ASGB zu neuer Südstern-Studie

“Südtirol verliert seine Jugend nicht emotional – sondern wirtschaftlich”

Dienstag, 26. Mai 2026 | 13:08 Uhr

Von: luk

Bozen – Der Autonome Südtiroler Gewerkschaftsbund (ASGB) sieht sich durch die neue Südstern-Studie in seinen Warnungen bestätigt. Südtirol verliert unterm Strich jedes Jahr rund 800 Menschen an die Nachbarländer. Viele bleiben der Heimat eng verbunden, kehren aber trotzdem nicht zurück. Für den ASGB ist das kein Zufall, sondern Ausdruck eines Arbeitsmarktes, der mit den Lebenshaltungskosten und den Erwartungen junger Menschen nicht mehr Schritt hält.

„Diese Studie zeigt mit aller Deutlichkeit: Südtirol verliert seine Jugend nicht emotional, sondern wirtschaftlich“, erklärt ASGB-Vorsitzender Tony Tschenett. „Die jungen Menschen gehen nicht, weil ihnen Südtirol egal ist. Sie gehen, weil sie anderswo bessere Löhne, bessere Verträge, klarere Karrierewege und mehr Perspektive finden.“

Die Erhebung unter Mitgliedern des Netzwerks Südstern zeigt: 70 Prozent der Befragten haben Südtirol ursprünglich wegen der Ausbildung verlassen. Geblieben sind viele dann vor allem wegen der Arbeit. 83 Prozent verweisen auf bessere berufliche Möglichkeiten, 61 Prozent auf höhere Löhne oder bessere Arbeitsverträge. Gerade der Faktor Löhne hat gegenüber der Studie von 2021 deutlich an Gewicht gewonnen.

„Wenn Löhne und Arbeitsverträge immer stärker zum Grund werden, warum Südtiroler im Ausland bleiben, dann darf niemand mehr so tun, als gehe es nur um Fernweh oder Abenteuerlust“, so Tschenett. „Es geht um harte wirtschaftliche Realität.“

Besonders deutlich wird das Spannungsfeld bei der Bewertung Südtirols. Lebensqualität, Sport- und Freizeitangebot sowie die emotionale Bindung bleiben stark. 84 Prozent der Befragten fühlen sich Südtirol weiterhin stark oder sehr stark verbunden. Gleichzeitig bewerten 76 Prozent das Lohnniveau als weniger oder gar nicht attraktiv, 67 Prozent den Arbeitsmarkt und 58 Prozent das Wohnungsangebot.

„Südtirol hat eine enorme emotionale Kraft. Aber Heimatliebe zahlt keine Miete, sie füllt keinen Kühlschrank und ersetzt keinen anständigen Arbeitsvertrag“, betont Tschenett. „Wenn junge Menschen Südtirol lieben, aber trotzdem nicht zurückkommen, dann ist das die ehrlichste Kritik am Standort.“

Der ASGB hatte bereits im Februar auf die dramatische Entwicklung bei den Einstiegsgehältern hingewiesen. Laut einer Auswertung von Mercer Italia liegt das durchschnittliche Brutto-Einstiegsgehalt für Hochschulabsolventen in Italien bei rund 32.000 Euro im Jahr. In Deutschland liegt der Vergleichswert bei rund 57.500 Euro, in Österreich bei knapp 57.000 Euro und in der Schweiz bei rund 90.000 Euro.

„Für Südtirol ist das eine toxische Kombination: Einstiegsgehälter wie im italienischen Durchschnitt, aber Lebenshaltungskosten, die vielerorts längst mit den Einkommen auseinanderlaufen“, sagt Tschenett. „Wer jungen Menschen solche Bedingungen bietet, produziert Abwanderung mit Ansage.“

Für den ASGB ist die Studie mehr als eine Momentaufnahme. “Sie zeigt, dass Südtirol im internationalen Wettbewerb um junge, gut ausgebildete Menschen strukturell unter Druck steht. Wenn nur jeder fünfte befragte Südtiroler im Ausland bereits zurückgekehrt ist und weniger als die Hälfte konkrete Rückkehrpläne hat, reichen schöne Landschaft, Heimatgefühl und Imagekampagnen nicht aus.”

„Südtirol darf sich nicht darauf verlassen, dass die Menschen irgendwann schon zurückkommen, weil es daheim schön ist“, so Tschenett. „Wer im Ausland bessere Löhne, bessere Karrierechancen und mehr berufliche Planbarkeit erlebt, wird nicht aus Nostalgie zurückkehren.“

Der ASGB warnt davor, dass Südtirol immer stärker zur Ausbildungs- und Herkunftsregion für andere Arbeitsmärkte wird. “Familien, Schulen und Gesellschaft investieren in junge Menschen, die später ihre berufliche Zukunft in Österreich, Deutschland, der Schweiz oder anderswo aufbauen.”

„Dann verlieren wir nicht nur Arbeitskräfte“, erklärt Tschenett. „Wir verlieren Kaufkraft, Steueraufkommen, Familiengründungen, Ehrenamt und am Ende jene Menschen, die unsere Pflege, unsere Betriebe, unsere Dienste und unser Zusammenleben tragen.“

Der ASGB fordert deshalb eine klare Kurskorrektur: “spürbar höhere Einstiegsgehälter, eine Entlastung der Arbeitseinkommen, erleichterte betriebliche Zusatzvereinbarungen und einen realen Ausgleich für Hochkostenräume wie Südtirol.” Die Unternehmen seien gefordert, jungen Menschen echte Perspektiven zu bieten: transparente Aufstiegsmöglichkeiten, planbare Arbeitsverhältnisse und Respekt vor ihrer Qualifikation.

„Südtirol kann nicht so tun, als wären Wohnen, Mobilität und Alltag hier gleich teuer wie in strukturschwächeren Gegenden Italiens“, sagt Tschenett. „Wer in Südtirol arbeitet, muss sich hier auch ein normales Leben leisten können.“

Abschließend stellt der ASGB-Vorsitzende klar: „Diese Studie ist ein Weckruf. Südtirol gewinnt emotional, verliert aber beruflich. Wer will, dass Südtirol lebt, muss dafür sorgen, dass Arbeit hier wieder Zukunft ermöglicht – nicht nur ein Überleben, sondern ein gutes Leben. Der ASGB wird den Druck erhöhen, bis sich bei Löhnen, Kaufkraft und beruflichen Perspektiven endlich etwas bewegt.“

Bezirk: Bozen

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