„Lorit“ feiert Premiere

Eine Endzeitoper

Dienstag, 16. Januar 2024 | 17:36 Uhr

Bozen/Trient – Was wäre, wenn die Tourismusindustrie mit ihren Ritualen und in Stein gemeißelten Modellen aus unseren Bergen, Tälern und Dörfern verschwinden würde? So lautet eine der provokanten Fragen der Kammeroper „Lorit“ – dem Siegerprojekt des von der Stiftung Haydn von Bozen und Trient ausgeschriebenen Musiktheaterwettbewerbs Fringe –, die am Sonntag, den 21. Januar im Theater SanbàPolis in Trient (17.00 Uhr) und am Dienstag, den 23. Januar im Stadtthater Bozen (20.00 Uhr) Uraufführung feiert.

Lorit, eine Koproduktion der Stiftung Haydn und dem Tiroler Landestheater, stammt aus der Feder des Komponisten Marius Binder und des Librettisten Robert Prosser, für die Regie zeichnet Christina Polzer verantwortlich, die musikalische Leitung übernimmt Christoph Huber, Bühnenbild, Design und Kostüme stammen von Julia Neuhold.

Aus dem Fundus des traditionellen Moraldramas und ikonischer Opern wie Jedermann von Hugo von Hofmannsthal schöpfend, wagt sich „Lorit“ an Themen von globaler Bedeutung heran: unsere Wirtschafts- und Politiksysteme, den Tourismus mit seinen Schattenseiten, Naturkatastrophen, Klimawandel, Krise und Tod.

„Wir haben uns“, so die Regisseurin Christina Polzer, „intuitiv dazu entschieden, mit allegorischen Figuren zu arbeiten, um ein ‚Sittenspiel‘ zu konzipieren, eine Art philosophisches Drama über den Zustand der Menschheit.“ Im Mittelpunkt der Geschichte stehen fünf allegorische Figuren: der Tod, dargestellt von Bernhard Wolf, Der Fremdenverkehr dem Manuel Ried Stimme und Gesicht leiht, der Gottvater der Seilbahnen, gespielt von Jubin Hossein Amiri, die Schöne Landschaft in Gestalt von Laura Schneiderhan und die Letzte Generation, verkörpert von Milena Bumberger.

Der Ort ihrer schicksalhaften Begegnung ist eine Seilbahngondel am letzten Tag der allerletzten Skisaison der Menschheit. Alles geht dem Ende zu und eine aufgewühlte Menge versucht sich die letzten verfügbaren Plätze zu sichern.

„Die Charaktere“, so Polzer weiter, „stehen auf unterschiedliche Weise für unseren Lebensraum, unseren Erdball, für eine junge Generation und einen Widerstand, der sich oft selbst im Weg steht, für eine Generation, die sich an ihren Komfort gewöhnt hat und ihn sich auch leisten kann, für eine Politik, die zum Selbstzweck geworden ist und letztlich: für uns alle und das, was uns allen bevorsteht, uns gleich macht.“

Über die Interaktion der grundverschiedenen Figuren zeigt LORIT eine in Auflösung begriffene Gesellschaft und eine große Masse, die – allein zurückgelassen – gezwungen ist, sich neu zu orientieren und noch einmal von vorn zu beginnen.

Die Musik aus der Feder von Marius Binder nutzt die ihr innewohnende Macht als erzählerisches Mittel, um das Publikum in die turbulenten Gefühlswelten der Figuren eintauchen zu lassen. Durch das Aufeinandertreffen der Mitglieder des Haydn Orchesters und des Elektromusikers und Schlagzeugers Lan Sticker und ihre teils improvisierte, teils treue Lesart der Partitur bekommt die Oper bei jeder Aufführung ein neues Gesicht: „Ich wünsche mir für meine Musik“, erklärt Markus Binder, „dass sie sich entwickelt, dass sie lebt, indem sie unwiederholbare, einzigartige Momente erschafft. Die Komposition ist für mich ein Balanceakt zwischen minimaler und maximaler Kontrolle des Ergebnisses, und der Tanz zwischen diesen Polen ist meine Lösung für diese Oper.“ Das Ergebnis ist ein kraftvoller Dialog zwischen Tiroler Volksmusik, elektronischen Klängen und zeitgenössischer Ästhetik: ein TikTo-artiges Klanggewitter aus Popsongs, Jodel-Arien und Schlagererfolgen.

Aus dem komplexen Thema des Fremdenverkehrs mit seinen Auswirkungen auf die Umwelt und die Region erwächst in LORIT eine weit größere Geschichte voller Verstrickungen und Konsequenzen. „Die Oper“, führt Polzer aus, „ist weit mehr als eine simple Kritik des Massentourismus und der Ausbeutung der Natur: Sie beleuchtet einen Mikrokosmos, mit dem sich die Menschen der Region Trentino-Südtirol identifizieren können, weil sie ihn kennen und verstehen, weil er sie unmittelbar berührt. LORIT ist nicht nur eine Geschichte über die Gletscherschmelze in den Alpen: Es ist eine Geschichte über das Festhalten an einer glorifizierten Vergangenheit, die so nicht wieder zum Leben erweckt werden kann.” In den komplexen Zeiten, in denen wir leben, in denen alles zu zerbröckeln scheint und selbst die letzten mühsam errungenen Gewissheiten auf dem Spiel stehen, wirft LORIT Fragen auf, die das Publikum auch über den Theaterbesuch hinaus beschäftigen sollen: Wessen Problem ist die Klimakrise? Wer sind wir, wenn sich alles um uns herum auflöst? Was bleibt von uns? Wie können wir weitermachen? Niemand kann fliehen, wir sitzen alle im selben Boot, beziehungsweise in derselben Seilbahngondel.

Für alle Interessierten findet am Sonntag, den 21. Januar, um 16.00 Uhr im Theater SanbàPolis in Trient, und am Dienstag, den 23. Januar, um 19.00 Uhr im Stadttheater Bozen wieder vorab im Rahmen des bekannten Formats Oper.a Talk eine Einführung in die Oper statt. Im Anschluss an die Premieren in Bozen und Trient wird das Stück im Tiroler Landestheater in Innsbruck zur Aufführung kommen (11. Februar 2024, 19.30 Uhr).

Info und Tickets

Einzelkarten und Abonnements sind an den Theaterkassen des Stadttheaters Bozen (Telefon 0471 053800; Mail info@ticket.bz.it) und des Teatro Sociale in Trient (Telefon 0461 213834; Grüne Nummer 800 013952; online boxol.it/centrosantachiara/it) erhältlich.

Von: mk

Bezirk: Bozen

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