Von: apa
Der Innsbrucker Ärzte-ohne-Grenzen-Einsatzleiter Marcus Bachmann hat die angespannte Lage im Gazastreifen und im Westjordanland verdeutlicht und Österreich zur Aufnahme von aus medizinischen Gründen evakuierten Patienten aufgefordert. Im APA-Gespräch verwies er auf 18.500 Menschen, die laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) dringend aus dem Gazastreifen evakuiert werden müssten. Die Einhaltung des internationalen humanitären Völkerrechts müsse jedenfalls eingefordert werden.
Die WHO habe Ende April die letzten Zahlen veröffentlicht, wonach rund 18.500 Menschen – darunter 4.000 Kinder – dringend medizinisch evakuiert werden müssten, erklärte Bachmann am Rande des diesjährigen Journalismusfestes in der Tiroler Landeshauptstadt. Bisher seien über 90 Prozent der Evakuierungen von Ägypten, Jordanien, Katar und der Türkei aufgenommen worden. Als EU-Länder, die zuletzt Patienten aus Gaza aufgenommen hätten, nannte der Tiroler Italien, Spanien, Belgien, Irland und Rumänien.
Österreich habe indes seit dem 7. Oktober 2023 keine medizinischen Evakuierungen aus Gaza zugelassen. Bachmann, Einsatzleiter in den besetzten palästinensischen Gebieten, appellierte an die Bundesregierung, solche Evakuierungen zu ermöglichen. Österreich verfüge über ein leistungsfähiges Gesundheitssystem und habe enge Beziehungen zu Israel, so der Vertreter von Ärzte ohne Grenzen (MSF).
Versorgung in Gaza unzureichend
Darüber hinaus verwies er auf den weiterhin eingeschränkten Zugang für Hilfsorganisationen, auf blockierte Medikamenteneinfuhren und die dadurch befeuerten Notlagen der Bevölkerung. “Ich muss dem Narrativ, dass es keine humanitäre Notlage im Gaza-Streifen gibt, ganz klar entgegentreten”, betonte Bachmann.
Der Waffenstillstand im Gazastreifen, der seit 10. Oktober 2025 offiziell gilt, sei “fragil” und “sehr brüchig”. “Und das ist noch eine Beschönigung”, betonte der Tiroler. Seitdem seien über 800 Palästinenser getötet und mehr als 2.000 verletzt worden. Praktisch täglich komme es zu Angriffen mit Toten und Verwundeten.
Darüber hinaus lebten nach Angaben des UNO-Büros für humanitäre Angelegenheiten etwa 83 Prozent der Bevölkerung unter humanitären Mindeststandards. Zudem seien drei Viertel von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen und jeder vierte Mensch könne nur eine Mahlzeit pro Tag zu sich nehmen. Die medizinische Versorgung sei jedenfalls “vollkommen inadäquat”. “Menschen verlieren ihr Leben, weil es keine oder keine ausreichende Gesundheitsversorgung gibt”, erklärte Bachmann.
Registrierung als Streitpunkt
Seit 1. Jänner dürfe Ärzte ohne Grenzen indes keine Medikamente, Impfstoffe, Diagnostika, Labormaterialien, medizinischen Geräte oder Verbrauchsmaterialien in den Gazastreifen einführen. Grund sei die fehlende Registrierung durch israelische Behörden. “Mittlerweile sind hunderte essenzielle Medikamente ausgegangen, darunter Schmerzmittel, Narkosemittel und Antibiotika”, wollte Bachmann auf die fatale Lage aufmerksam machen.
Einschränkungen bei sogenannten Dual-Use-Gütern würden dabei auch Rollstühle, Krücken sowie Ersatzteile für Sauerstoffkonzentratoren und Inkubatoren betreffen. Eine verbindliche Liste gebe es nicht – Lieferungen würden also teils genehmigt, nur um das nächste Mal in gleicher Form zurückgewiesen zu werden. Hygienestandards könnten mittlerweile nicht ausreichend eingehalten werden und Infektionen mit resistenten Krankenhauskeimen seien daher schwerer zu behandeln. In manchen Fällen müssten Gliedmaßen amputiert werden, in anderen Fällen würden Menschen an Sepsis sterben, berichtete der Einsatzleiter.
Ende 2025 habe Ärzte ohne Grenzen eine 60-tägige Übergangsfrist erhalten, um sich nach neuen Regeln zu registrieren, sagte Bachmann. Danach hätten internationale Mitarbeitende abgezogen werden müssen. Er selbst sei dann Ende Februar als einer der letzten internationalen Mitarbeitenden nach Amman, der Hauptstadt Jordaniens, ausgereist. Seitdem unterstützten internationale Teams von dort aus die rund 1.600 lokalen Kräfte. Auch die eigenen Büros in Ost-Jerusalem hätten in diesem Rahmen geschlossen werden müssen, berichtete Bachmann. Es habe sich dabei um eine Struktur gehandelt, die über 30 Jahre lang bestanden habe und über welche die Einsätze in Palästina koordiniert wurden.
Angespannte Lage im Westjordanland
Auch im Westjordanland habe sich die Lage verschlechtert, berichtete Bachmann. Er verwies unter anderem auf Änderungen bei Land- und Bodengesetzen, neuen Regelungen zum Schutz von Wasserquellen, der Todesstrafe de facto nur für Palästinenser und auch der Zugang zu religiösen und kulturellen Stätten sei nur mehr eingeschränkt möglich. Zudem sprach er von einer Ausweitung der Gewalt durch Siedlerinnen und Siedler sowie wachsenden psychischen Belastungen. Immer häufiger würde es zu schweren Körperverletzungen, Schusswaffeneinsatz gegen unbewaffnete Palästinenser sowie Angriffen auf Häuser und Besitz kommen, betonte Bachmann.
Sorge um Völkerrecht
Der MSF-Mitarbeiter warnte abschließend vor einer Erosion des humanitären Völkerrechts. Seit dem Zweiten Weltkrieg hätten nicht mehr so viele Menschen in Kriegs- und Konfliktgebieten gelebt. Wenn die Verletzung des Völkerrechts derart folgenlos bleibe, könne dies schwerwiegende Auswirkungen auf internationale Beziehungen haben.
“Völkerrecht funktioniert dadurch, dass sich Regierungen einander in die Pflicht nehmen”, sagte Bachmann. Die österreichische Bundesregierung habe wegen ihrer Beziehungen zur israelischen Regierung eine besondere Verantwortung, auf die Einhaltung des humanitären Völkerrechts zu drängen. Auch internationale Journalisten sowie unabhängige Beobachter müssten Zugang zum Gazastreifen erhalten, um die Lage vor Ort unabhängig einschätzen zu können.
Bachmann beim Journalismusfest
Bachmann, gebürtiger Innsbrucker und in Osttirol aufgewachsen war zu Jahresbeginn bis Ende März als Einsatzleiter für Ärzte ohne Grenzen in Palästina – im Gazastreifen sowie im Westjordanland – tätig. Im Rahmen des Journalismusfest Innsbruck wird er am Samstag ab 10.00 Uhr im Treibhaus mit der freien Journalistin aus Gaza, Malak Tantesh, sowie der Nahost-Redakteurin der deutschen Tageszeitung “taz”, Lisa Schneider, über seine Erfahrungen diskutieren.




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