Von: mk
Bozen – Der Untersuchungsausschuss zur Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen der Jahre 2020–2023 und Feststellung der Verantwortlichkeiten hat am heutigen Dienstagvormittag unter dem Vorsitz von Brigitte Foppa getagt. Dabei wurde erstmals der Fokus auf den Bereich Gesellschaft gelegt und eine Panel-Anhörung von Vertretungen von Kunst, Kultur und Vereinen durchgeführt, an der Alexander Zöggeler, Präsident des Südtiroler Künstlerbundes, Leander Moroder, der ehemalige Direktor des Istitut Ladin Micurá de Rü, Perfas-Generaldirektor Thomas Ober Maniacco, Perfas-Vizepräsidentin Sandra Passarello und Pepi Fauster, ehemaliger Obmann des Verbandes der Südtiroler Musikkapellen, teilgenommen haben.
„Es war heute eine sehr reiche und sehr interessante Anhörung, bei der wir aus verschiedenen Seiten in das Thema der Kunst und Kultur eingetaucht sind“, unterstrich Vorsitzende Foppa. Es hätten sich jenseits der allgemeinen Berichte über die einzelnen Sektoren einige Linien herausgearbeitet, entlang derer Unterschiede feststellbar seien, wie die Pandemie in kulturellen und künstlerischen Sektoren erlebt worden sei.
„Eine große Unterscheidung betrifft das Ehrenamt, wo kulturelle Tätigkeit während der Pandemie völlig anders erlebt wurde als bei beruflich tätigen Kulturschaffenden“, so Foppa. „Das heißt, während das Ehrenamt sehr stark davon lebt, dass sich Menschen in der Gemeinschaft zusammenfinden und dort gemeinsam Kultur machen – gemeinsam Musik machen, gemeinsam Theater spielen, gemeinsam Aufführungen vorbereiten –, alles Dinge, die natürlich völlig stillgelegt waren, war es für jene, die von Kunst und Kultur leben, noch einmal auf einer ganz anderen Ebene schwierig.“ Es habe keine Möglichkeit gegeben, Aufführungen zu machen, für Schauspieler:innen habe es keine Möglichkeit gegeben, zu spielen, für Musiker:innen keine Möglichkeit aufzutreten u.a.m. „Deshalb war in dieser Zeit für Künstlerinnen und Künstler das nackte Überleben schon ein Problem – das kann man nicht anders sagen“, führte Foppa aus. Von einigen sei diese Zeit als schöpferische Pause aufgenommen oder verwendet worden. Bei anderen habe gerade auch dieses extreme Alleinsein mit sich selbst Folgen gehabt, die bis heute spürbar seien, von der Depression bis zum Jobwechsel. „Viele Kunstschaffende haben sich in dieser Zeit auf ihre anderen beruflichen Tätigkeiten verlegt und einige sind auch nicht mehr zur Kunst zurückgekriegt“, berichtete Foppa und ergänzte: „Andere haben es hingegen gut verarbeitet und haben auch ganz neue kreative Bereiche erschlossen.“ Ein Beispiel sei das Digitale: Es sei in der heutigen Anhörung deutlich geworden, wie umfangreich die Möglichkeiten seien, in der digitalen Welt Aufführungen zu machen oder in Gemeinschaft zu treten. „Davon ist einiges bis heute am Leben geblieben und prägt die Kunst- und Kulturszene nach wie vor – und wird das auch in Zukunft tun“, so Foppa.
