Von: APA/AFP/dpa
Im Norden Syriens haben kurdische Kämpfer offiziellen Angaben zufolge zwei wichtige Brücken über den Fluss Euphrat zerstört. Die mehrheitlich kurdischen Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) “sprengten die neue ‘Al-Rashid’-Brücke in der Stadt Raqqa”, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Sana am Sonntag unter Berufung auf die Informationsdirektion der nördlichen Region Raqqa. Auch eine weitere Euphrat-Brücke sei gesprengt worden.
Im Konflikt zwischen syrischen Regierungskräften und kurdischen Kämpfern hatte die syrische Armee zuletzt weite Gebiete erobert, in denen die Kurden bisher de facto Autonomie genossen. In Raqqa übernahm die Armee Behördenangaben zufolge am Sonntagmorgen die Kontrolle über die Stadt Tabqa mitsamt dem größten Staudamm des Landes.
Zuvor hatte die Armee mitgeteilt, die Kontrolle über zwei von den Kurden gehaltene Ölfelder nahe Tabqa übernommen zu haben. Wegen des Vorrückens der syrischen Armee hatten die kurdischen Behörden für die Region Raqqa “bis auf weiteres” eine Ausgangssperre verhängt. Der Vorstoß folgte auf tagelange Gefechte in der Großstadt Aleppo, in deren Verlauf kurdische Kämpfer die letzten beiden Stadtviertel aufgaben, die sie dort noch kontrolliert hatten.
Darüber hinaus hätten die Regierungstruppen mehrere Dörfer in der ostsyrischen Provinz Deir ez-Zor eingenommen, nachdem sich SDF-Kämpfer aus dem Gebiet zurückgezogen hätten, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Die SDF hätten sich zudem aus den großen Ölfeldern al-Omar und al-Tanaq zurückgezogen, bestätigte die Beobachtungsstelle mit Sitz in Großbritannien, die ihre Informationen aus einem Netz von Informanten vor Ort bezieht, die Angaben der syrischen Armee.
Kampf um wichtigen Tishrin-Staudamm
Die SDF-Truppen teilten unterdessen mit, es sei ihnen gelungen, im Bereich des Tishrin-Staudamms im Norden Syriens drei versuchte Angriffe von Kämpfern abzuwehren, die mit den Regierungstruppen verbündet seien. Dabei seien zwei Panzer und mehrere weitere Militärfahrzeuge zerstört worden. Die Gefechte dauerten dort an, hieß es in der Mitteilung. Der Staudamm ist wichtig für Wasser und Strom. Die Kontrolle darüber bringt politische, wirtschaftliche und militärische Vorteile.
International vermitteltes Abzugsabkommen
Der Vorstoß der Regierungstruppen in kurdisch kontrollierte Gebiete folgte auf ein international vermitteltes Abzugsabkommen, das am Freitag von SDF-Chef Maslum Abdi angekündigt worden war, um die Spannungen zwischen beiden Seiten zu entschärfen.
Die Entscheidung zum Rückzug sei als Geste des guten Willens getroffen worden, erklärte Abdi. Sie sei Teil der Verpflichtung, ein im vergangenen Jahr geschlossenes Abkommen umzusetzen, das die Integration der SDF in die Regierungstruppen nach dem Sturz des langjährigen syrischen Machthabers Bashar al-Assad vorsieht. Die SDF warfen der in Damaskus ansässigen Regierung jedoch vor, das Abkommen zu verletzen und in Gebiete vorzurücken, die nicht von der Vereinbarung erfasst seien.
Das Hauptquartier des US-Regionalkommandos (Centcom) für den Nahen Osten hatte die syrischen Regierungstruppen zuvor dazu aufgefordert, jegliche offensiven Einsätze in den Gebieten zwischen Aleppo und Tabqa zu stoppen. Für den Kampf gegen die Terrormiliz IS sei eine koordinierte Zusammenarbeit mit den syrischen Partnern notwendig, hieß es in einer Mitteilung des Centcom-Befehlshabers Brad Cooper.
Gegenseitige Schuldzuweisungen nach Gefechten
Südöstlich von Aleppo war es zuvor zu Gefechten zwischen kurdischen Milizen und Regierungstruppen gekommen. Die SDF warfen der Übergangsregierung einen “hinterhältigen Angriff” vor. Die syrische Armee ihrerseits erklärte, ihre Truppen seien angegriffen worden. Die Übergangsregierung beschuldigt die SDF, Anhänger der gestürzten Assad-Regierung sowie PKK-Mitglieder zu dulden. Beobachter befürchten, die anhaltenden Spannungen zwischen den kurdischen Kräften und der Regierung könnten zu einem größeren Konflikt führen.
Die SDF-Kräfte kontrollierten große Gebiete in Syriens ölreichem Norden und Nordosten. Weite Teile davon hatten die SDF während des syrischen Bürgerkriegs in ihrem Kampf gegen die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) eingenommen. Seit dem Sturz Assads im Dezember 2024 hat die Sorge um die Rechte und die Sicherheit von Minderheiten in Syrien zugenommen.




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