Von: ka
Rom – Eine groß angelegte, italienisch-österreichische Studie zum Verhalten von Wölfen verdeutlicht, wie flexibel und leicht die intelligenten Großraubtiere auf neue Herausforderungen reagieren und wie gut sie sich an ein Leben in der Nähe von Wohngebieten anpassen können.
Zudem bewältigen sie eventuelle Veränderungen leichter, wenn sie in einem Rudel leben. Laut der Studie ändert dies jedoch nichts daran, dass Wölfe sich weiterhin vor Menschen fürchten und jeglichen Kontakt mit ihnen zu vermeiden versuchen.

Der Wolf (Canis lupus) war für den Menschen schon immer ein ambivalentes Wesen. Einerseits ist er ein Symbol der wilden Natur und wird wegen seiner Kraft, Intelligenz und Jagdfähigkeiten bewundert. Andererseits gilt er als Symbol des Bösen und wird gefürchtet, da er als Vorbote von Gefahr und Chaos wahrgenommen wird. Diese Ambivalenz betrifft auch die Wölfe selbst. Für Wölfe kann die Nähe zum Menschen sowohl ein Risiko als auch eine Chance darstellen.
Der Großteil der Wolfstodesfälle in Europa und Nordamerika ist auf vom Menschen verursachte Faktoren zurückzuführen – etwa Abschüsse oder tödliche Unfälle, beispielsweise durch das Zusammentreffen mit Fahrzeugen. Besonders gefährlich sind dabei stark urbanisierte Landschaften. Tatsächlich haben zahlreiche Studien gezeigt, dass Wölfe ihre räumlich-zeitlichen Bewegungsmuster so anpassen, dass sie Begegnungen mit Menschen vermeiden.

Eine aktuelle experimentelle Studie hat zudem gezeigt, dass Wölfe Menschen als „Superräuber” betrachten, also als Carnivore, die in einem Ökosystem an der Spitze der Nahrungskette stehen. Entsprechend begegnen sie Menschen mit erheblicher Angst. In Europa, wo Wölfe einen großen Teil ihres historischen Verbreitungsgebiets wieder besiedelt haben und in stark urbanisierte Landschaften vordringen, gibt es jedoch zunehmend Hinweise darauf, dass sie die mit dem Menschen verbundenen Ressourcen gut nutzen können. So verlagern sie beispielsweise ihre Fressgewohnheiten auf die Jagd nach Haus- und Nutztieren und sammeln menschliche Abfälle, wobei sie diese Nahrungsquellen manchmal der Jagd auf ihre natürlichen Beutetiere vorziehen.
Wölfe (Canis lupus), die wieder in vom Menschen dominierte Landschaften einwandern, sind also anthropogenen Risiken und Chancen ausgesetzt. Es ist jedoch nicht bekannt, wie sich dies auf ihre Angst vor Menschen auswirkt. Eine italienisch-österreichische Studie zeigt nun, wie gut sich Wölfe an ein Leben in der Nähe von Wohngebieten anpassen können. Zudem bewältigen sie neue Herausforderungen leichter, wenn sie in einem Rudel leben. Laut der Studie ändert dies jedoch nichts daran, dass Wölfe sich weiterhin vor Menschen fürchten und jeglichen Kontakt mit ihnen vermeiden.

Diese neuen Erkenntnisse zum Verhalten von Wölfen in bewohnten Gebieten wurden in der Zeitschrift der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Vereinigten Staaten (PNAS) veröffentlicht. Die Studie wurde an 44 Standorten in Mittelitalien, insbesondere in der Toskana und der Emilia-Romagna, durchgeführt. Diese zeichnen sich durch unterschiedliche Urbanisierungsgrade aus.
Die Studie wurde vom Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung (KLIVV) der Veterinärmedizinischen Universität Wien koordiniert. Erstautorin ist Martina Lazzaroni von der Universität Parma in der Emilia-Romagna. Auch die Universität Sassari auf Sardinien war an der Studie beteiligt.

Die Wildtierforscher beobachteten das Verhalten von 185 wildlebenden Wölfen, die in ihrem natürlichen Lebensraum mit neuen Gegenständen und menschlichen Geräuschen konfrontiert wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass sich Wölfe flexibel an vom Menschen dominierte Landschaften anpassen können.
Wölfe, die vorwiegend in stärker bewohnten Gebieten leben, zeigen zunächst weniger Angst vor einem neuen Objekt. Sie sind jedoch vorsichtiger als „Wildwölfe”, wenn ihnen ein leicht verändertes Objekt präsentiert wird. Aufnahmen von menschlichen Stimmen lösten hingegen bei 81 Prozent der Wölfe starke Angstreaktionen aus. Wölfe fürchten menschliche Stimmen demnach mehr als Vogelstimmen und neue Gegenstände. Sie gewöhnen sich jedoch ebenso schnell an sie, und das unabhängig von der Urbanisierung. In der Gruppe, also im Rudel, waren die Wölfe weniger ängstlich als allein.

„Die Ergebnisse zeigen, dass Wölfe ihr Verhalten flexibel an die Risiken und Chancen anpassen, die in von Menschen dominierten Landschaften bestehen. Dies ist ein entscheidender Faktor für den Erfolg der Wölfe in urbanisierten Gebieten“, bemerkt die Forschungskoordinatorin des von Sarah Marshall-Pescini geleiteten Teams.
Laut Lazzaroni weisen die Ergebnisse auf „die komplizierte und situationsabhängige Natur der Angst bei Wölfen und ihre Variation entlang des Urbanisierungsgradienten“ hin. Die gewonnenen Erkenntnisse bieten eine völlig neue Perspektive auf die Zukunft der Koexistenz zwischen Wölfen und Menschen. Gleichzeitig, so schließt sie, „unterstreichen sie auch die Herausforderung, ein friedliches Zusammenleben zu erreichen.“

In einer so dicht besiedelten Welt ist die Nähe von Wölfen zu Menschen zur neuen Realität geworden. Die Ergebnisse zeigen, dass diese Nähe das Verhalten der Wölfe in Bezug auf „riskante” menschliche Signale beeinflusst. Dank ihres facettenreichen, flexiblen und komplexen Verhaltensrepertoires sind die Wölfe jedoch in der Lage, sich in städtischen Umgebungen zurechtzufinden. Diese bergen zwar – manchmal tödliche – Risiken, bieten aber auch Chancen, etwa in Form neuer Nahrungsquellen.
Die noch offene Frage ist, ob menschliche Gesellschaften diese Herausforderung mit ebenso wirksamen und komplexen Lösungen bewältigen können.




Aktuell sind 2 Kommentare vorhanden
Kommentare anzeigen