Diskussion über Selbstbestimmung

Schützen: „Ein großer Sprung ist notwendig!“

Samstag, 05. Mai 2018 | 12:37 Uhr

Nals – Am Freitag fand im Bildungshaus Lichtenburg in Nals eine Podiumsdiskussion unter dem Motto „Selbstbestimmung – ein gefährlicher Traum?!“ statt. Am Podium diskutierten Ex-Senator Karl Zeller, der Journalist Ulrich Ladurner, Arno Rainer vom Südtiroler Schützenbund und der Deutsch-Katalane Heiko Kraft. Der Abend wurde von der RAI-Journalistin Gudrun Esser moderiert.

Den Auftakt des Abends bildete ein Kurzreferat von Ulrich Ladurner. Dieser berichtete über seine Erfahrungen als Berichterstatter für die Zeitschrift „Die Zeit“ in Katalonien. Große Verwunderung im Publikum lösten Ladurners Ausführungen aus, als dieser die Gewaltanwendungen der spanischen Polizei beim Unabhängigkeitsreferendum am 1. Oktober 2017 in Katalonien anzweifelte. Selbstbestimmungsbewegungen wie in Katalonien lehne er kategorisch ab. Diese seien gegen die Verfassung und somit ungesetzlich.

Deutsch-Katalane berichtet über Situation vor Ort

Die anschließende fand eine Podiumsdiskussion statt. Heiko Kraft, seines Zeichens Mitglied der Katalanischen Nationalversammlung konnte den Ausführungen Ladurners wenig abgewinnen. Jeder solle das Recht haben, selbst über die eigene Zukunft zu entscheiden. Katalonien sei beim spanischen Staat mit der Forderung nach Selbstbestimmung aber stets auf taube Ohren gestoßen. Der Versuch es auf dem Verhandlungsweg zu lösen wurde von Spanien jahrelang blockiert. Es sei den Katalanen somit kein anderer Weg geblieben, als ein einseitiges Referendum durchzuführen.

Auf Nachfrage von Moderatorin Esser zu den Grenzen der Südtirol-Autonomie erklärte Schütze Arno Rainer wie begrenzt diese in Wirklichkeit sei. Diese werden zwar oft als erfolgreiches Modell dargestellt, reiche aber oft nicht einmal an die Kompetenzen eines normalen deutschen Bundeslandes heran. So sei dort beispielsweise eine eigene Landespolizei selbstverständlich, während man in Südtirol auch nach 100 Jahren bei Staat Italien noch Probleme damit habe, im Umgang mit den Polizeikräften die deutsche Sprache zu verwenden, obwohl 70 Prozent der Bevölkerung deutsch sprechen.

Selbstbestimmung ja oder nein?

Ex-Senator Zeller war der Meinung, dass die Selbstbestimmung den Südtirolern zwar grundsätzlich zustehe, diese aber nur im Falle einer massiven Unterdrückung der Südtiroler eingefordert werden könne. Diesen Trumpf könne nur einmal ausspielt werden. Hier warf Rainer ein, dass ein Selbstbestimmungsreferendum keine einmalige Sache sein müsse. So habe die französischsprachige Region Quebec bereits zweimal über die Loslösung von Kanada abgestimmt.

Friedlich und demokratisch

Selbstbestimmung sei seiner Ansicht nach durchaus realistisch. In den letzten 38 Jahren seien weltweit 35 neue Staaten entstanden; im Schnitt also jedes Jahr einer. Bezogen auf die Aussagen von Zeller und Ladurner ergänzte Rainer, dass in deren Lebenszeit sogar durchschnittlich zwei neue Staaten jährlich entstanden seien. Für ihn stelle die Abhaltung eines Selbstbestimmungs-Referendums den einzig vernünftigen Weg dar, um die umstrittene Frage der stattlichen Zugehörigkeit auf friedlichem und demokratischem Weg zu klären.

„Ein großer Sprung ist notwendig!“

Zeller nannte das Problem einer möglichen Nichtanerkennung des Ergebnisses eines Unabhängigkeitsreferendums durch andere Staaten. Er war der Meinung, dass die Politik der kleinen Schritte zum weiteren Ausbau der Autonomie realistischer sei. Arno Rainer konterte, dass die Politik der kleinen Schritte nicht immer zielführend sei. Im Falle von Hindernissen sei manchmal auch ein großer Sprung notwendig. Das Motto Magnagos, man müsse auch die Blumen am Wegesrand pflücken, berge die Gefahr in sich, vom eigentlichen Weg der Selbstbestimmung abzukommen und in die falsche Richtung zu gehen.

