Von: apa
Die Lebensdauer elektronischer Güter scheint sich mit dem technischen Fortschritt zu verkürzen. Die 2017 gegründete österreichische Firma Refurbed setzt in ihrem Kernbereich in Europa darauf an, Smartphone & Co. durch eine “Generalüberholung” länger nutzbar zu machen. Doch irgendwann werden auch diese Geräte zum “Elektroschrott” und landen so in Staaten des globalen Südens, wie etwa Ghana. Und hier ist Refurbed seit diesem Jahr tätig, um das E-Waste-Recycling zu forcieren.
Elektroschrott in allen Variationen wird etwa in Ghanas Hauptstadt Accra gesammelt, gehandelt und weiterverkauft. Zentrum ist der Schrottplatz in Old Fadama, der auch unter dem Namen “Agbogbloshie” bekannt geworden ist. Gesammelt werden hier vor allem Metalle wie Kupfer, Aluminium oder Eisen. Um an diese Rohstoffe zu gelangen, werden alte Elektrogeräte aus Europa oder Asien oft ohne Rücksicht auf Umwelt- oder Gesundheitsauswirkungen entsorgt.
“Rund 100.000 Menschen sind in diesem informellen Sektor tätig”, so der Mitgründer von Refurbed, Kilian Kaminski, im Gespräch mit der APA. Für Ghana habe E-Waste daher auch einen wirtschaftlichen Stellenwert, “weil sich ja auch dementsprechend Unternehmen angesiedelt haben, die etwa das Schmelzen von den Materialien betreiben”. Leider seien das keine ghanaischen Unternehmen, sondern oftmals im Besitz von chinesischen, indischen oder pakistanischen Betreibern, die dann die Metalle wieder am Weltmarkt anbieten.
Warum Ghana?
Doch warum Ghana? Eine Antwort hat Larry Kotoe, derzeitiger Leiter für Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft in der ghanaischen Umweltschutzbehörde (EPA). Er erklärte gegenüber “Enact Africa”, dass sich in den Anfängen der ghanaischen Unabhängigkeit im Jahr 1957 eine starke Elektronik-Reparaturindustrie etabliert habe. Ghana sei so ein wichtiges Ziel für Elektronikschrott, aber nur ein Teil davon könne auch repariert werden. Für viele der dort lebenden Menschen bedeutet Elektroschrott jedoch die Lebensgrundlage.
Der Ansatz, der von Refurbed zusammen mit dem deutschen Unternehmen Minimise umgesetzt wird, ist es, das Recycling zu maximieren, damit möglichst wenig E-Waste auf den Deponien landet. Am Beispiel von Kupferkabeln schildert der Mitgründer von Refurbed, Kilian Kaminski, im Gespräch mit der APA den Ansatz. So wird etwa die NGO Green Advocacy Ghana beim Ankauf dieser Kabel samt Plastikhülle unterstützt.
Am Scrapyard zählt nur Kupfer
“Am Scrapyard (Schrottplatz, Anmerkung) ist für die Sammler nur das Kupfer wertvoll”, so Kaminski. Die Folge ist, dass etwa am Schrottplatz in Old Fadama in Ghanas Hauptstadt Accra Plastikisolierungen alter Kabel einfach abgebrannt werden – samt negativer Folgen für Mensch und Umwelt. Indem nun ein Preis für alte Kabel geboten wird, der für den Sammler das Abbrennen unrentabel macht, soll das bisherige Vorgehen verhindert werden.
Die Lösung ist das jedoch nicht, weiß Kaminski, denn das Vorgehen sei “aktuell nur durch gewisse Förderungen möglich, so ein Angebot wäre für ein Unternehmen ansonsten finanziell nicht lukrativ.” Aus Sicht von Refurbed ist weder das eigene Hauptgeschäft “Refurbishment” die Lösung für das wachsende E-Waste-Problem, noch kann es in Staaten wie Ghana gelöst werden – übergeordnetes Ziel sei die “Normalisierung” von Kreislaufwirtschaft in der EU.
Neues Leben für potenziellen E-Waste
In Ghana offenbart sich die von Kotoe angesprochene Elektronik-Reparaturindustrie auch in der Gegenwart – und zeigt so, dass es in dem rund 31 Millionen Einwohner zählenden Staat im Umgang mit den alten Geräten nicht nur die berüchtigten “Scrapyards” als Ziel gibt. So wird der potenzielle E-Waste zum Beispiel in einer kleinen Werkstatt in Lapaz im Accra Metropolitan District wieder zum Leben erweckt.
Hier werden TV-Geräte aus Europa oder Asien, die per Containerschiff in das Land gelangt sind, wieder repariert. Oft ist es nur die Hintergrundbeleuchtung des Screens, die erneuert werden muss, um das Gerät wieder gebrauchsfähig zu machen, so der Besitzer gegenüber der APA. Jedoch ist nur ein Teil der Geräte für ihn auch tatsächlich reparierbar, rund ein Drittel schätzt er – und der Weg der restlichen Apparate ist dann doch wieder der bekannte.
Chancen durch private Investitionen?
Nana Yaw Konadu, CEO und Mitbegründer der Electro Recycling Ghana (ERG), betonte, dass die Chancen im Bereich E-Waste bisher nicht erkannt worden seien. Was die Leute machen, wäre ja an sich richtig – es sei nur falsch, wie sie es machen. Es sollte einfach die Unterstützung geben – ebenso wie auch Europa und Ghana im E-Waste-Bereich zusammenarbeiten sollten. Ein aktuelles Projekt seines am nördlichen Rand von Accra gelegenen Unternehmens, das ebenfalls von Minimise supportet wird, zeigt die Möglichkeiten auf. Alte, ausgemusterte Monitore, die aus Deutschland importiert wurden, werden hier von seinen Mitarbeitern mit wenigen Handgriffen in HD-TV-Geräte samt Empfangsteil, Lautsprechern und HDMI- bzw. USB-Anschluss umgebaut und erleben so eine Art Reinkarnation.
Minimise-Mitbegründer, Stefan de Linde, spricht bei der Besichtigung der offiziellen Recyclinganlage auch die negativen Aspekte in diesem Geschäftsmodell an. Nämlich, “dass bei einem Großteil des Materials, das im Rahmen von Ausschreibungen, Verträgen oder Zusagen hereinkommt”, die Vereinbarungen nicht wirklich wie versprochen eingehalten werden. Es gebe ausstehende Zahlungen oder Zusagen, Material zurückzukaufen. Konadu spricht in diesem Zusammenhang die Problematik der Entwicklungshilfe an. Deren bürokratische und langsame Abläufe hätten dazu geführt, dass er teilweise seit Jahren auf Tonnen von Recyclingmaterial sitzt, ohne die entsprechenden Zahlungen erhalten zu haben. Es brauche stattdessen “Direktinvestitionen von europäischen Firmen, so sehe ich die Zukunft”, lautet sein Resümee als einer der Vorreiter in diesem Sektor.
Eine Meinung, die auch von staatlichen Vertretern geteilt wird. Vincent Kyere, Teamleiter im Ministerium für Umwelt, Wissenschaft, Technologie und Innovation (Mesti) im Bereich E-Waste betonte in diesem Kontext, dass es hier eine gemeinsame Verantwortung von Ghana und Europa geben würde. “Es ist eine Verantwortung, die nicht damit endet, wenn ein Gerät in Europa keine Verwendung mehr findet”, so Kyere. Ghana benötige jedoch die Kapazitäten, um ein sachgemäßes Recycling auch durchführen zu können – und dazu seien private Investitionen notwendig.




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