Russland nahm Ziele abseits von Energieanlagen ins Visier (Archivbild)

Russland greift ukrainische Ziele vor neuen Verhandlungen an

Samstag, 31. Januar 2026 | 15:57 Uhr

Von: APA/dpa/AFP/Reuters

Russland hat nach einem erklärten vorübergehenden Verzicht auf den Beschuss von Energieanlagen dem Verteidigungsministerium zufolge seine Angriffe auf andere Ziele fortgesetzt. Es seien von den ukrainischen Streitkräften genutzte Objekte der Verkehrsinfrastruktur und Munitionsdepots beschossen worden, teilte das russische Ministerium am Samstag mit. In der Ukraine und auch in Moldau gab es am Samstag aufgrund eines “technischen Defekts” massive Stromausfälle.

Die ukrainischen Luftstreitkräfte meldeten, dass Russland in der Nacht auf Samstag 85 Drohnen eingesetzt habe. Über Einschläge in Energieanlagen war demnach zunächst nichts bekannt. Russland hatte sich nach einer Bitte von US-Präsident Donald Trump bereit erklärt, wegen der extremen Kälte und der ohnehin großen Schäden von neuen Angriffen auf die ukrainische Energieinfrastruktur zeitweilig abzusehen.

Auch Russland berichtete von abgewehrten ukrainischen Angriffen. Es seien unter anderem 47 Drohnen und vier Gleitbomben abgeschossen worden. Zu Schäden machte das Ministerium wie immer keine Angaben.

Russische Angriffe verlagert vor neuen Verhandlungen

Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte, dass diese begrenzte Feuerpause nur bis zu diesem Sonntag gelte, um für die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine am Sonntag in Abu Dhabi eine gute Grundlage zu schaffen. Trump selbst hatte von einer einwöchigen Pause gesprochen, die Kremlchef Wladimir Putin ihm zugesagt habe.

Zwar erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, dass es keine Vereinbarung zwischen den Kriegsparteien über eine solche Feuerpause gebe. Er wolle sich aber auch daran halten und keine Objekte der russischen Ölindustrie angreifen, wenn Russland seine Ankündigung wahrmache.

Selenskyj hatte am Freitag auch bestätigt, dass keine Energieanlagen angegriffen worden seien. Er erklärte, dass aus seiner Sicht die einwöchige Pause seit diesem Tag gelte. Zugleich berichtete er, dass Russland seine Angriffe verlagert habe und nun Verkehrsinfrastruktur unter Beschuss nehme.

Massive Stromausfälle wegen “technischer Störung”

In der Ukraine kam es unterdessen am Samstag infolge einer “technischen Störung” zu massiven Stromausfällen. Die Störung sei am Samstag früh an den Hauptstromleitungen zwischen Rumänien, Moldau und der Ukraine aufgetreten, erklärte Energieminister Denys Schmyhal. Es hätten Notstromabschaltungen stattgefunden, um die Kernkraftwerke des Landes zu entlasten.

Dies Notstromabschaltungen seien nötig gewesen, um Schäden an den Anlagen zu verhindern, erklärte Schmyhal im Onlinedienst Telegram. Er versicherte, die Stromversorgung werde “innerhalb der nächsten Stunden” wiederhergestellt sein.

Die Störung habe zu einer “gleichzeitigen Abschaltung der 400-Kilovolt-Leitung zwischen den Stromnetzen Rumäniens und Moldaus und der 750-Kilovolt-Leitung zwischen der West- und Zentralukraine” geführt, erläuterte der Minister. Dabei seien “automatische Schutzmechanismen in mehreren Umspannwerken” ausgelöst worden. In der Folge sei es unter anderem in der Hauptstadtregion Kiew, der zentralen Region Schytomyr und in Charkiw im Nordosten des Landes zu Stromausfällen gekommen.

Stillstand der U-Bahn in Kiew und Charkiw

In Kiew wurde infolge der Stromausfälle unter anderem die Wasserversorgung zeitweise unterbrochen und das U-Bahn-Netz der Hauptstadt vollständig lahmgelegt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von einem “Notfall”. Die Reparaturarbeiten seien im Gang, nun gehe es darum, “die Situation schnell zu stabilisieren”, schrieb er auf Telegram.

