Politische Persönlichkeit des Jahres 2025

Gottfried Ugolini: Verantwortung übernehmen, Aufarbeitung ermöglichen

Dienstag, 31. März 2026 | 18:36 Uhr

Von: luk

Bozen – Die Südtiroler Gesellschaft für Politikwissenschaft zeichnet Gottfried Ugolini als „Politische Persönlichkeit des Jahres 2025“ für seinen langjährigen Einsatz in der Aufarbeitung und Prävention sexualisierter Gewalt innerhalb der Diözese Bozen-Brixen aus. „Sein Wirken steht exemplarisch für einen Politikbegriff, der über institutionelle Macht hinausgeht und Verantwortung, Transparenz sowie den Schutz grundlegender Rechte ins Zentrum rückt“, sagen Elisabeth Alber und Alice Engl, Co-Präsidentinnen der Südtiroler Gesellschaft für Politikwissenschaft.

Seit über fünfzehn Jahren setzt sich Ugolini mit institutionellem Missbrauch auseinander und hat als Beauftragter für Prävention sowie als Leiter zentraler Aufarbeitungsprozesse wesentlich dazu beigetragen, entsprechende Strukturen zu etablieren und Missbrauch als strukturelles Problem zu begreifen. Mit dem Projekt „Mut zum Hinsehen“ wurde erstmals in einer italienischen Diözese ein umfassender, extern begleiteter Aufarbeitungsprozess initiiert, der überregional Beachtung fand und neue Maßstäbe im Umgang mit institutioneller Verantwortung setzte.

“Zugleich wäre eine Würdigung unvollständig, würde sie nicht auch die Spannungen und Brüche dieses Prozesses benennen. Die Aufarbeitung verlief nicht frei von Konflikten: Entscheidungen wurden kritisch diskutiert, Zuständigkeiten hinterfragt und institutionelle Abhängigkeiten sichtbar. Auch Ugolini selbst hat diese Grenzen anerkannt und Konsequenzen daraus gezogen. Gerade diese Bereitschaft zur Selbstkritik verweist jedoch auf ein politisches Verständnis, das auf Lernfähigkeit, Reflexion und die Übernahme von Verantwortung setzt”, so die Südtiroler Gesellschaft für Politikwissenschaft.

Politika

In diesem Zusammenhang betont Ugolini selbst: “Die Aufarbeitung und Prävention sind notwendige und unumgängliche Folgen, dass Betroffene den Mut gefunden haben, das Schweigen zur versprachlichen. Das erfordert einen Kulturwechsel in Kirche und Gesellschaft, und eine entsprechende Haltung, damit jegliche Form von Missbrauch als Vergehen gegen die Person, ihre Würde und ihre Freiheit anerkannt und geahndet wird. Es ist Aufgabe aller, dafür Sorge zu tragen, dass alles unternommen wird, um Missbrauch zu verhindern und gegebenenfalls rasch aufzudecken und kompetent zu handeln.”

Im Zentrum seines Engagements standen und stehen die Betroffenen. Ugolini hat wiederholt betont, dass ohne ihre Perspektive keine glaubwürdige Aufarbeitung möglich ist. Die Anerkennung ihres Leids, die Schaffung von Schutzräumen und die institutionelle Verankerung ihrer Anliegen markieren einen Paradigmenwechsel, der weit über kirchliche Kontexte hinausreicht und grundlegende Fragen von Rechtsstaatlichkeit, Machtkontrolle und gesellschaftlicher Verantwortung berührt. Entsprechend hebt er hervor: “Es gilt, erlittenes Leid soweit es geht zu heilen und Gerechtigkeit für erlittenes Unrecht zu schaffen. Voraussetzung für jede Prävention ist die Vision: Kirche und Gesellschaft als sicherer und geschützter Ort für minderjährige und alle Personen.”

“Die Auszeichnung würdigt ihn daher nicht als makellose Figur, sondern als politische Persönlichkeit im emphatischen Sinn: als jemanden, der sich einem hochsensiblen Thema gestellt, Konflikte ausgehalten und notwendige Prozesse angestoßen hat. Zugleich macht sie deutlich, dass die bisherigen Fortschritte erst den Anfang eines langfristigen Aufarbeitungsprozesses darstellen”, so die Südtiroler Gesellschaft für Politikwissenschaft.

Bezirk: Bozen

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