Der zweite große Unterschied sei der des individuellen und des gemeinschaftlichen Kunstschaffens. „Auch dort sind immer noch Folgen zu spüren. So wurde uns beispielsweise berichtet, dass es einige Festivals nicht mehr gibt und Besucherzahlen zum Teil niedrig geblieben sind“, erklärte Foppa. „Gerade die Eventkultur, der Bereich von Musik – DJs, Diskotheken usw. – ist ein Sektor, der bis heute noch geschädigt ist, denn vor allem junge Leute treffen sich noch immer eher in kleineren Gruppen.“
Was das Wirtschaftliche betreffe, sei den Mitgliedern des Untersuchungsausschusses mehrmals gesagt worden, dass es sehr widersprüchliche Richtlinien gegeben habe – im Hinblick auf die Unterschiede zwischen Kulturschaffenden und Wirtschaftstreibenden etwa auch, was das Finanzielle anbelange. „Große Finanzierungen zum Beispiel für Tourismusbetriebe, sehr geringe Förderungen für Kunstschaffende. Künstler:innen hätten Summen von einigen Hundert Euro bis zu 5.000 Euro erhalten. Da gab es bei Tourismus- und anderen Betrieben schon eine ganz andere Größenordnung“, berichtete Foppa. „Auch das führt dazu, dass man heute sagt – und das ist eine wichtige Erkenntnis der Pandemie –, dass man Künstlerinnen und Künstler viel, viel besser absichern muss. Das ist eine politische Aufgabe.“
Zum Thema der Kinder und Jugendlichen habe es heute eine längere Diskussion gegeben, in der es darum gegangen sei, welche Folgen es bei Kindern und Jugendlichen im Hinblick auf das Kreative, auf das Potenzial der Kunst und Kultur gegeben habe. „Die Schäden wurden als relativ groß bezeichnet“, sagte Ausschussvorsitzende Foppa. „Man sprach, im Zusammenhang mit der Generation, die heute an der Oberschule ist und die Pandemie als Kinder erlebt hat, von einer ‚verängstigten Generation‘, die sich schwertut, Beziehungen herzustellen oder in Gemeinschaft zu treten.“ Dies sei eine sehr schwerwiegende Folge der Pandemie, wenngleich auch hier unterschiedliche Diagnosen gestellt worden seien. „Man hat zum Beispiel gesagt“, so Foppa, „dass einerseits diese verängstigte Generation da ist und noch dazu, dass die Pandemie die Starrheit der Systeme noch einmal verstärkt hat, zum Beispiel im Bildungssystem. Andererseits wurde uns auch berichtet, beispielsweise aus dem Sektor der Musikkapellen, dass die Zeit sehr eingeengt hat, dass man sich aber auch erholt habe und dass ganz neue Ideen entstanden sind und auch eine gewisse Euphorie des Neubeginns unter jungen Menschen zu spüren ist.“
Einheitlich hieß es, so informierte Foppa, „dass man zu Beginn der Pandemie die Kultur regelrecht vergessen und dann noch lange vernachlässigt hat – die Stimmung war hierzu sehr kritisch. Diese führt zu Fragestellungen, wie wichtig Kultur in unserer Gesellschaft überhaupt ist, wie systemrelevant Kultur ist, was Kultur leisten kann und was Kultur vielleicht auch während der Pandemie hätte leisten können.“
Es sei in der Anhörung auch um den Umgang mit Kritik während der Pandemie gegangen und dort sei u.a. die Frage gestellt worden, ob Künstlerinnen und Künstler hätten kritischer an die Öffentlichkeit treten sollen. „Die Antwort war, dass auch Kulturschaffende von der öffentlichen Hand abhängig sind“, so Foppa und betonte abschließend: „Eine interessante Feststellung ist vielleicht, dass die Polarisierung und die Spaltung der Gesellschaft auch im Kunst- und Kultursektor spürbar waren und dass hier die Kunst und Kultur vielleicht hätte einen Beitrag zur Verarbeitung leisten können – wenn sie es hätte tun dürfen.“
Der „Untersuchungsausschuss zur Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen der Jahre 2020–2023 und Feststellung der Verantwortlichkeiten“ tritt am 2. und 23. September 2026 erneut zusammen, um sich in ganztägigen Anhörungen mit dem Mediensektor zu befassen.




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