Chalisée Naamanis Interpretation eines Trainingsraums

Kunsthalle Wien zeigt “Bildgewänder” im Trainingsraum

Mittwoch, 28. Januar 2026 | 14:40 Uhr

Von: apa

“Bildgewänder” nennt Chalisée Naamani ihre Arbeiten: Durch Überlagerung und Collage von Stoffen, Kleidung, Bildern, Gegenständen – wie Brustpanzer, Telefonattrappe oder Gepäckstücken – und Texten unterschiedlicher Herkunft schafft sie skulpturale Werke. Dabei nimmt die französisch-iranische Künstlerin auf die Mode-Geschichte, aber auch Motive des Widerstands Bezug. Die Kunsthalle Wien zeigt mit “Octogone” die erste Einzelausstellung Naamanis außerhalb Frankreichs.

Die Schau im Museumsquartier vereint Skulpturen, Drucke, Installationen und Textilarbeiten der 1995 in Paris geborenen Naamani mit eigens für die Ausstellung geschaffenen Produktionen. Mode versteht sie als grundsätzlich politisch, sagte die Künstlerin bei einem Pressegespräch am Mittwoch. Die Vielzahl an Quellen und Referenzen, derer sie sich bedient, umfasst ornamentale Traditionen innerhalb der dekorativen und bildenden Kunst, persische und christliche Ikonografien, Zitate bzw. Screenshots aus dem Internet, aber auch persönliche, mit dem Handy angefertigte Fotografien und Archivmaterialien.

Der Titel und die räumliche Gestaltung der Schau, deren zentrales Element einer Umkleidekabine nachempfunden ist, beziehen sich auf einen im Iran verbreiteten Trainingsraum, dessen Ring eine oktogonale Form hat. Dort wird der traditionelle Kampfsport Varzesh-e Pahlavani ausgeübt. Aus der vorislamischen Zeit stammend, wurde er nach der arabischen Eroberung des Iran ab dem 7. Jahrhundert wegen seines revolutionären Potenzials zunächst verboten. “Auch das ist ein Beispiel für kulturellen Widerstand, weil der Sport noch immer existiert”, betonte Naamani.

Umkehrung von Genderstereotypen

In ihrer Installation hat die Künstlerin den oktogonalen Ring in Form von wie Puzzleteile zusammengefügten Polstern dargestellt und darauf Objekte platziert, die für das kognitive Lernen von Kleinkindern eingesetzt werden. Darüber hängen mit unterschiedlichen Stoffen bezogene Trainingsgegenstände, die an Boxsäcke erinnern. Ihr gehe es auch um Umkehrung von Genderstereotypen und gesellschaftliche Wachstums- und Optimierungsbestrebungen, wurde betont.

Mehrere Skulpturen greifen die Bildsprache internationaler politischer Widerstände auf. “Cape et gilet jaune” verweist etwa auf die Kleidung der französischen Protestbewegung der “Gelbwesten”. Die für die Ausstellung produzierte Skulptur “No Kings, Only Queens” befasst sich mit den Kämpfen für Transrechte in den USA. An einer Wand prangt das Bild einer Mauer mit dem Graffito “Widerstand ist Leben” (auf Farsi). “Ich konnte die aktuellen Vorfälle im Iran nicht vorhersehen, als ich diesen Screenshot aus dem Internet anfertigte”, so Naamani über die plötzliche Aktualität. Am vergrößerten Foto erkennt man, dass der Schriftzug vom Regime zunächst übermalt wurde.

Lederhosen vom Naschmarkt

In einer neuen Werkreihe untersucht die Künstlerin, inwieweit traditionelle Kleidungsstücke wie Dirndl und Lederhosen (gekauft am Naschmarkt, wie Kunsthalle-Direktorin Michelle Cotton anmerkte) in ihrer Gestaltung geschlechtsspezifische Ideale codieren. Naamani kombiniert für Touristinnen und Touristen produzierte T-Shirts mit dem Schriftzug “Heimat” und stellt so “Fragen nach der Bedeutung von Zugehörigkeit in der Gegenwart und nach Gefahren ihrer nostalgischen Verklärung”, lautet die Erläuterung. Das Edelweiß auf den Kleidungsstücken verkörpere auch Widerstand, betonte Naamani. Denn die Pflanze müsste sich in hohen Lagen und hartem Boden durchsetzen.

Ab Ende Februar wird als limitierte Edition ein von Naamani gestalteter Fußballschal angeboten. Auf diesem sind die Slogans “Free Britney” und “Free Iran” aufgedruckt. Die Befreiungsbewegung im Iran und die Kampagne zur Befreiung der Popsängerin Britney Spears aus der Vormundschaft ihres Vaters bedienten sich beide sozialer Medien und sind durch ihren Bezug auf patriarchale Systeme und die Unterdrückung von Frauen miteinander verbunden, lautet die Erklärung.

(S E R V I C E – “Chalisée Naamani: Octogone” in der Kunsthalle im Museumsquartier, Ausstellung in Kollaboration mit Palais de Tokyo, Paris, 29.1.-6.4, https://kunsthallewien.at )

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