Von: APA/Reuters/dpa
Bei massiven russischen Angriffen in der Ukraine sind in der Nacht auf Donnerstag mindestens 18 Menschen getötet und mehr als 100 verletzt worden. Das ist die höchste Zahl an Todesopfern, die es binnen 24 Stunden in diesem Jahr bisher gab. Eine weitere Nacht habe bewiesen, dass Russland keine Lockerung der globalen Politik oder die Aufhebung von Sanktionen verdiene, schrieb der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in Sozialen Medien.
Er hatte zuvor bei einer Europa-Reise neue Zusagen für militärische Hilfen der westlichen Staaten erhalten und dafür gedankt. Russland kritisiert die westlichen Waffenlieferungen hingegen als Eskalation in dem Krieg, den Moskau seit mehr als vier Jahren führt. Die Militärführung in Moskau überzog als Antwort auf die in dieser Woche bekanntgewordenen Rüstungshilfen die Ukraine erneut mit schweren Luftschlägen.
Russland attackierte mehrere Regionen des Nachbarlandes in Wellen. Selenskyj sprach unter Berufung auf die Luftwaffe von fast 700 Drohnen sowie von Raketen und Marschflugkörpern, die Russland seit dem Vortag eingesetzt habe. Die meisten ballistischen Raketen zielten demnach auf die Hauptstadt Kiew. Selenskyj forderte Druck auf den Angreifer Russland. Zugleich forderte er einmal mehr, dass jedes Versprechen zur Unterstützung der Ukraine rechtzeitig erfüllt werde.
EU-Ratspräsident António Costa sprach den Verwundeten und den Familien der Opfer der “ungeheuerlichen Angriffe” sein Mitgefühl aus. “Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine ist gescheitert, und deshalb greift es nun bewusst zur Terrorisierung der Zivilbevölkerung”, schrieb er auf der Plattform X. “Russland muss diesen Terrorkrieg beenden.” Die EU werde den Druck auf Russland weiter erhöhen, so der Portugiese. “Und wir werden unsere standhafte Unterstützung für die Ukraine aufrechterhalten, während sie sich gegen die russische Aggression verteidigt.”
Neun Tote allein in der Hafenstadt Odessa
In der Hafenstadt Odessa am Schwarzen Meer kamen mindestens neun Menschen ums Leben, wie Gouverneur Oleh Kiper mitteilte. Verletzt wurden demnach 23 weitere Personen. Russland habe in mehreren Wellen mit Raketen und Drohnen angegriffen. Unter anderem Objekte der kritischen Infrastruktur, des Hafens und Wohngebäude seien beschädigt worden. Eine russische Drohne traf nach ukrainischen Angaben ein ziviles Frachtschiff vor der Küste. Der Angriff habe einen Brand in einem der Container ausgelöst, teilte Kiper auf Telegram mit. Die Besatzung habe das Feuer jedoch gelöscht. Niemand sei verletzt worden. Das unter der Flagge von Nauru fahrende Schiff habe seine Fahrt fortsetzen können.
In der Hauptstadt Kiew wurden vier Menschen getötet, darunter ein zwölfjähriger Bub, wie die städtische Staatsanwaltschaft mitteilte. Es gab demnach auch mindestens 54 Verletzte. Es seien Mehrfamilienhäuser, Privathäuser, ein Hotel, ein Bürokomplex, ein Autohaus, eine Tankstelle und ein Einkaufszentrum beschädigt worden.
In der ostukrainischen Region Dnipropetrowsk kamen bei russischen Angriffen mit Drohnen, Artillerie und Raketen nach Angaben von Gouverneur Olexander Hanscha vier Menschen ums Leben, 34 seien verletzt worden. Russland habe Drohnen, Artillerie und Raketen eingesetzt. In der ostukrainischen Region Charkiw berichtete Gouverneur Oleh Synjehubow von einer Toten und sechs Verletzten in der Stadt Merefa durch Drohnenbeschuss.
In der südukrainischen Stadt Mykolajiw ist dem Gouverneur der gleichnamigen Region zufolge nach dem russischen Angriff der Strom ausgefallen. Betroffen seien auch Siedlungen in der Umgebung. Die russischen Streitkräfte hätten die Energieinfrastruktur angegriffen. Auch in der ebenfalls im Süden der Ukraine gelegenen Stadt Cherson ist nach Angaben örtlicher Behörden die Stromversorgung gekappt. Der Grund dafür werde noch geprüft. Die gleichnamige Region Cherson liegt östlich der Region Mykolajiw und gegenüber der Halbinsel Krim, die Russland bereits 2014 annektiert hat.
