Summer School Südtirol

Fünf Tage zur Freundschaft mit neuem Teilnahmerekord

Mittwoch, 26. August 2026 | 17:59 Uhr

Von: Matthias Knapp

Feldthurns – Fünf Abende lang ist Schloss Velthurns in Feldthurns zum offenen Denk- und Gesprächsraum geworden: Die zwölfte Ausgabe der Summer School Südtirol hat sich vom 21. bis 25. August 2026 dem Thema Freundschaften gewidmet. Das Programm und das Interesse von mehr als 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben gezeigt, wie Freundschaften Wissen weitergeben, Menschen durch Krisen tragen, gesellschaftliche Grenzen verschieben und Erinnerungen bewahren können. Den Ausgangspunkt bildete die lange übersehene Geschichte der Frauenfreundschaften.

Die Gründerin und künstlerische Leiterin Maxi Obexer erinnerte in ihrer Eröffnungsrede am Freitag, 21. August, daran, dass Frauen über Jahrhunderte die Fähigkeit zur Freundschaft abgesprochen worden war. Während Männerfreundschaften Eingang in Philosophie, Literatur und Geschichtsschreibung fanden, blieben die Beziehungen zwischen Frauen weitgehend unsichtbar. Dabei waren sie vielfach Voraussetzung dafür, Wissen zu teilen, einander zu schützen und neue Lebensmöglichkeiten zu erkämpfen. „Frauenfreundschaften waren vom ersten Moment an genuin politisch“, hielt Maxi Obexer fest. Sie spannte den Bogen von mittelalterlichen Frauenklöstern und Beginengemeinschaften über Arbeiterinnenvereine und frühe Wohngemeinschaften bis in die Gegenwart. Frauen haben einander das Lesen und Schreiben beigebracht, Bildung ermöglicht und Räume geschaffen, in denen Eigenständigkeit wachsen konnte. Ihr Fazit: „Freundschaften von Frauen waren die Bedingung für ihre Befreiung aus einem patriarchalen System.“ Die Literaturwissenschaftlerin und Präsidentin der SAAV Rut Bernardi erzählte die Geschichte der Chorfrau Benedikta von St. Kassian zu Säben. Ricardas Kiel, Autor*in aus Leipzig, brachte eine Lesung mit. Den kraftvollen musikalischen Abschluss gestalteten Muda Mathis, Sus Zwick und Fränzi Madörin von der Basler Autorinnenband Les Reines Prochaines. Mit ihrem Programm „Scissor*hood“ verknüpften sie Musik, Performance, Humor und feministische Zeitgeschichte.

Am Samstag rückten die persönlichen und biologischen Grundlagen von Freundschaft in den Mittelpunkt. Leonie Pürmayr und Jakob Stoiber aus Wien eröffneten den Abend mit ihrer „Konspirativen K(l)ammer“. Anstelle der angekündigten Carmen Morawetz sprach Barbara Plagg vom Institut für Allgemeinmedizin und Public Health der Claudiana in Bozen darüber, warum wir lieben, wen wir lieben. Sie erklärte, wie Vertrauen, Nähe und Empathie im Gehirn entstehen. Darauf folgte Barbara Schibli aus dem Schweizer Kanton Aargau, die mit ihrem Roman „Flimmern im Ohr“ in die Zürcher Clubszene und Frauenbewegung der 1970-er und 1980-er Jahre führte.

Das europäische Projekt MEDUSA brachte mit Natalie Baudy und Teodora Georgieva weitere europaweit prämierte literarische Stimmen ein. Damit kamen an diesem Abend Perspektiven aus Österreich, Südtirol, der Schweiz und dem europäischen Netzwerk für zeitgenössische Dramatik zusammen.

