Stalking auch in Südtirol ein "relevantes Phänomen" - Interview

Wenn Obsession zur Straftat wird

Mittwoch, 28. Januar 2026 | 07:04 Uhr

Von: mk

Bozen/Meran – Stalking wird häufig mit „Liebeswahn“ übersetzt, doch nichts könnte irreführender sein. Vielmehr geht es um ein Muster obsessiver Bedrohung und Verfolgung, das für Betroffene zur Hölle werden kann. Weil Stalking nicht immer mit handfesten körperlichen Schäden einhergeht, bleibt das Phänomen für Außenstehende oft schwer greifbar. Trotzdem handelt es sich um eine Straftat, die auch hierzulande relevant ist, wie der Kommandant der Carabinieri von Meran, Hauptmann Sebastiano Cannata Galante, im Interview mit Südtirol News erklärt.

Südtirol News: Romantische Intentionen können zwar ein Auslöser für Stalking sein, bei Ablehnung schlagen sie aber in Ärger und Feindseligkeit um. Es gibt jedoch auch Täter, die ihre Opfer von Anfang an schikanieren und einschüchtern wollen. Was sind die häufigsten Formen von Stalking hier in Südtirol?

Hauptmann Sebastiano Cannata Galante: In Südtirol verzeichnen wir in erster Linie das „emotionale“ Stalking (nach einer Trennung), aber auch Fälle von Stalking in der Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz nehmen zu. Die häufigste Form bleibt jedoch das Stalking im Zusammenhang mit beendeten Liebesbeziehungen.

Sind Täter immer nur Männer?

Absolut nicht, die Straftat ist nicht geschlechtsspezifisch. Obwohl die Statistiken eine männliche Mehrheit zeigen, bearbeiten wir auch Fälle von Frauen, die Ex-Partner oder andere Frauen verfolgen, sowie Fälle von Stalking zwischen Männern. Im Allgemeinen macht das Phänomen keine Unterschiede.

Wie verbreitet ist das Phänomen in Südtirol im Vergleich zu anderen Straftaten?

Es handelt sich zweifellos um ein relevantes Phänomen. Dank des „Codice Rosso“-Verfahrens und zahlreicher Sensibilisierungskampagnen sind die Anzeigen gestiegen, da die Bürger mehr Vertrauen in die Institutionen haben und sich der potenziellen Risiken und Gefahren bewusster sind. Im Vergleich zu anderen Straftaten hat Stalking einen deutlicheren Einfluss auf die wahrgenommene Sicherheit.

Wie wirkt sich Stalking auf die Opfer aus?

Stalking beeinträchtigt den Alltag der Betroffenen negativ. Die Folgen reichen von chronischer Angst und Schlaflosigkeit (gesundheitliche Auswirkungen) bis hin zu sozialer Isolation und der Notwendigkeit, den Arbeitsplatz oder die Lebensgewohnheiten zu ändern (soziale Auswirkungen). Der psychologische Schaden wird oft unterschätzt: Es gibt landesweit verteilte Organisationen, die die Opfer auf ihrem Weg der Rehabilitation begleiten.

Wie schwierig ist es für die Ermittler, Stalking nachzuweisen?

Es ist nicht einfach, aber heute verfügen wir über fortschrittliche technologische Instrumente. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass das Opfer alle Beweise aufbewahrt: Nachrichten, Anruflisten, Aufzeichnungen und vor allem Zeugenaussagen von Personen, die den Angstzustand des Opfers miterlebt haben.

Was empfehlen Sie Personen, die von Stalkerinnen oder Stalkern verfolgt werden?

Der erste Schritt besteht darin, jeglichen Kontakt abzubrechen. Antworten Sie nicht auf Provokationen! Dokumentieren Sie alles und kommen Sie sofort in die Kaserne, um das Erlittene anzuzeigen! Warten Sie nicht, bis die Situation eskaliert: Wir sind hier, um Sie zu schützen.

Welchen Schutz bietet das Rechtssystem Personen, die von Stalkern verfolgt werden? Welche Hilfsangebote gibt es?

Es gibt die Ermahnung des Quästors („Ammonimento del Questore“ – eine schnelle Verwaltungsmaßnahme, die nicht zwingend an eine Anzeige gebunden ist) und vorsorgliche Maßnahmen wie das Annäherungsverbot mit elektronischer Fußfessel. Wir arbeiten eng mit dem Netzwerk gegen Gewalt und den lokalen Frauenhausdiensten zusammen, die psychologische Unterstützung und Zuflucht für die Opfer bieten.

Welche Folgen blühen Stalkerinnen und Stalkern, die vor Gericht verurteilt werden?

Die Straftat der Nachstellung, im Jargon „Stalking“, ist in Artikel 612-bis des Strafgesetzbuches geregelt. Dieser listet alle Handlungen und Verhaltensweisen auf, die dem Oberbegriff Stalking zuzuordnen sind, und sieht eine Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu sechs Jahren und sechs Monaten vor. Die Strafe erhöht sich, wenn die Tat durch den Ehepartner begangen wird oder wenn das Opfer minderjährig oder schwanger ist.

Cyberstalking ist eine immer häufiger auftretende Variante von Stalking.

Dies ist die digitale Grenze des Verbrechens – eine Modalität, die die persönlichen Handlungen nicht ersetzt, aber besonders unter jungen Menschen sehr verbreitet ist. Wir raten dazu, beleidigende Nachrichten nicht zu löschen (sie dienen als Beweis), Profile nach dem Erstellen von Screenshots zu blockieren und die Privatsphäre-Einstellungen in den sozialen Netzwerken zu verstärken. Die Postpolizei und unsere Spezialeinheiten überwachen das Netz ständig.

Vielen Dank für das Gespräch!

Bezirk: Bozen, Burggrafenamt

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