Von: apa
Bundeskanzler Christian Stocker und Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (beide ÖVP) sehen große Chancen für österreichische Unternehmen in Indien. Als bevölkerungsreichstes Land der Welt und aktuell am schnellsten wachsende Volkswirtschaft sei Indien “ein wirtschaftlich sehr interessanter Partner für Österreich”, sagte Stocker am Mittwoch vor Journalisten in Neu-Delhi. Hattmannsdorfer sieht das Land nicht nur als Abnehmer, sondern auch als möglichen Investor.
Stocker war am späten Dienstagabend (Ortszeit) in Neu-Delhi angekommen, wo ihm am Flughafen ein großer Empfang bereitet wurde. Im Gespräch mit Journalisten hob er hervor, dass er als erster Kanzler seit über 40 Jahren das Land besuche. “Der letzte Bundeskanzler, der Indien besucht hat, war Fred Sinowatz. Es ist viel Zeit vergangen seit diesem Besuch, und es hat sich die Welt mehrfach verändert, in letzter Zeit ganz besonders”, sagte Stocker. Heute würden “viele Partnerschaften anders beurteilt und stehen auf dem Prüfstand”, sagte der in offenkundiger Anspielung etwa auf die transatlantischen Beziehungen. Dies führe dazu, dass sich “nicht nur die Europäische Union, sondern auch Indien nach weiteren Partnerschaften umsehen, um in einer ganz volatilen Situation breiter aufgestellt zu sein”.
“Nicht in jedem Thema 100 Prozent Übereinstimmung”
Stocker sagte auf die Frage der APA, ob er im Gespräch mit dem Premierminister Narendra Modi auch die Christenverfolgung in Indien ansprechen werde, dass Österreich klar für die Freiheit der Religionsausübung eintrete. “Mit Indien verbindet uns nicht in jedem Thema 100 Prozent Übereinstimmung”, so Stocker. Allerdings wolle man “die gemeinsame Interessenslage bestmöglich nützen” und der Schwerpunkt des Besuches liege auf den wirtschaftlichen Beziehungen, betonte der Kanzler, der von Vertretern von 60 österreichischen Topunternehmen begleitet wird.
Diesbezüglich haben die österreichischen Regierungsvertreter eine Reihe von konkreten Vorstellungen, die zum Teil auch in Abkommen gegossen werden sollen. So sollen indische Unternehmen dazu bewegt werden, Wien als Standort für ihre Mitteleuropa-Niederlassungen zu wählen, berichtete der Wirtschaftsminister. Auch er hob das enorme Potenzial des indischen Marktes für österreichische Unternehmen hervor. 2030 werden bereits 700 Millionen Menschen die kaufkräftige Mittelschicht in Indien bilden. Schon jetzt gäben indische Touristen in Österreich mit 380 Euro pro Tag mehr als doppelt so viel aus wie durchschnittliche Besucher.
Auf die Bewerbung Österreichs als Urlaubsdestination zielt auch ein Filmabkommen ab, das Bollywood-Produktionen ins Land bringen soll. Es sieht vor, dass Filmproduktionen künftig ab einem Anteil 20 Prozent aus dem jeweiligen Land als Koproduktionen gelten – einschließlich des Zugangs zu Filmförderungen. Auf Nachfrage der APA versuchte Hattmannsdorfer Befürchtungen zu zerstreuen, dass damit österreichische Fördergelder in Richtung Bollywood abfließen könnten. Das Ansuchen um Förderungen sei “eine ganz nachgelagerte Fragestellung”, betonte er. Wesentlicher Vorteil des Abkommens sei die Rechtssicherheit, etwa bezüglich der Rechteverwertung.
Mit Indien gegen handelsfeindliche Tendenzen in den USA und China
Hattmannsdorfer sieht Indien als zentralen Partner in einer Zeit, “wo sich Österreich neu ausrichten muss handelspolitisch” angesichts des US-Protektionismus und der “Übersubventionierung” der Industrie in China. Hier gelte es vor allem, die Chancen des EU-Indien-Freihandelsabkommens zu nützen, das gerade in für österreichische Unternehmen wichtigen Bereichen deutliche Tarifsenkungen vorsehe. Schon im Vorjahr habe Österreich erstmals einen kleinen Handelsbilanzüberschuss mit Indien erwirtschaftet, zeigte sich der Wirtschaftsminister erfreut. “Die Entwicklung zeigt in die richtige Richtung.”
Einem besseren wirtschaftlichen Austausch sollen mehrere Vereinbarungen dienen, die am Donnerstag von Regierungsvertretern in Neu-Delhi unterzeichnet werden. So soll eine gemischte indisch-österreichische Kommission eingerichtet werden, an die sich Unternehmen bei Problemen mit der Bürokratie wenden können. Als Beispiel nannte Hattmannsdorfer Zahlungsverzögerungen bei öffentlichen Aufträgen oder wochenlanges Warten auf die Abfertigung von Waren in Häfen, was vor allem bei verderblichen Gütern ein Problem sei.
Hattmannsdorfer war bereits am Wochenende nach Indien gereist, um zunächst in der Finanzmetropole Mumbai (Bombay) Gespräche zu führen. Dort sei unter anderem eine Vereinbarung mit der Infrastrukturbehörde getroffen worden, damit sich österreichische Unternehmen künftig bei Großprojekten bewerben können. Gerade beim Tunnel- und Brückenbau seien diese nämlich weltweit führend, dürften bisher aber nicht als Generalunternehmer auftreten.
Eine weitere Vereinbarung soll die Fachkräftemigration aus Indien nach Österreich erleichtern. Die Regierung will ein “Precheck-Register” einrichten, um indische Ausbildungsstätten von Bewerbern für eine Rot-Weiß-Rot-Karte im Voraus zu prüfen. So soll das Verfahren bei der RWR-Karte schneller abgewickelt werden können. Laut Hattmannsdorfer sind bisher 850 Inder auf diesem Weg auf den österreichischen Arbeitsmarkt gekommen, womit Indien bereits das viertgrößte Land in diesem Programm ist.
Stocker hält an “2-1-0”-Formel fest
Erster politischer Programmpunkt Stockers in Neu-Delhi ist am späten Nachmittag (Ortszeit) ein Treffen mit Außenminister Subrahmanyam Jaishankar. Für Donnerstag ist die Zusammenkunft mit dem indischen Premierminister Modi und ein Wirtschaftsgipfel geplant, für Freitag die Besichtigung österreichischer Wirtschaftsprojekte sowie ein Treffen mit indischen Topmanagern. Stocker hatte die Reise in seiner Neujahrsrede Ende Jänner angekündigt. Mit Visiten nach Indien, China und in die Vereinigten Arabischen Emirate will er sich heuer als “Türöffner” für heimische Exportunternehmen betätigen.
Die “Exportoffensive” soll dazu beitragen, dass die österreichische Wirtschaft trotz der globalen Turbulenzen nicht in die Rezession rutscht. Befragt zu den wirtschaftlichen Parametern seiner “2-1-0”-Formel signalisierte Stocker, dass er am Ziel von zwei Prozent Inflation und einem Prozent Wirtschaftswachstum weiterhin festhalte. Im Jänner und Februar habe sich gezeigt, dass diese Ziele mit nationalen Maßnahmen erreichbar seien. Dies gelte auch für die “0” – so habe es im Jänner erstmals mehr Außerlandesbringungen als Asylanträge in Österreich gegeben.




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