Kurdische Kämpfer mussten Tabqa verlassen

Rasches Vorrücken der syrischen Armee im Kurdengebiet

Sonntag, 18. Januar 2026 | 16:11 Uhr

Von: APA/dpa

Nach monatelangen Bemühungen um eine Einigung spitzt sich der Konflikt zwischen der syrischen Regierung und den Kurden immer weiter zu. Regierungstruppen brachten bei einem schnellen Vorstoß strategisch wichtige Gebiete im Norden und Osten unter ihre Kontrolle, darunter zwei wichtige Ölfelder und einen Staudamm, wie Staatsmedien und Aktivisten berichteten. Die kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) zogen sich aus den Gebieten zurück.

Die neue Gewalt überschattet den Besuch von Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Sharaa in Berlin am Montag und Dienstag, dabei ist ein Treffen mit dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz geplant. Al-Sharaa steht seit einem Jahr an der Staatsspitze in Syrien. Seitdem kam es im Land wiederholt zu schwerer Gewalt mit insgesamt Tausenden Toten.

Die syrische Armee gab an, sie habe in der nördlichen Stadt Tabqa sowie am wichtigen Euphrat-Staudamm die Kontrolle übernommen. Es ist der größte Staudamm des Landes, der entscheidend ist für die Wasser- und Stromversorgung. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete, die Regierungstruppen und verbündete Stämme hätten am Sonntag auch Orte in der Provinz Deir ez-Zor eingenommen sowie zwei Ölfelder. Die Beobachtungsstelle mit Sitz in London verfolgt das Geschehen in Syrien über ein Netz von Informanten.

Lässt sich die größere Eskalation abwenden?

Mit der Gewalt gibt es auch Sorge vor einer noch größeren Eskalation in der Stadt Raqqa. Die Beobachtungsstelle berichtete, mit der Regierung verbündete bewaffnete Gruppen hätten Teile der Stadt eingenommen, die seit Jahren von den SDF kontrolliert wird. Die SDF sind der militärische Arm der kurdischen Selbstverwaltung im Nordosten Syriens und ein wichtiger Verbündeter der USA im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Die Kurden sind die größte Minderheit in Syrien, die unter dem inzwischen gestürzten Machthaber Bashar al-Assad schwerer Diskriminierung ausgesetzt waren. Sie leben vorwiegend in der autonom verwalteten Region im Nordosten.

Ihr Konflikt mit al-Sharaas Übergangsregierung dreht sich vor allem um die Frage, wie viel Rechte sie erhalten und wie eigenständig sie ihr Gebiet verwalten können, in dem sich die meisten Öl- und Gasvorkommen des Landes befinden. Damaskus strebt dagegen eine Zentralregierung an, die auch den Nordosten umfasst.

Al-Sharaa hat immer wieder den Schutz von Minderheiten in Syrien zugesagt. Am Freitag unterzeichnete er ein Dekret, mit dem die kulturelle und sprachliche Identität der syrischen Kurden geschützt werden soll. Zugleich bleibt auch nach den jüngsten Kämpfen in Aleppo großes Misstrauen in der kurdischen Bevölkerung über die Absichten al-Sharaars und seiner Übergangsregierung.

SDF sprechen von “hinterhältigem Angriff” in Aleppo

Eigentlich hatten sich beide Seiten im März vergangenen Jahres darauf geeinigt, die kurdischen Institutionen und SDF-Kämpfer schrittweise in staatliche Strukturen einzugliedern. Details waren aber ebenso strittig wie der Zeitplan. Vergangene Woche eskalierte der Konflikt nach stockenden Verhandlungen, Regierungstruppen nahmen die kurdisch dominierten Viertel in der Stadt Aleppo ein. Die SDF warfen der Übergangsregierung einen “hinterhältigen Angriff” vor. Die syrische Armee ihrerseits erklärte, ihre Truppen seien angegriffen worden.

Die SDF-Truppen teilten mit, es sei ihnen gelungen, im Bereich des Tishrin-Staudamms im Norden drei versuchte Angriffe von mit Damaskus verbündeten Kämpfern abzuwehren. Dabei seien zwei Panzer und mehrere weitere Militärfahrzeuge zerstört worden. Die Gefechte dauerten dort an, hieß es in der Mitteilung. Auch dieser Staudamm ist wichtig für Wasser und Strom.

Das US-Regionalkommando für den Nahen Osten (Centcom) hatte die syrischen Regierungstruppen zuvor dazu aufgefordert, offensive Einsätze zwischen Aleppo und Tabqa zu stoppen. Für den Kampf gegen die Terrormiliz IS sei eine koordinierte Zusammenarbeit mit den syrischen Partnern notwendig, hieß es in einer Mitteilung des Centcom-Befehlshabers Brad Cooper.

Befürchtet wird ein größerer Konflikt zwischen den kurdischen Kräften und der Regierung. Daran könnte sich auch die Türkei beteiligen, die die Regierung in Damaskus unterstützt. Ankara betrachtet die SDF als Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK.

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