Von: apa
Zum zehnten Mal hat die Hilfsorganisation CARE ihren Krisenreport veröffentlicht, der darüber Auskunft gibt, über welche Katastrophe im vergangenen Jahr am wenigsten berichtet wurde. Und die Nachrichten sind bestenfalls gemischt, wie am Dienstag bei einer Pressekonferenz klar wurde. CARE Österreich-Geschäftsführerin Andrea Barschdorf-Hager sagte, dass die Zahl der Krisen insgesamt ansteigt, daher “konkurrieren humanitäre Krisen immer stärker um die Aufmerksamkeit”.
Auf Platz eins landete im “CARE-Krisenreport 2025”, für den der Medienbeobachter Meltwater rund fünf Millionen Artikel in 345.000 Medien in den Sprachen Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch und Arabisch analysierte, die Zentralafrikanische Republik (ZAR). Mit ihr setzten sich im Vorjahr gerade einmal 1.532 Artikel auseinander. Die ZAR fand sich bisher noch in jedem der zehn Reports, sie liegt aber erstmals an der Spitze. Und sie ist heuer ein bisschen untypisch, weil vor allem ein langandauernder Konflikt die Krise in dem Land befeuert, die weitaus meisten angeführten Länder aber vor allem mit den Folgen des Klimawandels zu tun haben.
Insgesamt betrafen die zehn vergessenen Krisen 2025 rund 40.000 Artikel, womit nicht einmal die Hälfte der 2024 über die zehn vergessenen Katastrophen publizierten Berichte erreicht wurde. CARE betont, dass man die Gesamtzahlen nicht unbedingt vergleichen sollte – die Top-Ten-Länder würden sich von Jahr zu Jahr durch verschiedene Faktoren, landesspezifische Ereignisse einerseits, aber auch Anpassungen unserer Suchbegriffe andererseits, ändern. Aber: “Was wir mit Sicherheit sagen können: Vergessene Krisen werden noch unsichtbarer, und das hat reale Konsequenzen für Aufmerksamkeit, Finanzierung und letztlich für Millionen betroffener Menschen”, so die Hilfsorganisation auf Anfrage der APA.
“249 Millionen Menschen benötigen weltweit humanitäre Hilfe, 117 Millionen sind Vertriebene”, resümierte Barschdorf-Hager. In der Zentralafrikanischen Republik etwa sei jeder fünfte Mensch vertrieben worden. “Das sind alles keine kleinen Notfälle, sondern massive Krisen”, betonte die CARE-Geschäftsführerin. Sie wies auch darauf hin, dass die USA ihre Hilfe drastisch zusammengestrichen hätten. Fazit: “Der Report ist relevanter denn je.”
Afrika besonders betroffen
Charlene Pellsah Ambali, CARE-Vizeländerdirektorin in Simbabwe (Platz neun im Report 2025, Anm.), erläuterte, dass 60 Prozent der im Bericht gelisteten Länder im südlichen Afrika liegen. Es handle sich um lang andauernde Krisen, die “nicht immer dramatische Schlagzeilen produzieren”. Praktisch alle dieser Katastrophen sind auf den Klimawandel zurückzuführen. Für die Menschen sei es dramatisch. Die Ressourcen schwinden, wenn ihr Land nicht hergibt, müssen sie fliehen und sind Binnenflüchtlinge. “Letztlich müssen die Menschen sehr schwierige Entscheidungen treffen: etwa die Kinder aus der Schule nehmen.” Diese wiederum verlieren ihre Jugend, weil sie auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen oder anderwertig zum Familieneinkommen beitragen müssen. Sie verlieren auch den Zugang zu Bildung und damit Jobchancen in der Zukunft.
Hans Das, stellvertretender Generaldirektor und Chief Operations Officer für Katastrophenschutz und humanitäre Hilfe der EU-Kommission DG (ECHO), betonte, wie wichtig verlässliche Partner und Geldgeber gerade bei den vergessenen Krisen seien. Die EU bemühe sich, dass keine humanitäre Krise vergessen werde. “Mindestens 15 Prozent unseres jährlichen Budgets für humanitäre Hilfe reservieren wir gezielt für solche Krisen” , sagte Das. In der Praxis seien es meist mehr. Probleme in den Griff zu bekommen, sei auch im eigenen Interesse: “Wenn du ein Problem nicht löst, wird daraus ein größeres Problem.” Das könnte sich auch zu einem echten Sicherheitsproblem auswachsen.
Karl-Otto Zentel, Generalsekretär von CARE Deutschland, sagte, es sei “logisch”, dass Konflikte mehr Öffentlichkeit bekommen als langsam vor sich hin glimmende Krisen durch den Klimawandel. Und es gäbe einen Anstieg der Katastrophen durch den Klimawandel. Barschdorf-Hager ergänzte, dass die steigende Zahl der Konflikte in den kommenden Jahren ebenfalls zu massiven Umweltproblemen führen könnten, alleine durch die große Masse an nicht entsorgtem Kriegsgerät und dessen Hinterlassenschaften.
Zentel sagte, man müsse auf zwei Wegen versuchen, mehr Wahrnehmbarkeit für die Krisen zu generieren. Der eine sei, Journalisten in die Regionen zu bringen. Der zweite sei, Journalisten aus den Regionen dabei zu unterstützen, Verbindungen in andere Staaten herzustellen.
Mädchen und Frauen kommen zuerst und am heftigsten unter die Räder
Deutlich wird aufgrund des CARE-Krisenreports, dass in praktisch allen der betroffenen Regionen Frauen und Mädchen am vulnerabelsten sind. Das liegt zu einem Gutteil an den traditionellen Strukturen: Arbeit im Haushalt und für die Familie – unbezahlt, inoffiziell – wird meist als Frauensache angesehen, das beinhaltet oft kilometerweite Wege zu Wasserstellen und zurück, die mit großen Gefahren – oft sexualisierter Gewalt – verbunden sind. Wenn jemand aus der Schule genommen wird, sind es meist Mädchen, was sich auf deren Bildungs- und letztlich Jobchancen auswirkt.
Der heurige Report von CARE weist übrigens nach mehreren Ausgaben mit ausschließlich Ländern auf dem afrikanischen Kontinent wieder zwei Staaten außerhalb aus – Honduras auf Platz fünf und Nordkorea auf Platz sechs. Auch in Honduras und Nordkorea hat der Klimawandel massive Spuren hinterlassen. Dies bedeutet allerdings nicht, dass die meisten nicht beachteten Krisen nach wie vor auf dem afrikanischen Kontinent sind. Das unterstreicht auch das weitere Ranking. Unter den Plätzen elf bis 20 sind mit Bolivien auf Platz 15 und den Philippinen (Platz 20) auch nur zwei nicht-afrikanische Staaten. Auf Platz elf lag Burkina Faso, gefolgt von Mosambik, Niger, Mali, Bolivien, Kenia, Uganda, Tschad, Somalia und den Philippinen.




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