Tote auch in Russland
In der russischen Region Krasnodar am Schwarzen Meer sprach Gouverneur Weniamin Kondratjew von zwei Toten, darunter eine 14-Jährige, und sieben Verletzten nach ukrainischen Drohnenangriffen. Im Landkreis Tuapse sei ein Notstand ausgerufen worden. Drohnentrümmer beschädigten demnach Wohngebäude, zwei Bildungseinrichtungen und eine Musikschule. Trümmer seien auch auf das Gelände einer Fabrik im Hafengebiet gefallen. In Noworossisjk sei auf einem zivilen Schiff ein Feuer durch Drohnentrümmer entstanden, aber schnell gelöscht worden, schrieb Kondratjew. Am Schwarzen Meer sind Noworossijsk und Tuapse die wichtigsten Häfen für den russischen Ölexport. In Tuapse gibt es eine auch eine große Raffinerie. Das ukrainische Militär bestätigt einen Angriff auf den Hafen Tuapse. Dort sei Infrastruktur getroffen worden, teilte der Kommandant der Drohneneinheiten auf Telegram mit. Außerdem seien zwei Öllager auf der ukrainischen Halbinsel Krim getroffen worden, die bereits 2014 von Russland annektiert wurde.
Das Verteidigungsministerium in Moskau teilte mit, dass mehr als 200 ukrainische Drohnenangriffe auf russische Ziele abgewehrt worden seien. Die eigenen Angriffe auf die Ukraine bezeichnete das Ministerium als Antwort auf die “terroristischen Attacken” Kiews. Den Krieg begonnen hat allerdings Russland, die Ukraine wehrt sich mit den Gegenschlägen. Russland warf der Ukraine zudem vor, einen Öltanker unter liberianischer Flagge im Schwarzen Meer mit Drohnen getroffen zu haben. Der türkische Kapitän sei mit Verletzungen ins Krankenhaus gebracht worden, teilen die russischen Ermittlungsbehörden mit.
Das russische Ministerium behauptete wiederum, mit seinen neuen Raketen- und Drohnenangriffen einen ukrainischen Container-Terminal, Depots für Panzertechnik und unterirdische Komplexe zur Erprobung von Robotertechnik ins Visier genommen zu haben. Von unabhängiger Seite sind die Angaben nicht überprüfbar.
Kein Frieden in Sicht
Unterstützerstaaten Kiews hatten am Vortag bei einer Sitzung der Ukraine-Kontaktgruppe in Berlin ihren weiteren Bestand zugesagt. Großbritannien sagte der Ukraine die Lieferung von 120.000 Drohnen für den Kampf gegen Russland zu. Das Moskauer Verteidigungsministerium reagierte mit scharfer Kritik an Europa und veröffentliche die Adressen dortiger Rüstungsfirmen.
Selenskyj nahm am Donnerstag in den Niederlanden den Internationalen Preis der Vier Freiheiten entgegen. Mit der Auszeichnung werden er und das ukrainische Volk für ihren Mut im seit mehr als vier Jahren andauernden groß angelegten Krieg Russlands gegen die Ukraine geehrt. An der Zeremonie in der Stadt Middelburg nahmen König Willem-Alexander und Ministerpräsident Rob Jetten teil. Die Roosevelt-Stiftung hat die Verleihung im Jänner bekanntgegeben. Sie erfolge “in Anerkennung ihres mutigen Kampfes für unsere Freiheit und Demokratie unter außerordentlich schwierigen Umständen”, erklärte die Stiftung zur Begründung. “Sie kämpfen für die Sicherheit von ganz Europa und verteidigen sie mit ihrem Leben.” Der Preis ist nach einer Rede von US-Präsident Franklin D. Roosevelt aus dem Jahr 1941 benannt, in der er vier grundlegende Menschenrechte skizzierte: die Redefreiheit, die Religionsfreiheit, die Freiheit von Not und die Freiheit von Furcht.
Selenskyj bezeichnete in seiner Dankesrede den russischen Staatschef Wladimir Putin als globale Bedrohung und appellierte an die internationale Gemeinschaft, die Unterstützung für sein Land aufrechtzuerhalten: Die Freiheit, ohne Furcht zu leben, dürfe nicht als selbstverständlich angesehen werden. “Diese grundlegende Freiheit fehlt uns immer noch. Die Freiheit von Ruinen, die Freiheit von jenen, die Ruinen bringen, die Freiheit von jenen, die danach trachten, alles zu zerstören, was für normale Menschen von Bedeutung ist”, sagte Selenskyj.




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