Von: Lukas Unterkofler
Bozen – 215 Ärztinnen der Gesundheitsbezirke Brixen und Bruneck üben scharfe Kritik an der Einführung des neuen Informationssystems NGH im Südtiroler Sanitätsbetrieb. In einem offenen Brief an Gesundheitslandesrat Hubert Messner, Landeshauptmann Arno Kompatscher und Generaldirektor Christian Kofler warnen sie, dass die Digitalisierung derzeit nicht zu einer Entlastung, sondern zu mehr Bürokratie und längeren Arbeitsabläufen führe.
Wie die Ärztegewerkschaft BSK-VSK mitteilt, wurde der Brief von einer Initiativgruppe von Ärztinnen verfasst und von insgesamt 215 Medizinerinnen aus den Krankenhäusern Brixen und Bruneck unterzeichnet. Die Gewerkschaft übernimmt auf Wunsch der Verfasserinnen auch die Kommunikation mit den Medien. Als Grund werden unter anderem disziplinarrechtliche Bedenken genannt.
In dem Schreiben kritisieren die Ärztinnen, dass Tätigkeiten, die früher in einem einzigen Arbeitsgang erledigt werden konnten, nun auf mehrere Programme verteilt seien. Als Beispiel nennen sie die Planung eines Eingriffs, für die mittlerweile drei verschiedene Anwendungen genutzt werden müssten. Dies führe zu mehrfacher Dateneingabe, mehr Zeitaufwand und einem höheren Fehlerrisiko.
Nach Ansicht der Unterzeichnerinnen betreffen die Probleme sämtliche Fachrichtungen. Der Einsatz verschiedener Programme für Krankmeldungen, Untersuchungen oder die Einsicht in Krankenakten erschwere die tägliche Arbeit erheblich. Die dadurch verlorene Zeit fehle letztlich bei der Behandlung der Patientinnen und Patienten und könne zu längeren Wartelisten sowie einer höheren Belastung des Personals führen.
Zudem bemängeln die Ärztinnen, das System sei eingeführt worden, ohne die klinisch tätigen Anwender ausreichend in Entwicklung und Testphase einzubinden. Bereits mehrfach gemeldete Mängel seien bislang nicht behoben worden.
In ihrem offenen Brief fordern sie unter anderem eine objektive Neubewertung des Systems, einen Stopp weiterer verpflichtender Ausweitungen bis zur Behebung der gravierendsten Mängel, mehr Transparenz über technische Probleme, besseren technischen Support sowie eine verbindliche Einbindung von Ärztinnen und Gesundheitsberufen bei der Weiterentwicklung der Software. Ihr Fazit: Digitalisierung müsse die medizinische Arbeit erleichtern und dürfe sie nicht behindern.
Stellungnahme des Südtiroler Sanitätsbetriebes: “System wird schrittweise eingeführt”
Mit dem neuen Krankenhausinformationssystem NGH wird schrittweise die lange geforderte einheitliche digitale Plattform für alle sieben Krankenhäuser Südtirols eingeführt. Das System unterstützt die Dokumentation, Behandlungsplanung und den Informationsaustausch im klinischen Alltag. Nach der Einführung in den Gesundheitsbezirken Bozen und Meran wird NGH derzeit im Gesundheitsbezirk Brixen und nun schrittweise auch im Gesundheitsbezirk Bruneck implementiert. Das erklärt der Südtiroler Sanitätsbetrieb in seiner Stellungnahme auf den offenen Brief.
Ziel sei, ein landesweit einheitliches Krankenhausinformationssystem zu schaffen, das sicher, leistungsfähig und praxistauglich ist und die tägliche Arbeit der Gesundheitsberufe unterstützt. Die Nutzerfreundlichkeit der Plattform müsse sicherlich in Zukunft noch weiter verbessert werden. Deshalb nehme der Sanitätsbetrieb die Rückmeldungen aus den Abteilungen ernst und arbeite gemeinsam mit den Nutzerinnen und Nutzern laufend an Verbesserungen.
Gleichzeitig sei klar: “Die Einführung eines Systems dieser Größenordnung ist ein umfassender Veränderungsprozess. Die damit verbundenen Herausforderungen und zusätzlichen Belastungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind allen Beteiligten bewusst. Gerade deshalb ist es wichtig, die Rückmeldungen aus der Praxis strukturiert aufzunehmen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln.”
“Die Entscheidung für ein neues Krankenhausinformationssystem wurde getroffen, weil die Anforderungen an Datenschutz, Informationssicherheit, digitale Dokumentation und die sichere Vernetzung von Gesundheitsdaten in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind. Ein modernes Gesundheitssystem braucht digitale Strukturen, die diesen Anforderungen langfristig gerecht werden und eine sichere sowie zukunftsfähige Versorgung ermöglichen. Der eingeschlagene Weg hin zu einem einheitlichen Krankenhausinformationssystem für alle sieben Krankenhausstandorte kann daher nicht zur Diskussion gestellt werden und muss fortgesetzt werden. Auch muss ein solches System weiterentwickelt und an die Anforderungen des klinischen Alltags angepasst werden.” Ein Krankenhausinformationssystem sei kein fertiges Produkt „von der Stange“, sondern ein dynamischer Prozess, der gemeinsam mit den Anwenderinnen und Anwendern laufend verbessert wird, heißt es weiter.
Der Südtiroler Sanitätsbetrieb habe in den vergangenen Monaten wichtige Strukturen geschaffen, um diesen Prozess zu begleiten: “Dazu gehören die Task Forces in den Gesundheitsbezirken, mehr als 100 Key User in den Abteilungen und Diensten sowie ausgebaute Supportstrukturen. Die Rückmeldungen der Gesundheitsberufe sind dabei ein zentraler Bestandteil, um Herausforderungen zu erkennen, zu priorisieren und konkrete Verbesserungen umzusetzen.”
Ziel sei es, auftretende technische Probleme rasch, strukturiert und nachhaltig zu lösen. “Entscheidend ist, dass Anpassungen umgesetzt werden, die einen konkreten Mehrwert für den klinischen Alltag schaffen und gleichzeitig sichere, einheitliche und effiziente Prozesse für alle Standorte ermöglichen. Bei dieser Gelegenheit wird allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihren Einsatz, ihre Geduld und ihre Bereitschaft, aktiv an diesem Veränderungsprozess mitzuwirken, gedankt. Die Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag und die konstruktiven Rückmeldungen der Nutzerinnen und Nutzer sind entscheidend dafür, dass das System gemeinsam weiter verbessert wird – im Interesse der Gesundheitsberufe und der Patientinnen und Patienten”, heißt es abschließend.




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