Geplante Verkehrsinfrastrukturen im Pustertal mit Olympiageldern

„Wir machen ein Land zum Wegfahren und nicht zum Dableiben“

Donnerstag, 11. April 2024 | 12:13 Uhr

Bozen – Die Gelder für Olympia 2026 haben zahlreiche Verkehrsinfrastrukturprojekte im Pustertal angestoßen: Während der Heimatpflegeverband den Bau der Riggertalschleife für die Bahn begrüßt, werden Straßenbauprojekte wie die Umfahrungsstraße in Percha, die Kreuzungsbereiche Olang und Rasen-Antholz sowie Projekte in Toblach und Innichen kritischer gesehen. Aufgrund ihrer Dimension würden sie den Transitverkehr im Pustertal anfeuern, sind die Heimatpfleger überzeugt. Mit solchen Projekten „machen wir ein Land zum Wegfahren und nicht zum Dableiben“, stellte der renommierte Verkehrsplaner Hermann Knoflacher heute bei einer Pressekonferenz in Bozen fest.

Nachdem Hermann Knoflacher gestern in Toblach sein neues Buch „Virus Auto 4.0 – Lebensraum für Mensch und Natur in Stadt und Land“ präsentierte, stellte er heute auf Einladung von Heimatpflegeverband Südtirol, Dachverband für Natur und Umweltschutz, Initiativgruppe Olang Rasen Antholz, Umweltring Pustertal und Plattform pro Pustertal die geplanten Verkehrsinfrastrukturprojekte entlang der Pustertaler Straße bei einer Pressekonferenz in Bozen auf den Prüfstand. Großveranstaltungen wie die olympischen Winterspiele erfordern laut dem Wiener Verkehrsexperten vorübergehende Maßnahmen im Verkehrssystem, die negative Folgewirkungen ausschließen müssen. Die Lösung liege daher im Verkehrsmanagement unter Einbeziehung aller Verkehrsträger unter den Vorgaben der Klimaziele, des Landschafts- und Naturschutzes und Vermeidung schädigender Folgewirkungen für die Bevölkerung und die lokale Wirtschaft, erklärte Knoflacher.

Chance Olympia

Die Olympiade biete die Chance, um mit den bereitgestellten Mitteln Weichenstellungen für eine nachhaltige Veränderung der Verkehrsmittelwahl zum öffentlichen, Fußgänger- und Radverkehr zu setzen. Dafür seien aber die Mittel für eine beispielgebende verkehrliche Sanierung der Gemeinden einzusetzen und nicht zur Erhöhung und Förderung des schädlichsten Verkehrsträgers durch Fahrbahnausbauten, hieß es bei der Pressekonferenz. Denn die olympische Herausforderung finde nicht nur im Sport statt, sondern noch viel mehr in der Umsetzung wirksamer Maßnahmen zur Erfüllung der Klimaziele.

„Mit den geplanten Projekten wird die Chance verspielt“

Der zweistöckige Ausbau der Kreuzung Olang, der Ausbau der Kreuzung Rasen-Antholz, der dreispurige Ausbau zwischen Kiens und St. Lorenzen und die Großprojekte in Innichen und Toblach, aber auch die auf eine Maximierung der Fahrzeug-Kapazität und -Beschleunigung getrimmten Umfahrungen in Kiens und Percha würden vor allem eines erreichen: „Das Autofahren wird noch attraktiver und damit ist noch mehr motorisierter Individualverkehr vorprogrammiert.“ Damit widersprechen die Projekte laut Knoflacher nicht nur den Klimazielen, sondern zerstören in den betroffenen Gemeinden das Landschaftsbild und vergrößern nachweisbar die Verkehrs- und Umweltprobleme auch in diesem Tal Südtirols. Die den Projekten zugrunde liegenden Planungsvorstellungen seien veraltet, weil sie die Systemwirkungen ignorieren würden. „Damit wird dem Pustertal und auch dem Land Südtirol weiterer Schaden nicht nur im Verkehrssystem zugefügt.“

Warnung vor unwiederbringlichen Qualitätsverlusten

Mit jedem weiteren Quadratmeter nachhaltig zerstörter Landschaft durch Fahrbahnen und Betonflächen gehe auch ein Stück Heimatbezogenheit nicht nur für die Bewohner, sondern auch für die Besucher und Touristen verloren, ist Hermann Knoflacher überzeugt und stellt klar, dass mit jeder Erhöhung der Geschwindigkeit im Autoverkehr das Land und die Bedeutung seiner Wirtschaft schrumpfe. Das Fazit des renommierten Verkehrsplaners ist eindeutig: „Aus der Sicht eines Wissenschaftlers und Praktikers mit Jahrzehnten an Erfahrung ist die Entscheidung für diese Ausbauprojekte sachlich nicht nachvollziehbar und unter den heutigen Bedingungen einer Beschleunigung der Klimaveränderung und des Artensterbens nicht verantwortbar.“