Der Sonntag zeigte, wie Freundschaften in heillosen Zeiten Halt geben können. Die iranischen Künstler Nasrin Tabatabai und Babak Afrassiabi, die zwischen Rotterdam, Brüssel und Teheran arbeiten, berichteten von ihrer langjährigen Zusammenarbeit unter dem Namen „Pages“. Die zweisprachige Zeitschrift und künstlerische Plattform verbindet seit 2004 Kunst mit ihren historischen und politischen Bedingungen. Im Mittelpunkt standen Archive, gemeinsam bewahrte Erinnerungen und die Verbindung von Kunst, Politik und Geschichte. Auch die Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ und die Frage, wie Kunst unter den politischen Bedingungen im Iran agiert, kamen zur Sprache. Der Musiker Max Silbernagl und der Journalist Alexander van Gerven aus Brixen sprachen mit viel Humor über eine Freundschaft, die aus einem Assistenzverhältnis entstanden ist. Ihr Austausch zeigte, wie berufliche Rollen, Abhängigkeit, Selbstbestimmung und persönliche Nähe ineinandergreifen können. Lilian Robl aus München kreierte mit „Flammazúnga“ ein rituelles Klangsystem zwischen deutschsprachigem Dialekt und eigenständiger Sprache. Danach las die in Kaltern lebende Autorin Irene Reiserer, die in Wien Drehbuch und Dramaturgie sowie in Paris Schauspiel studiert hat.

Am Montag erzählte die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin Irene Kacandes mit griechischen Wurzeln von ihrer Freundschaft mit der Polin Grażyna Gross und von einem gemeinsamen Buchprojekt. Awadalla, Autor*in und Historiker*in aus Ägypten mit Lebensmittelpunkten in Kairo und Berlin, sprach über Freundschaft während der ägyptischen Revolution und über Beziehungen, die sich durch Flucht, Vertreibung, Verlust und Rückkehr verändern. In der von Nina Schröder moderierten Diskussion brachten danach der aus dem Iran stammende und in Bozen lebende Arzt und Aktivist Mohsen Farsad, Sophie Baumgartner von Südtirolo Pride, Jan Geiger vom Netzwerk Münchner Theatertexter, Bernhard Studlar von den Wiener Wortstaetten und Miriam Zenorini vom Vintlerhof in Brixen Erfahrungen aus Aktivismus, Literatur, Theater, Landwirtschaft und Sozialarbeit zusammen. Deutlich wurde, wie viel zivilgesellschaftliche Organisationen, künstlerische Kollektive und persönliche Bündnisse politischer Kälte und Ausgrenzung entgegensetzen können.

Zum Abschluss am Dienstag kam Ismeni Walter, Wissenschafts- und Umweltjournalistin sowie Professorin an der Hochschule Ansbach. Sie sprach unter dem Titel „Biesties & Besties“ über soziale Beziehungen und Freundschaften unter Tieren. Der Autor, Musiker und Künstler Matteo Jamunno, der in Wien und Bozen arbeitet, erinnerte mit „Che siamo amici a fare? Wozu sind wir Freunde?“ an einen früh verstorbenen Freund, der ihn zum Schreiben und zur Musik gebracht hatte. Martin Lintner, Moraltheologe und Tierethiker in Brixen, fragte nach der besonderen Verbindung zwischen Mensch und Tier. Der Brixner Beschwerdechor unter der Leitung von Marion Feichter setzte mit Liedern über Freundschaft, Zusammenhalt und Widerstand den Schlusspunkt der Summer School Südtirol.

Nach den Veranstaltungen im Schloss setzte sich das Programm im Schlosshof beim gemeinsamen Essen, beim Umtrunk und in vielen Gesprächen fort. Was im abendlichen Forum jeweils zur Sprache kam, wurde dort zur Praxis des Zuhörens, Widersprechens, Teilens und Zusammenhaltens. Maxi Obexer hat die Summer School Südtirol 2015 gegründet. Seither findet sie jeden Sommer auf Schloss Velthurns statt. Veranstalter ist das Neue Institut für Dramatisches Schreiben NIDS in Berlin, die Trägerschaft liegt bei der Südtiroler Autorinnen- und Autorenvereinigung SAAV. Die literarischen und dramatischen Werkstätten wurden mit Partnerinnen und Partnern aus Südtirol und dem Ausland durchgeführt.

Bezirk: Eisacktal

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