Paranoia im Kreml

Putin macht sich rar – Krieg im Iran als Ursache?

Montag, 23. März 2026 | 08:44 Uhr

Von: mk

Moskau – Wladimir Putin gilt als Gewinner der Öl- und Gaskrise, die durch den Angriff Israels und der USA auf den Iran ausgelöst wurde. Einerseits darf sich der Kreml-Despot über gelockerte US-Sanktionen freuen, andererseits steigt der Ölpreis selbst, solange die Straße von Hormuz blockiert bleibt – und die Ukraine verschwindet immer weiter aus den Schlagzeilen. Dennoch scheint sich die Begeisterung bei Putin in Grenzen zu halten. Im Gegenteil: Experten sprechen von Alarmstimmung.

Anzeichen dafür wollen manche darin erkennen, dass sich Putin plötzlich rarmacht und seit dem 9. März kaum mehr öffentliche Auftritte absolviert. Experten vermuten, dass dahinter möglicherweise die Angst vor einem Anschlag steckt.

Putin inszeniert sich gern als starker Mann, der mit nacktem Oberkörper durch die Tundra reitet oder sich im Kampfsport übt. Doch hinter der Fassade dürfte es anders ausschauen. Statt öffentlicher Auftritte zieht Putin Videokonferenzen vor, über die mittlerweile fast alles abgewickelt wird. Der Grund für die Vorsicht dürfte nicht zuletzt in Teheran liegen.

Ende Februar wurde Ali Chamenei als politisches und religiöses Oberhaupt der Islamischen Republik Iran bei einem israelischen Angriff getötet. Wie die Financial Times berichtete, soll das Attentat durch gehackte Verkehrskameras ermöglicht worden sein, die die Bewegungen des Ajatollah über Jahre verfolgten.

Im Zuge der Angriffe auf den Iran sind dem berüchtigten israelischen Geheimdienst Mossad weitere tödliche Anschläge auf die iranische Führungsspitze geglückt. Einen Tag nach dem Tod des einflussreichen iranischen Sicherheitschefs Ali Laridschani und des Chefs der Basidsch-Miliz, Gholamresa Soleimani, teilte der israelische Verteidigungsminister Israel Katz mit, auch Irans Geheimdienstminister Esmail Chatib sei eliminiert worden.

Dies alles scheint Putin zuzusetzen. Dabei handelt es sich jedoch nicht nur um Einbildungen und Paranoia: Seit dem Überfall auf die Ukraine steht Russland international zunehmend isoliert da. Weil militärische Erfolge trotz immens hoher Opferzahlen ausbleiben und die russische Wirtschaft unter den Folgen des Krieges in der Ukraine leidet, könnte sich Putin innenpolitisch Feinde zugezogen haben – nicht zuletzt unter den mächtigen Oligarchen. Gleichzeitig hätte auch die Ukraine ein offensichtliches Interesse, Putin aus dem Weg zu räumen. „Völkerrechtlich wäre ein Angriff auf den Oberkommandierenden der Streitkräfte – in diesem Fall Präsident Putin – erlaubt“, erklärt Russland-Experte Gerhard Mangott im Interview mit der Welt.

Dass ein Anschlag auf den Kreml-Despoten möglich ist, halten Experten durchaus für real. In Moskau kam es zuletzt zu großflächigen Internetausfällen. Ob dies nur ein Zufall war, bleibt unklar. Die Parallele zu Teheran ist jedoch offensichtlich. Auch seine gepanzerten Limousinen, mit denen er durch Moskau fährt, bieten nur bedingten Schutz, wie Professor Joachim Krause als Experte für Sicherheitspolitik erklärt.

Putin versucht sich auch dadurch zu abzusichern, dass bestimmte Räume samt Ausstattung in mehreren seiner Residenzen komplett gleich aussehen wie das Büro im Kreml. So lässt sich im Fall von TV-Übertragungen oft nur schwer sagen, wo sich Putin gerade tatsächlich aufhält. Russlands Schutzdienst will außerdem eine Sperrzone rund um Putins Residenz in Sotchi von über drei Quadratkilometern einrichten.

Z-Blogger stellt sich offen gegen Putin

Dass Putin auch in seinem eigenen Land Feinde hat, zeigt nicht zuletzt das Beispiel von Z-Blogger Ilja Remeslo, der in Russland erst kürzlich für Aufsehen gesorgt hat. Der bislang Kreml-treue Anhänger des Angriffs auf die Ukraine, der auf seinem Telegram-Kanal Tausende Anhänger hat, wendete sich öffentlich direkt gegen Putin. Der Kreml-Chef sei ein Kriegsverbrecher und Dieb – und gehöre vor ein Kriegsgericht. Putin habe die Wirtschaft ruiniert und unterdrücke die Freiheit der Medien, erklärte der 42-Jährige.

Was hinter der Kehrtwende steckt, ist noch unklar. „Es gibt eine Theorie, dass der Kreml das quasi provoziert hat, um Kritiker aus der Reserve zu locken“, sagt ZDF-Korrespondent Sebastian Ehm einerseits. Weil sich seine Kritik so explizit gegen Putin richtet, gibt es allerdings auch Zweifel.

Andererseits besteht die Möglichkeit laut Ehm, dass hinter dem Blogger noch weitere Gegner Putins stecken, die sich bisher nicht zu erkennen gaben. Dass Remeslo allein gehandelt hat, gilt als unwahrscheinlich. Nach seiner Kritik wurde der Blogger unterdessen laut der St. Petersburger Zeitung Fontanka in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen.

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