Von: apa
Richard Wagners Bühnenweihfestspiel “Parsifal” ist ja in sich schon kein Actionknaller. Im Rahmen der Wiener Festwochen treibt das Duo Susanne Kennedy und Markus Selg bei seiner Inszenierung die Frage der Statik allerdings auf die Spitze. Am Montagabend entstand hier ein entschleunigtes Gesamtkunstwerk, das Wagners ohnehin rituell aufgeladenes Werk in eine pantheistische Meditation verwandelt. Weniger Musiktheater als Insta(gram)llation, zumal recht hübsch anzuschauen.
Bewegung ist praktisch nicht vorgesehen. Das Ensemble sitzt oder steht in ganz wilden Momenten. Interaktion oder gar Gehen findet nicht statt, Stand-haftigkeit und Besessenheit sind hier das Motto. Einzig sechs Performerinnen vollziehen unablässig spirituelle Armbewegungen. Um die Sängerinnen und Sänger herum entsteht hingegen durch mehrere Videoleinwände wie bei Kennedy/Selg üblich ein visueller Kosmos, der zwischen fotorealistischer Präzision und bewusster Grobkörnigkeit oszilliert. Das Ganze changiert zwischen Pathos und Trash, zwischen Kitsch und Idylle, zwischen hoher Ästhetik und bewusster Unbeholfenheit.
Yogi Parsifal
Vielfach bleibt unklar, was als ironische Brechung gesetzt ist und was verunglückter Ernst ist in diesem Bilderfuror, der in der Repetition in guten Momenten an die psychedelische Bildsprache von “2001 – Odyssee im Weltraum” erinnert, in weniger guten an einen Bildschirmschoner. Beständig schwebt Yogi Parsifal über dem Geschehen, dem er am Ende als Erlöser wie ein Deus ex Machina entschwindet.
Performance und Ritual vereinen sich hier zu einem allumfassenden Totaltheater, das Kennedy und Selg bereits bei ihrer ersten Opernarbeit 2022 mit Philip Glass’ “Einstein on the Beach” präsentierten, die nicht minder rituell aber dafür immersiver ausfiel. Der “Parsifal” ist weniger durch Reizüberflutung denn durch zenartige Ruhe und buddhistische Gelassenheit gekennzeichnet – und insofern passgenau zur heuer von den Festwochen ausgerufenen “Republik der Götter”.
Musikalische Feinheiten
Musikalisch überrascht die Produktion mit unerwarteter Feinheit. Das RSO unter Yi-Chen Lin spielt ausdifferenziert, lässt Wagners Partitur in ihren Schattierungen aufleuchten. Der Klang ist transparent, nie überladen, und bildet somit einen wohltuenden Kontrast zur visuellen Dynamik auf der Bühne. Der türkische Bariton Kartal Karagedik gibt einen satten, stabilen Amfortas, während Russell Thomas als Parsifal nach langem Forcieren am Ende die stimmliche Kraft verlässt.
Dshamilja Kaiser überzeugt als Kundry mit schimmernder Mitte und einer schnörkellosen Klarheit für ihre sonst oft in die Hysterie hineininszenierte Figur. Und Albert Dohmen erweist sich trotz gewisser Unpässlichkeit einmal mehr als einer der herausragenden Gurnemanze unserer Zeit.
Erlösung nach fünfeinhalb Stunden
Nach knapp fünfeinhalb Stunden kommt dann kurz vor Mitternacht die Erlösung – so gesehen ja letztlich ein echtes Turbo-Retreat. Und doch gibt es am Ende dieser Marathon-Meditation deutliche Buhs für das Regieteam. Ist doch noch nicht jeder im Stadium der Bedürfnislosigkeit angekommen …
(Von Martin Fichter-Wöß/APA)
(S E R V I C E – Richard Wagners “Parsifal” als Koproduktion der Opera Ballet Vlaanderen Gent im Rahmen der Wiener Festwochen im Museumsquartier, Halle E, 1070 Wien. Musikalische Leitung des RSO: Yi-Chen Lin, Regie: Susanne Kennedy, Bühne/Video: Markus Selg, Kostüm: Andra Dumitrascu, Licht: Sascha Zauner. Mit Russell Thomas – Parsifal, Dshamilja Kaiser – Kundry, Albert Dohmen – Gurnemanz, Kartal Karagedik – Amfortas, Werner Van Mechelen – Klingsor, Kurt Rydl – Titurel, Devin Eatmon – Erster Gralsritter, Smelo Mahlangu – Zweiter Gralsritter, Chelsea Guo – Erster Knappe/Viertes Blumenmädchen, Camila Aguilera Yañez – Zweiter Knappe/Fünftes Blumenmädchen, Martin Piskorski – Dritter Knappe, Timothy Veryser – Vierter Knappe, Maria Chabounia – Erstes Blumenmädchen, Ondelwa Martins – Zweites Blumenmädchen, Mira Alkhovik – Drittes Blumenmädchen, Jessica Stakenburg – Sechstes Blumenmädchen, Dominic Santia – Performer/Choreograf, u.a. Weitere Aufführungen am 17., 19. und 22. Juni. www.festwochen.at/parsifal-2026 )




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