Von: mk
Bozen/Sand in Taufers – Seit gestern zirkuliert offline und online eine Audio-Datei der jüngsten Gemeinderatsitzung der Gemeinde Sand in Taufers, in der Bürgermeister Josef Nöckler umstrittetene Ansichten über Frauen in der öffentlichen Verwaltung äußert. Nicht nur die Opposition reagiert mit Kritik, sondern auch der Landesbeirat für Chancengleichheit.
Nöckler sprach sich gegen die Möglichkeit aus, einen Verwaltungsrat für die Sport Center GmbH aus zwei Frauen und einem Mann zu ernennen, und hält das Verhältnis von einer Frau und zwei Männer für besser. Gleichzeitig erklärte er, dass er Frauen in der öffentlichen Verwaltung spektisch gegenüberstehe und begründete dies mit einem persönlichen Erlebnis im Landtag, als zwei weibliche Angestellte am Schalter mehrere Personen warten gelassen hätten, um einen „Kaffee trinken“ zu gehen. Schließlich meinte Nöckler, dass er es zwar begrüße, wenn Frauen in Mutterschaft gehen und dann wieder zu ihrer Stelle zurückkehren. Dies sei das Recht von Frauen, die öffentliche Verwaltung leide allerdings darunter – vor allem, wenn dies zweimal hintereinander geschehe. Gleichzeitig sprach sich Nöckler dafür aus, dass Frauen zu Hause bei den Kindern bleiben und dafür finanziell entschädigt werden sollten.
„In einer Zeit, in der Gleichstellung und Chancengleichheit in der Gesellschaft zunehmend an Bedeutung gewinnen, sind die jüngsten Äußerungen des Bürgermeisters Josef Nöckler sowohl inakzeptabel als auch alarmierend. Seine negativen Kommentare über Frauen in Verwaltungsräten und die Vorstellung, dass Frauen primär für die Familien- und Hausarbeit zuständig sind, sind nicht nur rückschrittlich, sondern auch schädlich für die gesamte Verwaltung und die Gesellschaft“, erklären die Präsidentin des Landesbeirats für Chancengleichheit, Ulrike Oberhammer, und ihre Stellvertreterin Nadia Mazzardis.
Der Bürgermeister habe in seiner Argumentation implizit Frauen die Verantwortung für die Familie und den Haushalt zugeschoben, während Männer die Möglichkeit gegeben werde, Karriere zu machen. „Diese Sichtweise ist nicht nur veraltet, sondern ignoriert auch die Realität vieler Familien, in denen beide Elternteile arbeiten und sich die Verantwortung für Kinder und Haushalt teilen. Die Vorstellung, dass Frauen zu Hause bleiben sollten, um die Verwaltung nicht zu belasten, ist nicht nur diskriminierend, sondern auch ein gefährlicher Schritt zurück in eine Zeit, in der Frauen in der Öffentlichkeit und im Berufsleben kaum wahrgenommen wurden“, so Oberhammer und Mazzardis.
Der Landesbeirat für Chancengleichheit bietet gemeinsam mit dem Wifi und der Handelskammer Bozen einen äußerst erfolgreichen Lehrgang für Frauen in Verwaltungsräten an, der bereits von über 200 Frauen besucht wurde. „Diese Initiative zeigt, dass es einen klaren Bedarf und ein großes Interesse an der Beteiligung von Frauen in Führungspositionen gibt. Die Tatsache, dass so viele Frauen sich aktiv weiterbilden und auf eine Karriere im Verwaltungsbereich hinarbeiten, sollte als positives Zeichen gewertet werden, nicht als Bedrohung für die bestehende Ordnung. In letzter Zeit häufen sich jedoch Fälle in denen Frauen, die für Verwaltungsräten kandidiert haben bzw. wollten, bewusst ausgegrenzt werden und damit die weibliche Sichtweise ausgeschlossen wird“, warnen Oberhammer und Mazzardis.
Internationale Studien hätten mehrfach bestätigt, dass gemischtgeschlechtliche Teams bessere Ergebnisse erzielen. Somit müsste sowohl die Privatwirtschaft, als auch die öffentlichen Körperschaften und Gemeinden ein Interesse daran haben, Frauen entsprechend einzubinden.
„Es ist auch von entscheidender Bedeutung, dass wir als Gesellschaft anerkennen, dass Familienarbeit eine Aufgabe beider Geschlechter ist. Die Vorstellung, dass Frauen allein für die Kinderbetreuung und den Haushalt verantwortlich sind, ist nicht nur ungerecht, sondern auch unrealistisch. In modernen Familien ist es unerlässlich, dass beide Partner gleichberechtigt Verantwortung übernehmen. Der Bürgermeister sollte diese Realität erkennen und fördern, anstatt sie mit veralteten Stereotypen aus den 50-er Jahren zu untergraben“, erklären Oberhammer und Mazzardis.
Darüber hinaus sei es besorgniserregend, dass der Bürgermeister persönliche Erfahrungen und Anekdoten, wie beispielsweise eine Kaffeepause auf die ganz nebenbei sowohl Männer, als auch Frauen Anrecht haben, in die Diskussion einbracht habe, die nichts mit dem eigentlichen Thema der Besetzung eines Verwaltungsrates zu tun haben. „Solche Kommentare lenken von der Ernsthaftigkeit der Diskussion ab und zeigen ein mangelndes Verständnis für die Herausforderungen, vor denen Frauen tagtäglich stehen“, erklärt der Landesbeirat.
Die Aussagen des Bürgermeisters seien nicht nur rückschrittlich, sondern auch gefährlich für die Fortschritte, die wir in Richtung Gleichstellung der Geschlechter gemacht haben. „Wir sprechen uns entschieden gegen solche Ansichten aus und kämpfen dafür, dass die Verantwortung für Familienarbeit gerecht verteilt wird. Eine Rolle rückwärts in die Vergangenheit ist nicht akzeptabel. Es ist an der Zeit, dass wir die Stimmen der auch dank unseres Lehrgangs gut ausgebildeten Frauen in Verwaltungsräten unterstützen und fördern, um so eine gerechtere und gleichberechtigtere Zukunft zu schaffen und sich alle bewusst werden, dass der Laden ohne Frauen gar nicht laufen würde, auch nicht in der Gemeinde Sand in Taufers“, betonen Oberhammer und Mazzardis.
„Unsere Solidarität gilt allen Frauen, deren Kompetenzen und Entscheidungen tagtäglich in Frage gestellt werden. Deshalb rufen wir alle Bürgerinnen und Bürger auf, sich aktiv für die Gleichstellung der Geschlechter einzusetzen. Unterstützen Sie Initiativen, die Frauen in Führungspositionen fördern, und fordern Sie von unseren politischen Vertretern, dass sie sich für eine gerechtere Verteilung von Verantwortung und Chancen in der Gesellschaft starkmachen. Gemeinsam können wir eine positive Veränderung bewirken!”, zeigen sich Oberhammer und Mazzardis überzeugt.




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