Zeller kritisierte die unklaren Mehrheiten beim katalanischen Referendum. In Südtirol würden sich seiner Meinung nach wohl 70 Prozent für die Abspaltung aussprechen. Rainer sagte, dass es dann die Aufgabe der Politik wäre, auf ein Selbstbestimmungsreferendum hinzuarbeiten, wenn es in der Bevölkerung tatsächlich eine so große Zustimmung dafür gebe. Zeller relativierte daraufhin seine Aussage und meinte dies sei nur dann der Fall, wenn die Autonomie in Gefahr sei. Zeller sagte, dass es zudem unklar sei, wie es nach einer Abstimmung weiter gehen solle. Das müsse vorher geklärt werden. Ohne Plan mache eine Abstimmung keinen Sinn.

Angst in Katalonien

Kraft berichtete über das „Weißbuch“ der Katalanischen Regierung. In diesem sei detailliert dargelegt, welche weiteren Schritte nach einem erfolgreichen Referendum folgen müssten, um einen eigenen Staat aufzubauen. Leider sei es derzeit in Spanien so, dass man nicht mehr frei über den Wunsch nach Abspaltung sprechen könne, ohne eine Anklage befürchten zu müssen. Der demokratische Diskurs werde vom Staat leider völlig unterbunden. Die Katalanen seien aber weiterhin gesprächsbereit.

Angst vor Russland

Ladurner warnte vor einer Kleinstaaterei, die unweigerlich durch die Ausübung der Selbstbestimmung in Europa entstehen würde. Dies würde unweigerlich zu einer Abhängigkeit von Russland führen. Zudem führe die Selbstbestimmung erfahrungsgemäß zu Unruhen und Gewalt. Ein Mann im Publikum meinte daraufhin, dass nicht die Forderung nach Selbstbestimmung, sondern deren Verweigerung letztlich zu Gewalt führe.

Raus aus der EU?

Zeller und Ladurner warnten auch vor einem Verlust der EU-Mitgliedschaft im Falle einer Abspaltung. Rainer warf hier ein, dass dies erst dann eintreten würde, wenn die Sezession offiziell anerkannt würde, da man bis dahin ja weiterhin Teil Italiens und der EU bleibe. Zudem erklärt er, dass eine EU-Mitgliedschaft ja nicht unbedingt notwendig sei, wie die Schweiz oder Norwegen beweisen würden. Aus dem Publikum kam der Einwand, dass die Selbstbestimmung auch zu einer Wiedervereinigung mit Österreich führen könnte. Dies könne auch die Frage der EU-Mitgliedschaft lösen.

Südtirol zu kurz gekommen

Mehrere Meldungen aus dem Publikum machten deutlich, dass sie sich weniger eine Diskussion über Katalonien als vielmehr über Südtirol gewünscht hätten. Eine Spontanabstimmung im Publikum am Ende der Diskussion, ob sie denn nun eine Selbstbestimmungsreferendum oder einen weiteren Ausbau der Autonomie bevorzugen würden, lieferte ein gemischtes Bild. Letztlich überwogen aber die Stimmen für das Selbstbestimmungsreferendum.

Von: mk

Bezirk: Burggrafenamt

Kommentare

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17 Kommentare auf "Schützen: „Ein großer Sprung ist notwendig!“"


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MartinG.
MartinG.
Superredner
20 Tage 2 h
Spreche Zeller und Ladurner großes Lob aus. Wahrlich lustig die Schützen. Der katalanische Herbst hat einmal mehr gezeigt, daß in der EU Recht&Gesetz gelten und daß Lissabonvertrag Artikel 4.2 gilt. Keine Abspaltung, keine Einmischung, keine EU-Mitgliedschaft, keinen Euro, keinen Handel und schon gar nichts. In Cat haben bisher 3.000 Firmen den Sitz aus Cat herausverlegt. In Südtirol gilt das gleiche; keine Abspaltung ohne Konsens und kein Anschluss an Österreich; A-Grenzen sind festgelegt und einer Änderung des Staatsvertrags müssten alle Garantiemächte zustimmen; einmal abgesehen von der Anerkennung durch alle(!) anderen EU-Staaten. Der eigentliche Fauxpass aber ist(und kommt im Artikel nicht vor)… Weiterlesen »
algunder
algunder
Tratscher
19 Tage 23 h

Ach wass!! Es isch högste zeit dass was passiert! Die südtiroler werden täglich diskriminiert! Freiheit für Süd-Tirol!

anonymous
anonymous
Superredner
19 Tage 21 h

Die Italiener werden nie südtiroler sein,Südtirols muss frei werden,frei von Italien

MartinG.
MartinG.
Superredner
19 Tage 20 h

@anonymous und @algunder Keine sachlich fundierte Antwort auf meine Sachverhalte; dacht ich mir doch. Ihr wollt 1/4 bis 1/3 der Bevölkerung von Mitsprache ausschließen? Und das soll auch noch funktionieren? Und ihr glaubt auch noch dafür gäbe es eine Mehrheit und dies würde(vor allem) international auch noch anerkannt?
Ihr lebt in einer Parallelwelt, die jeder Realität und jeder Gesellschaft entbehrt; wie alle Separatisten. Sogar die Katalanen beginnen die Lektion die sie erhalten haben zu verstehen.