Die Metro in den Städten Kiew und Charkiw standen infolge des Ausfalls am Samstag still. “Aufgrund eines Stromausfalls in den externen Versorgungszentren wurden der Zugverkehr und der Betrieb der Rolltreppen in der U-Bahn eingestellt”, teilte der Betreiber der Metro in Kiew auf Facebook mit.

Bis die Stromversorgung wiederhergestellt sei, würden die U-Bahn-Stationen als Schutzräume vor den russischen Angriffen dienen, erklärte Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko auf Telegram.

Das U-Bahn-Netz ist ein wichtiges Verkehrssystem der ukrainischen Hauptstadt. Selbst während intensiver russischer Bombardements stellte die U-Bahn nur selten den Betrieb ein. Offiziellen Daten zufolge nutzten 2025 täglich rund 800.000 Fahrgäste die Züge des öffentlichen Verkehrssystems. Zahlreiche Bewohnerinnen und Bewohner Kiews nutzen die 52 Stationen des U-Bahn-Netzes zudem als Luftschutzbunker während russischer Angriffe.

Auch in Charkiw kündigte der U-Bahn-Betreiber am frühen Morgen vorübergehend eine Einstellung des Betriebs aus “technischen Gründen” an. Später wurde die teilweise Wiederaufnahme des Betriebs bekanntgegeben.

Tschernobyl kurzzeitig ohne Strom

Auch das ehemalige Atomkraftwerk Tschernobyl war am Samstag laut Internationaler Atomenergiebehörde (IAEA) kurzzeitig von der externen Stromversorgung abgeschnitten. Der Anschluss sei inzwischen wiederhergestellt, teilte IAEA-Chef Rafael Grossi auf der Plattform X mit. Aufgrund technischer Probleme im Stromnetz hätten zudem andere ukrainische Kernkraftwerke ihre Leistung vorübergehend gedrosselt. Direkte Auswirkungen auf die nukleare Sicherheit seien nicht zu erwarten, die Gesamtlage bleibe jedoch prekär, erklärte Grossi weiter.

Stromausfälle auch in Moldau

Auch Teile des westlichen Nachbarlandes Moldau waren am Samstag von Stromausfällen betroffen. Ein “Großteil” der Hauptstadt Chisinau sei ohne Strom, teilte Bürgermeister Ion Ceban auf Telegram mit. Da die Ampeln ausfielen, regelten Polizisten an den wichtigsten Kreuzungen den Straßenverkehr. Energieminister Dorin Junghietu bestätigte, dass die Stromausfälle in Moldau mit dem Ausfall der Stromleitungen in der Ukraine zusammenhingen.

Russland hatte in den vergangenen Wochen verstärkt Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur geflogen. Durch die Attacken waren tausende Haushalte bei eisigen Temperaturen immer wieder ohne Strom und ohne Heizung. Ob die aktuellen Stromausfälle mit den russischen Angriffen zusammenhängen, war zunächst nicht bekannt.

Pistorius: Keine Anzeichen für Friedenswillen Moskaus

Deutschlands Verteidigungsminister Boris Pistorius hat mit Blick auf die Verhandlungen zur Beendigung des Ukraine-Krieges Zweifel am Friedenswillen des russischen Präsidenten Putin geäußert. Zwar habe US-Präsident Donald Trump Bewegung in die Friedensverhandlungen gebracht, sagte der SPD-Politiker dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). “Bislang sehe ich allerdings keine Anzeichen dafür, dass Russland ernsthaft Frieden will.”

Während der Verhandlungen der Kriegsparteien unter US-Vermittlung in Abu Dhabi am vergangenen Wochenende habe Putin die Ukraine in einer Art und Weise bombardiert, “wie man es in diesem Krieg kaum erlebt hat”. Das habe nichts mehr mit einer militärischen Auseinandersetzung zu tun, so der Minister. “Das ist Terror, der sich ausschließlich gegen die Zivilbevölkerung richtet – in einem Winter mit Temperaturen von minus 20 Grad.” Zudem zeige sich Putin, wenn es darauf ankomme, an keiner Stelle kompromissbereit.

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