Umweltverbände fordern „Bahn statt Autowahn“

Neben Hermann Knoflacher kamen bei der Pressekonferenz auch die Vertreter der Umweltverbände und Gemeindepolitikerinnen zu Wort. Albert Willeit vom Heimatpflegeverband Südtirol forderte, dass gleichzeitig mit dem Bau der Riggertalschleife auch der teilweise zweispurige Ausbau der Pusterer Bahnlinie erfolgen müsse, denn „nur dann ist die Bahn eine echte Alternative zum Auto“. Außerdem betonte Willeit, dass der Heimatpflegeverband natürlich die Entlastung von Anrainern durch Umfahrungen begrüße, aber die vorliegenden Megaprojekte dienten vor allem der Verkehrsbeschleunigung und seien große landschaftliche Eingriffe mit enormem Flächenverbrauch.

Einfache Lösung für Kreuzung Olang, Hochwasserschutz und Bahnhofsprojekt für Innichen

Nikolaus Spitaler, Vertreter der Initiativgruppe Olang-Rasen Antholz und Gemeinderat in Olang betont, dass der „einzige „Vorteil“ einer doppelstöckigen Variante der Kreuzung Olang der „flüssige Verkehr” auf der Hauptachse sei. Dies bedeute allerdings gleichzeitig eine ungebremste Durchfahrt für den Transitverkehr. Deshalb sollte seiner Ansicht nach auch dort ein funktioneller und umweltschonender einstöckiger Kreisverkehr umgesetzt werden. Greta Serani, Gemeinderätin von Toblach fordert vor allem Transparenz und Bürgerbeteiligung ein. Nach dem Bau der drei Kreisverkehre sei höchstens eine Neuordnung der Mobilitäts-Abläufe am Bahnhof Toblach notwendig. Auch die ehemalige Bürgermeisterin von Innichen, Rosmarie Burgmann, kam mit einer klaren Forderung nach Bozen: „Innichen braucht dringend den Hochwasserschutz samt Straße im Osten und die Umsetzung des Bahnhofprojektes aus dem fernen Jahr 2013. Dafür wären Olympiagelder hilfreich. Was Innichen sicher nicht braucht ist eine talquerende Brücke über Eisenbahn und Drau und auch keine Südumfahrung im Tunnel.“

Von: mk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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6 Kommentare auf "„Wir machen ein Land zum Wegfahren und nicht zum Dableiben“"


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Oracle
Oracle
Kinig
1 Monat 9 Tage

… die übliche linksgrüne absurde Propaganda. Warum möchte man nicht die Dörfer durch Umfahrungen vom Verkehr entlasten, wenn die Vorhaben sogar von der EU finanziert werden? Eine Entlastung von Percha braucht es nicht? … naja, was soll man davon halten? ….

info
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Universalgelehrter
1 Monat 9 Tage

Hier steht nichts gegen Ümfahrungen, die nicht AUCH dazu dienen, den Verkehrsfluss zu VERGRÖSSERN. Selbstverständlich ist man für lebenswerte Dörfer!

krokodilstraene
krokodilstraene
Universalgelehrter
1 Monat 9 Tage

Anstatt “wegfahren” sollten die Heimatschützer “davonlaufen” verwenden, wenn sie schon so sehr gegen Verkehrsinfrastrukturen mobil machen – ein bisschen Kohärenz würde ich mir da schon wünschen 😉

nixischfix
nixischfix
Superredner
1 Monat 9 Tage

Ach komm Knoflacher, mir scheint sie reden wirres Zeug! Warum sollte die Bevölkerung in Percha nicht vom Verkehr entlastet werden? Vielleicht reden sie einmal mit denen wie es sich anfühlt wenn alles mitten durchs Dorf durchrattert. Ihr Heimatpflegegetue nehm ich ihnen nicht ab. Zum qualitativen Lebensraum gehört auch Ruhe dazu, das ist auch Heimatpflege, sollten sie eigentlich schon wissen ..

Oracle
Oracle
Kinig
1 Monat 9 Tage

Naja, von Umwelt reden, gegen Entlastungsprojekte sein und dann ein Buch vorstellen?.., klingt für mich wie eine Werbeveranstaltung für das Buch, um medial präsent zu sein? Teusch ich mich vielleicht?

Morgen
Morgen
Neuling
1 Monat 9 Tage

Da wird gesagt die Lösung ist ein zweigleisiger Zugverkehr durchs Pustertal. Wenn dieses Projekt angegangen würde möchte ich sehen wieviele Initiativgruppen sich bilden um dagegen zu protestieren wo die doppelten Geleise vor der eigenen Haustür vorbei führen. Da wird dann nicht nur eine Bahnüberführung in Innichen benötigt sondern mehrere in ganz Pustertal und die ganzen Eisenbahnbrücken die neu gebaut werden müssen.Da ist der sog. zweistöckige Kreisverkehr in Olang noch das kleinste Übel.

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