MartinG.
MartinG.
Superredner
19 Tage 20 h

@algunder Was soll passieren?

algunder
algunder
Tratscher
19 Tage 9 h

Los von rom, freistaat, zumbeispiel!!! Süd-Tirol isch holtamoll net italien! I fühl mi net als uaner , und tausende ondere Süd-Tiroler a net ! Wiesou sollet nor inser drong inser glabe an der soch soule folsch sein? Wia gsog , i stea dorfier in und i stea zu dem wos i sog!

algunder
algunder
Tratscher
19 Tage 9 h

Do bin i net deiner meinung! Südtirol hot die möglichkeit sich selbst zu regieren ( sicher net mit der heutigen regierung😂) mir hobm es potenzial dorzua, also wiesou solln mir insere ziele net weiter nochgian ? Weil villeicht wos sein kannt???? Ach wass de supp werd net sou hoas geggn wia se gekocht eird

Gagarella
Gagarella
Universalgelehrter
19 Tage 10 h

Es ist der Wohlstand der ein Volk Träge macht, und deshalb an eine Eigenständigkeit Süd-Tirols nicht zu Denken ist. Für diesen Wohlstand lassen sich auch viele vom Fremdstaat Knechten, und verleugnen ihre Wurzeln.
Ich bleib meinen Land Tirol Treu, und bin Stolz Österreicher zu sein!

algunder
algunder
Tratscher
19 Tage 5 h

Gagarella do gib i dir vollkommen recht! Zum kotzen !!! Insere großväter dranen sich im grob um !

Supergscheider
Supergscheider
Grünschnabel
19 Tage 19 h

Das grosse Problem in jedem Land ist das irgend jemand entweder nicht respektiert oder Ausgenützt wird und umgekehrt nützen die Faulen die Fleissigen,die Starken die Schwächeren aus. Solange es keine Gerechtigkeit gibt wird es immer krachen und das zu Recht.

Koefele
Koefele
Grünschnabel
19 Tage 8 h

An Stelle der Referenden über Abspaltungen von Regionen in
europäischen Staaten sollte ein vereintes Europa vorangetrieben werden und nicht eine Spaltung,
denn die Spaltung einiger Staaten würde nur die Kluft zwischen armen und
reichen Regionen in Europa vergrößern, eine Vereinigung Europas erschweren
und das friedliche Zusammenleben gefährden.

Koefele
Koefele
Grünschnabel
19 Tage 5 h

Wie ist es möglich, dass wir bedürftige Flüchtlinge
akzeptieren, wenn sich die Bevölkerung in Südtirol nach hundertjährigem Zusammenleben
nicht akzeptiert.Ich glaube es ist immer besser durch Kompromisse Lösungen zu
finden als durch Konfrontationen und Spaltungen, besonders im Sinne eines
geeinten Europas, was für die Erhaltung von Friede und Freiheit, besonders für
unsere Nachkommen,von großer Bedeutung ist. 

mandorr
mandorr
Tratscher
19 Tage 8 h

Gar nichts ist notwendig

lord schnee
lord schnee
Tratscher
19 Tage 7 h

diskussion hin oder her. das beste finde ich die vorstellung wie der staat südtirol von russland abhängig wird😂😂😂

Tabernakel
16 Tage 21 h

Der Trachtenverein sollte sich auf seine Kernkompetenzen konzentrieren.

Supergscheider
Supergscheider
Grünschnabel
18 Tage 21 h

Sobald ich kann wandere ich aus ,meine Kinder sind schon weg und wollen auch nicht mehr zurück.Kann diese blutleeren Sonntagsreden nicht mehr hören.

sarnarle
sarnarle
Tratscher
16 Tage 5 h

Wann soll dann dieser Trumpf ausgespielt werden. Wenn das Spiel vorbei ist hilft es nichts einen guten Trumpf zu haben. In 100 Jahren hab ich nichts mehr davon.
Auf Südtirolerisch. Wenn die guten Karten bis zum Schluß behaltest, kann sein dass die Gegner erster die drei Stiche haben.

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