-Seite cransmontana.avisderecherche. Sie wurde eigens dafür eingerichtet, um den Angehörigen – zumeist sind es die Eltern – zu ermöglichen, ihren Vermisstenanzeigen ein Höchstmaß an Sichtbarkeit zu geben.

Instagram/cransmontana.avisderecherche

Die Seite ist voller Suchmeldungen verzweifelter Angehöriger. Da ist etwa Kean, der von den Rettungskräften erstversorgt und in ein Krankenhaus gebracht wurde. Seine Eltern suchen ihn, wissen aber nicht, in welchem Krankenhaus er liegt. Dann ist da Mariam, 21 Jahre alt, man sieht ihre Tattoos und ihr Lächeln. Auch sie wird vermisst. Außerdem gibt es einige Italiener, darunter Leonardo, Jahrgang 2009, der ebenfalls gerettet wurde. Man versucht herauszufinden, in welchem Krankenhaus – in der Schweiz oder gar in Frankreich – er behandelt wird.

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Auf der Instagram-Seite cransmontana.avisderecherche sind viele junge Menschen und Appelle zu finden. Die Seite hat innerhalb weniger Stunden über 60.000 Follower erreicht, bisher wurden 47 Beiträge veröffentlicht. Die Instagram-Seite soll dabei helfen, Familienangehörige und Opfer des Brandes im Lokal „Le Constellation” in Crans-Montana miteinander in Kontakt zu bringen.

APA/APA/KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Bei dem Brand kamen 47 Menschen ums Leben. Auf dem Account erscheinen viele junge Gesichter. Zum Beispiel die von Trystan und Vivian, von denen seit der Brandnacht nichts mehr gehört wurde. Zu den Fotos sind weitere Nutzer – meistens Freunde oder Verwandte, die sich an die Seite gewandt haben – getaggt, die bereit sind, nützliche Informationen zu sammeln.

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Unter den vielen Namen befindet sich auch der von Achille Osvaldo Giovanni Barosi. Der 16-Jährige wurde laut der Vermisstenmeldung seines Cousins Edoardo Sparacino zuletzt am frühen Morgen des 1. Januar gegen 1.30 Uhr gesehen, als er in den Club „Le Constellation” zurückkehrte, um seine Jacke und sein Smartphone zu holen. Zusammen mit seinem Foto haben seine Familienangehörigen auch seine Beschreibung gepostet: „Größe 1,85 m, blonde Haare, blaue Augen. Besonderheit: Er könnte eine Halskette mit einer Madonnina tragen. Wichtig: Er hat keine Ausweispapiere dabei. Er könnte als ‚unbekannter Patient‘ in Sion, Lausanne oder Zürich im Krankenhaus liegen.“

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Achille war mit einem anderen vermissten Mädchen befreundet. Mit der gleichaltrigen Chiara Costanzo, die das Kunstgymnasium besucht und laut Edoardo „sehr gut zeichnen kann”. „In diesen Stunden schreiben mir viele Menschen. Tausende und Abertausende haben meine Anzeige gelesen und mein Telefon hört nicht auf zu klingeln. Es scheint unmöglich, dass Achille immer noch nicht gefunden wurde“, sagt der Junge.

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Die kleine Hoffnung der Eltern, dass Chiara Costanzo zu den nicht identifizierten Schwerverletzten gehört, hat sich leider nicht erfüllt. Wie ihr Vater mitteilte, erhielt er die Nachricht, dass die 16-Jährige tot ist: „Ich habe gerade den Anruf erhalten, den kein Vater je erhalten sollte. Ein dumpfer, unbeschreiblicher Schmerz: Meine geliebte Chiara ist nicht mehr bei uns.“

Auch den Freunden und Eltern von Achille Barosi wurde jede Hoffnung genommen. Wie der italienische Botschafter in der Schweiz, Gian Domenico Corrado, am Samstagabend gegenüber Adnkronos bekannt gab, wurden mit Giovanni Tamburi, Emanuele Galeppini und Achille Barosi drei weitere italienische Todesopfer der schrecklichen Tragödie in Crans-Montana identifiziert.

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Für die Eltern ist die Ungewissheit, ob ihre Kinder noch leben oder tot sind, kaum auszuhalten. Viele klammern sich an die Hoffnung, dass ihre Kinder zu den noch nicht identifizierten Schwerverletzten gehören, die in Krankenhäusern über ganz Europa verteilt liegen. „Wir versuchen herauszufinden, in welchen Krankenhäusern sie sich befinden“, sagt eine Mutter hoffnungsvoll.

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Die suchenden Angehörigen erfahren von der örtlichen Bevölkerung viel Hilfe und Solidarität. Auf der Instagram-Seite cransmontana.avisderecherche bieten viele Einwohner von Crans-Montana und Umgebung den Eltern kostenlos Zimmer und Wohnungen an, in denen sie bleiben können, bis sie die erlösende oder traurige Nachricht erhalten.

 

 

 

 

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