"Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich da einlasse"

HalloCiaoMaroc: Ein Jugendaustausch wie aus tausendundeiner Nacht 

Mittwoch, 14. September 2016 | 12:33 Uhr

Bozen – Das Projekt “HalloCiaoMaroc” bot Jugendlichen aus Südtirol wieder die Gelegenheit, den Alltag in einer marokkanischen Familie mitzuerleben.

“Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich bei Hallo Ciao Maroc einlasse. In diesem Austauschprojekt sah ich die Möglichkeit, meinen Horizont zu erweitern und meine Grenzen kennenzulernen und vor allem über meinen Schatten zu springen”, schildert Valentina Oberhofer ihre Erfahrungen, “Was ich dort sah, hat mich total fasziniert – und überwältigt. Alle sind so gastfreundliche und herzensgute Menschen, offen für Neues und interessiert an uns Südtirolern.”

Valentina ist eine junge Vinschgerin und nahm im August am Jugendaustausch mit Marokko teil, den das Amt für Jugendarbeit des Landes gemeinsam mit der OEW – Organisation für Eine solidarische Welt und dem marokkanischen Verein Bassma organisiert. Dieses Jahr konnten wieder 16 Südtiroler Jugendliche – aus dem Unterland, Gardatal, Pustratal, Eisacktal, Passaiertal, Bozen, Sarntal und Vinschgau – zehn Tage in einer marokkanischen Gastfamilie verbringen und so hautnah das Leben und die Leute in der marokkanischen Hauptstadt Rabat kennenlernen. “Die Menschen leben so anders und haben total andere Werte. Alles ist so anders, und doch gibt es Gemeinsamkeiten, die zeigen, dass wir alle gleich sind”, stellt Valentina rückblickend fest.

Die Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 20 Jahren hat wieder Abdelouahed El Abchi bei ihrem Abenteuer begleitet. Der Jugendarbeiter ist die treibende Kraft hinter dem Austauschprogramm. Er stammt selbst aus Marokko, lebt aber seit dem Jahr 2000 in Südtirol und fühlt sich in beiden Kulturen zuhause, was den Umgang und den Kontakt der Gäste aus Südtirol und der Gastgeber aus Marokko erheblich erleichtert hat.

So konnte auch Julia Siller aus Sterzing, die ebenfalls an der Reise teilnahm, ihre anfängliche Skepsis rasch überwinden. Gemeinsam mit ihren Gastgeschwistern besuchte sie die Sehenswürdigkeiten von Rabat. “Dabei wurden viele intensive Gespräche über Religion, Kultur, Erziehung, Tradition und Lebensweise geführt, bei denen sich die Jugendlichen besser kennenlernten und Freundschaften schlossen”, berichtet Julia, “brisante Themen wie etwa der Terrorismus und ‘kein Sex vor der Ehe’ wurden dabei nicht außen vor gelassen, sondern in den Gesprächen ganz offen diskutiert.”

Sowohl Julia als auch Valentina sind bei ihrem Aufenthalt in den Gastfamilien die ungewohnten Essgewohnheiten aufgefallen: “In Marokko werden die zubereiteten Speisen in einem großen Topf in die Mitte des Tisches gestellt. Alle Familienmitglieder nehmen rund um den Tisch Platz und genießen das Mahl”, erinnert sich Julia, “gegessen wird einfach mit der rechten Hand.” Dabei konnte sie einige der typischen marokkanischen Speisen – etwa Tajine, Couscous und Harira – ausprobieren, welche mit frischen Gewürzen wie Ingwer, Curcuma, Safran, Kreuzkümmel, Zimt, Koriander und Paprika verfeinert wurden.

Ein besonderes Erlebnis war für Julia der Besuch in einem Hamam – so heißen in Marokko die öffentlichen Badehäuser –, wo die Bereiche für Männer und für Frauen streng voneinander getrennt sind. Das Reinigungsritual beschreibt sie mit folgenden Worten: “Zum Einsatz kommt dabei die schwarze Hamam-Peeling-Seife aus Argan-Öl, welche am ganzen Körper aufgetragen wird und dann nach etwas Einwirkzeit mit einem groben Waschlappen vom Körper geschruppt wird. Im Anschluss wird noch etwas Henna-Pulver verwendet, welches eine reinigende Wirkung auf die Haut haben soll.”

Aufgefallen ist Julia, dass die Frauen in der geschützten Umgebung des Hamam einen sehr offenen Umgang miteinander pflegen. Im Gegensatz dazu seien die meisten Marokkanerinnen in der Öffentlichkeit auf ein diskretes Auftreten bedacht und tragen auch bei Temperaturen von über 35° Celsius lange Hosen und T-Shirts, welche zumindest die Schultern bedecken. “Das Tragen eines Kopftuches, des sogenannten Hidschabs, wird dabei jeder Frau selbst überlassen. Entscheidet sich eine Frau jedoch für das Kopftuch, so sollte sie dieses bis an ihr Lebensende tragen”, hat Julia in Erfahrung gebracht.

Bei allen Unterschieden, die Valentina von Beginn an aufgefallen sind, war sie doch sehr bald von der marokkanischen Lebensart begeistert. “Ich war einfach mittendrin im Alltag, der nicht meinem in Südtirol entspricht”, erzählt Valentina, “auf einmal ist Pünktlichkeit nicht mehr so wichtig, wichtiger sind Familie und Freunde. Auch wenn ich einen Termin habe und jemandem begegne, nehme ich mir Zeit für ihn und unterhalte mich. Die Gemeinschaft hat einen ganz anderen Wert als bei uns. Diese Erkenntnis habe ich gewonnen und ich habe gesehen, wie schön diese Gemeinsamkeit und dieses Teilen sind.”

Valentina und Julia bestätigen, dass sie durch die in Marokko gesammelten Erfahrungen ihren Horizont erweitern und Vorurteile abbauen konnten. “Wir und unsere Gastgeschwister konnten so viel voneinander lernen”, meint Valentina abschließend.

Nachdem dieses Jahr bereits zum sechsten Mal eine Gruppe aus Südtirol in Marokko zu Gast war, steht nächstes Jahr zum zweiten Mal ein Gegenbesuch einer Gruppe aus Marokko in Südtirol auf dem Programm. Die Teilnehmer werden voraussichtlich einige Tage am Vinzentinum in Brixen sowie bei Südtiroler Gastfamilien verbringen.

Weitere Informationen zum Jugendaustauschprogramm HalloCiaoMaroc erteilen Abdelouahed El Abchi (E-Mail: abdelouahed.elabchi@provinz.bz.it. Tel. 0471 413373) oder das Landesamt für Jugendarbeit in der Andreas-Hofer-Straße 18 in Bozen (Tel. 0471 413371, E-Mail: jugendarbeit@provinz.bz.it, Website: www.provinz.bz.it/kunst-kultur/jugendarbeit/).

Von: mk

Bezirk: Bozen

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