Von: red
Langeweile schuf Kreativität
Kinder, die in den 60er- und 70er-Jahren aufwuchsen, verbrachten viele Nachmittage ohne Plan. Keine Freizeitprogramme, keine Apps, kein ständiges Entertainment. Wer sich langweilte, musste selbst erfinderisch werden.
Psychologen sehen darin heute einen klaren Vorteil: Selbstbestimmtes Spielen fördert Problemlösung, Fantasie und innere Ruhe. Fähigkeiten, die in einer reizüberfluteten Gegenwart oft zu kurz kommen.
Scheitern war Teil des Spiels
Früher wurde nicht jeder Misserfolg weich abgefedert. Wer bei einem Turnier verlor oder nicht in eine Gruppe aufgenommen wurde, musste mit dem Gefühl umgehen.
Studien zeigen: Kinder, die lernen, mit kleinen Niederlagen umzugehen, entwickeln langfristig mehr Selbstvertrauen. Gerade diese Widerstandskraft – Resilienz – fehlt heute oft, weil viele Eltern sofort eingreifen, bevor es „weh tun“ kann.
Geduld war selbstverständlich
Ob bei Wünschen, Fernsehprogrammen oder Informationen – früher musste man warten. Geduld war Alltag.
Heute ist fast alles sofort verfügbar. Doch Forschungen wie das berühmte Marshmallow-Experiment zeigen: Die Fähigkeit, Belohnungen aufzuschieben, ist ein wichtiger Erfolgsfaktor – im Beruf, in Beziehungen, im Leben.
Spielen ohne Aufsicht
In den 70ern war es normal, dass Kinder stundenlang draußen spielten – ohne Erwachsenenaufsicht.
Dieses freie Spiel war weit mehr als Zeitvertreib: Es stärkte soziale Kompetenz, Eigenverantwortung und Risikobereitschaft. Wer Konflikte selbst lösen musste, lernte echte Selbstständigkeit.
Eltern waren nicht immer verfügbar
Viele Mütter und Väter arbeiteten hart – in Fabriken, auf Höfen oder im eigenen Geschäft. Kinder mussten sich selbst beschäftigen, Snacks zubereiten oder den Heimweg allein finden.
Heute kaum vorstellbar – damals Alltag. Und psychologisch wertvoll: Diese Art von Selbstständigkeit fördert die sogenannte Selbstwirksamkeit, also das Vertrauen, Herausforderungen eigenständig bewältigen zu können.
Trauer und Verlust waren sichtbar
Der Umgang mit Tod und Verlust war direkter. Kinder wurden zu Beerdigungen mitgenommen, Haustiere verschwanden nicht “auf den Bauernhof”, sondern wurden verabschiedet.
So lernten sie früh: Trauer ist Teil des Lebens – und sie geht vorüber. Der offene Umgang mit Schmerz fördert emotionale Stärke und Mitgefühl. Eigenschaften, die im Erwachsenenleben entscheidend sind.
Wenig Mittel, viele Ideen
In vielen Familien war das Geld knapp. Kleidung wurde weitergegeben, Spielsachen selbst gebaut, Reparaturen zu Hause erledigt.
Diese materielle Knappheit förderte Kreativität und Pragmatismus. Heute gilt: Wer gelernt hat, mit wenig auszukommen, kann besser improvisieren – eine Fähigkeit, die in Krisenzeiten Gold wert ist.
Lernen durch Beobachten
Werte wie Fleiß, Hilfsbereitschaft oder Durchhaltevermögen wurden nicht erklärt – sie wurden vorgelebt. Ob bei Eltern, Großeltern oder Nachbarn: Kinder lernten, indem sie das Verhalten der Erwachsenen beobachteten.
Die Psychologie spricht hier von „Modelllernen“ – einer besonders wirkungsvollen Form des Lernens. Was gesehen wird, wirkt oft tiefer als jede Erklärung.
Gemeinschaft als Schutznetz
In vielen Dörfern und Vierteln Südtirols galt: Jedes Kind war irgendwie „Kind des Dorfes“. Nachbarn ermahnten, lobten oder halfen – und es war selbstverständlich.
Dieses Gemeinschaftsgefühl vermittelte Kindern ein tiefes Zugehörigkeitsgefühl und klare soziale Orientierung. Heute, in einer stärker individualisierten Gesellschaft, fehlt dieses Sicherheitsnetz oft – mit spürbaren Folgen.
Was bleibt von damals?
Die Kindheit der 60er und 70er war nicht perfekt. Doch sie vermittelte unbewusst viele Fähigkeiten, die heute gezielt trainiert werden müssen – von Resilienz bis Geduld.
Vielleicht geht es nicht darum, die Vergangenheit zu idealisieren. Aber wir können überlegen, wie wir ähnliche Erfahrungen heute wieder möglich machen – auf neue, zeitgemäße Weise.




Aktuell sind 6 Kommentare vorhanden
Kommentare anzeigen