Von: APA/dpa
Der Eklat war groß, als zwei Bilder 1963 bei einer Schau in Berlin beschlagnahmt wurden. Der damals 25-jährige Georg Baselitz, aus der DDR erst wenige Jahre zuvor in den Westen gezogen, war über Nacht ein Star. Über die Jahrzehnte etablierte sich der Provokateur aber zum Doyen der Kunst, der mit seinen auf dem Kopf stehenden Bildern breite Bekanntheit erlangte. Nun ist er im Alter von 88 Jahren gestorben, wie seine Salzburger Galerie Thaddaeus Ropac via Instagram mitteilte.
“Als wegweisender Innovator und einer der wichtigsten Künstler unserer Zeit übte er zeitlebens einen tiefgreifenden Einfluss auf seine Künstlerkollegen und die internationale Kunstwelt aus”, heißt es in der Würdigung der Galerie. Damit verlieren Deutschland und letztlich auch Österreich einen der wichtigsten Proponenten der Nachkriegskunst. Schließlich hatte Baselitz 2015 gemeinsam mit seiner Frau Johanna Elke Kern bei einem Festakt in Salzburg auch die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten und war bereits seit 2005 Träger des Ehrenzeichens für Wissenschaft und Kunst. Neben dem Ammersee und Imperia in Italien zählte Salzburg über viele Jahre zu den Lebensmittelpunkten des Künstlers.
Wahl-Salzburger aus der DDR
So idyllisch die Wohnorte, so widerspenstig Baselitz’ Kunst: Von Anfang an pinselte der Künstler gegen den Strich. Der am 23. Jänner 1938 im sächsischen Deutschbaselitz als Hans-Georg Kern Geborene verließ alsbald die DDR, nachdem er seine Lehrer in Ostberlin brüskiert hatte und wegen “gesellschaftlicher Unreife” von der dortigen Kunsthochschule geflogen war. In den Semesterferien hatte er, anstatt mit ins Kombinat zu fahren, lieber nach Picasso gemalt.
Bei der ersten Ausstellung im Westen 1963 in der Berliner Galerie Werner & Katz sorgte Baselitz dann erneut für einen Eklat. Die Ölbilder “Nackter Mann” (mit einem überdimensionalen Penis) und “Die große Nacht im Eimer” (mit einem onanierenden Buben) wurden beschlagnahmt, ein Gerichtsverfahren aber später eingestellt.
Die Gemälde am Kopf stehend
Der Skandal machte Baselitz bekannt, zum Star machte ihn die Idee, die Welt kopfüber neu zu betrachten. 1969 entstand mit “Der Wald auf dem Kopf” das erste “Umkehrbild”. Er selbst sprach vom “dritten Weg” zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Er habe das Bild aus der “fatalen Abhängigkeit zur Wirklichkeit” wegbringen wollen, erläuterte er einmal. Auch wenn Kritiker gelegentlich von einer Masche sprachen – der Kopfstand blieb bis zum Schluss Baselitz’ Markenzeichen.
Ende der 1970er begann Baselitz mit kantig gesägten Holzskulpturen, die in ihrer archaischen Form gelegentlich an afrikanische Kunst erinnern. Wieder ein Aufreger: Seine Skulptur, geschaffen für den deutschen Pavillon bei der Biennale 1980 in Venedig, hielt die Hand nach oben. Das als Hitlergruß zu sehen, sei überhaupt nicht seine Intention gewesen, sagte er später.
In seinen “Heldenbildern” (1965) bezog sich Baselitz auf den Krieg, den er als Kind erlebte – die “Helden” wanken heran als kaputte Gestalten in zerlumpten Uniformen, denen vom Heroismus nicht viel geblieben ist. Im Zyklus “Russenbilder” (1998-2005) setzte er sich mit seiner Jugend in der DDR und dem sozialistischen Realismus auseinander. Die Staatskünstler der DDR nannte er schon mal “Arschlöcher”.
Etwa ab 2005 setzte er sich auch mit dem eigenen Werk nochmals auseinander: Unter dem Titel “Remix” interpretierte er frühere Bilder neu. Danach malte er in Schwarz – kaum Schemen sind erkennbar. Er habe Bilder unsichtbar machen, Grenzen verschieben wollen, erläuterte er.
Aktuelle Ausstellungen in Salzburg
Salzburg widmet dem Wahl-Salzburger heuer gleich zwei große Ausstellungen und schlägt dabei den Bogen von den frühen Zeichnungen bis hin zum monumentalen Spätwerk. Die Werkschau “Baselitz Jetzt” ist im Museum am Mönchsberg seit 1. April zu sehen, das Frühwerk unter dem Titel “Baselitz Manifeste” im Museum im Rupertinum folgt am 3. Juli. Die beiden als Hommagen gedachten Ausstellungen mutieren nun gleichermaßen zum Abschied von einer der großen Künstlerpersönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts.
Würdigungen aus der österreichischen Kunstszene
Entsprechend groß fiel am Donnerstag die Anteilnahme aus der österreichischen Kunstszene aus. “Er wird in zahlreichen Generationen von Künstler:innen weiterleben, die von seinem Schaffen inspiriert wurden. Er wird nicht nur für seine künstlerische Vision und seinen kreativen Mut in Erinnerung bleiben, sondern auch als eine bedeutende Persönlichkeit, die die Kunstwelt nachhaltig geprägt hat”, zollte Albertina-Generaldirektor Ralph Gleis dem Verstorbenen seinen Respekt. Er verwies darauf, dass sein Haus in den vergangenen Jahren zahlreiche Schenkungen von Georg Baselitz erhalten habe, zuletzt vor fünf Jahren 50 Zeichnungen und Aquarelle von 1960 bis heute.
Gleis’ Amtsvorgänger, der jetzige Direktor des Wiener Aktionismusmuseums, Klaus Albrecht Schröder schrieb in einer Stellungnahme: “Mit Georg Baselitz verliert die Welt einen der letzten Titanen der Malerei. […] In einer Zeit, in der Minimal Art, Konzeptkunst und motivische Enthaltsamkeit den Ton angaben, hatte er den Mut, den deformierten, verletzten, aufgewühlten Menschen in die Kunst zurückzuholen und der Malerei ihre existentielle Wucht wiederzugeben. […] Georg Baselitz war ein Jahrhundertgenie. Mit ihm verliere ich einen engen Freund, dem ich bis zuletzt in tiefem Austausch verbunden war.”
“Mit dem Tod von Georg Baselitz verliert Europa einen der prägendsten Künstler der Gegenwart – und wir verlieren einen Maler, der mit seinem Werk Perspektiven physisch wie metaphorisch wortwörtlich auf den Kopf stellen konnte”, beschied Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ): “Mit seinem Abschied verlieren wir einen Künstler, dessen Werk bleiben wird.”




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