Ein Kommentar

Wackeliger Verbündeter

Dienstag, 16. Juni 2026 | 01:49 Uhr

Von: mk

Bozen – Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko, der 2022 Russland unter anderem den Einmarsch in die Ukraine über das eigene Territorium gestattet hat, gilt als einer der engsten Verbündeten Wladimir Putins. Dennoch sorgte Lukaschenko erst kürzlich mit einigen Aussagen für Überraschung. Wackelt der nächste Verbündete Moskaus?

Lukaschenko erklärte etwa dem Fernsehsenders Al Arabija, ein militärischer Sieg im Ukraine-Krieg sei unrealistisch. Brisant dabei ist: Der belarussische Präsident richtete sich nicht nur an die Ukraine, sondern explizit auch an Russland – und untergräbt damit ein Narrativ des Kremls. Zwar würden die russischen Truppen laut Lukaschenko vorrücken, doch beide Kriegsparteien hätten zu wenig Soldaten.

Die Kyiv Post berichtete zudem, dass Lukaschenko in einer kürzlich gehaltenen Rede die Idee zurückwies, belarussische Truppen zum Kampf in die Ukraine entsenden. „Ich möchte, dass die Polen, Litauer und Ukrainer mir zuhören. Wir wollen keinen Krieg mit ihnen führen“, erklärte der belarussische Staatschef. Viele Kommentatoren waren überrascht von solcher Deutlichkeit.

Gleichzeitig hat sich Lukaschenko bei Selenskyj für jüngste scharfe Äußerungen entschuldigt. Nachdem Kiew behauptet hatte, seinen genauen Standort zu kennen und Hunderte von Zielen innerhalb von Belarus kartiert zu haben, hatte Lukaschenko damit gedroht, ein „sehr ernstes“ Ziel in der Ukraine anzugreifen. Nun scheint der Machthaber bestrebt zu sein, die hitzige Rhetorik zu entschärfen.

Dennoch bleibt die Skepsis innerhalb der EU aufrecht. Polen und die baltischen Staaten warfen Minsk in der Vergangenheit vor, Migranten aus dem Nahen Osten, Afrika und Asien zu schicken, um die EU zu destabilisieren. Belarus wurde ebenso beschuldigt, als Zufluchtsort für kremlnahe Spione und Saboteure zu dienen, die zwischen Ost und West pendeln, während Al Jazeera berichtete, dass Russland und Belarus vor einigen Wochen an gemeinsamen Militärübungen mit Atomwaffen teilnahmen.

Echte Demokratie in Belarus gibt es nicht, die Opposition wird politisch verfolgt. Lukaschenko, der oft als letzter Diktator Europas bezeichnet wird, hält sich nur mit der Unterstützung Putins an der Macht und ist damit von ihm abhängig. Gleichzeitig versucht Lukaschenko mit allen Mitteln zu verhindern, dass sein Land in den Ukraine-Krieg mit hineingezogen wird. Viele Experten fragen sich, wie lange dieser Drahtseilakt noch aufrechterhalten werden kann. Möglicherweise muss sich Lukaschenko bald für eine Seite entscheiden – und Putin sollte sich nicht zu früh freuen.

Bezirk: Bozen

Kommentare

Aktuell sind 0 Kommentare vorhanden

Kommentare anzeigen