Grellbunt ist das Monsterparadies in Hamburg

“Monster’s Paradise”: Ein österreichischer Erfolg in Hamburg

Montag, 02. Februar 2026 | 05:03 Uhr

Von: apa

Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth schlagen als Miss Piggy und Kermit der Frosch maskiert mit Gummihämmern auf US-Präsident Donald Trump ein. Ein symbolhaftes Bild für den Abend in der Hamburgischen Staatsoper, der eine veritable Bühnensensation darstellt: die Uraufführung von “Monster’s Paradise”, der ersten Zusammenarbeit der beiden österreichischen Starkünstlerinnen seit 23 Jahren. Herausgekommen ist eine Metapher auf unsere Zeit, prall gefüllt mit Metaphern unserer Zeit.

Jelinek als Librettistin und Neuwirth als Komponistin stellen das Grauen unserer Zeit auf die Bühne – und sich selbst. Und das mit ungebrochenem Selbstbewusstsein gleich doppelt. Die beiden Vampirinnen Vampi und Bampi werden von Sylvie Rohrer und Sarah Defrise respektive Ruth Rosenfeld und Kristina Stanek als optische Alter Egos von Jelinek und Neuwirth gespielt und gesungen.

Sie sind Zeuginnen des Untergangs der Menschheit, die selbst nur mehr als marodierende Zombiehorde präsent ist, regiert vom infantil-despotischen König-Präsidenten, bedroht von der Klimakatastrophe. Während die britische Schauspiellegende Charlotte Rampling als Göttin immer wieder mahnend mittels Video an die Wand projiziert wird, vermag einzig das Seemonster Gorgonzilla, sich der allmächtigen Trump-Figur entgegenzustellen. Doch hat die Erde eine Zukunft, wenn die Monster nur mehr von Monstern zu besiegen sind?

Wer, wenn nicht Kratzer?

Wer anders könnte dieses Stück inszenieren als der neue Hamburger Hausherr Tobias Kratzer? Bei der ersten Uraufführung seiner Intendanz zieht der 46-jährige Multistilist alle Register und gibt dem Affen Zucker. Schon vor dem Beginn der Aufführung machen drei Dinos vor der Tür der Staatsoper Werbung, im Foyer tummeln sich Zombies und Disney-Figuren als Cheerleader, während an einem Stand Merchandise zum Stück angeboten wird.

Und dies ist nur der Auftakt zu einem bombastischen Reigen, in dem Kratzer in einer ADHS-Inszenierung das Pandämonium an Ideen, Querverweisen, Symbolen und Artefakten der westlichen Kultur aufgreift, das Jelinek und Neuwirth als Grammatik ihres Abgesangs verwenden. Disney-Figuren aller Couleur wechseln hier mit den Kollegen der Muppet-Show, wenn etwa eine Horde an Kermits Miss Piggy massakriert. Captain America, Julie Andrews aus “Sound of Music” und wandelnde Hotdogs geben sich die Klinke in die Hand.

Georg Nigl liefert in der Rolle des König-Präsidenten eine seiner grandiosen Charakterzeichnungen als grandios grimassierende Trump-Persiflage, die sich zum aufgeblasenen Riesenbaby entwickelt. Jarrys König Ubu im Gewand unserer Zeit. Counter Andrew Watts ist als Stammgast im Neuwirth-Universum der servile Gehilfe des Despoten, während Anna Clementi das durch Elektronik verfremdete Monster Gorgonzilla spricht, das im japanischen Suitmation-Verfahren, also im schweren Gummianzug, über die Bühne tapst.

Musikalisches Zitatenbombardement

Das stilistische Zitatenbombardement findet sich indes auch in Neuwirths Partitur, die darin Elektronik und Effektorchester, Jazz und Kurt Weill, Soundeffekte aus dem frühen Zeichentrickfilm und soundtrackartig untermaltes Sprechtheater vereint. Dabei klingt Charles Ives’ “The unanswered question” ebenso kurz an wie “Die Fledermaus”, wobei der musikalische Zitatenfuror durch Verschiebungen gezielte Irritationsmomente setzt.

Neuwirth schafft mit “Monster’s Paradise” bewusst ein Werk der Brüche, was sich auch in Jelineks Libretto spiegelt. Schließlich kennen sich beide Künstlerinnen aus vielen gemeinsamen Arbeiten, beginnend mit Miniopern Ende der 80er. Es folgten zahlreiche Produktionen, darunter das Wiener-Festwochen-Stück “Bählamms Fest” 1999 oder “Lost Highway” 2003 in Graz (wo “Monster’s Paradise” kommendes Jahr gezeigt wird).

“Der Fall Hans W.” wurde hingegen von den Salzburger Festspielen gestrichen und auch von anderen Häusern nicht aufgenommen, woraufhin Jelinek der Oper Adieu sagte – bis die Anfrage aus Hamburg kam. Nun hat die 79-Jährige ein Libretto geschaffen, in dem sie zwischen ihren charakteristischen Textflächen und persönlichem Dialog wechselt. Sie arbeitet die Phrasen des politischen Alltags wie “Stop the Steal” ein und setzt gezielt Aperçus wie “Wer Milliarden hat, braucht keine Wähler.”

Lässt sich Satire doppeln?

Was am Ende dieses letztlich umjubelten Panoptikums der heutigen patriarchalen Machtstrukturen bleibt, ist jedoch die Frage, ob sich Satire doppeln lässt. Kann man eine sich selbst zur Karikatur ihrer selbst machende Macht satirisch überhöhen? Oder ist das eigentlich Erschreckende an dieser dystopischen Satire, dass ihre vermeintliche Zuspitzung heute als die Realität wahrgenommen wird?

Im Schlussbild treiben die Bühnen-Jelinek und -Neuwirth auf einem Floß samt verstimmtem Klavier in den Sonnenuntergang, während die Hamburger Elbphilharmonie an ihnen vorüber schwimmt. Ein vielleicht nicht optimistisches Bild. Aber doch ein friedliches.

(Von Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E – “Monster’s Paradise. Eine Grand Guignol Opéra” von Olga Neuwirth/Elfriede Jelinek. Musikalische Leitung des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg: Titus Engel, Inszenierung: Tobias Kratzer, Co-Regie: Matthias Piro, Bühne: Rainer Sellmaier, Kostüme: Rainer Sellmaier, Video: Jonas Dahl/Janic Bebi, Licht: Michael Bauer. Mit Vampi – Sarah Defrise, Vampi (Schauspielerin) – Sylvie Rohrer, Bampi – Kristina Stanek, Bampi (Schauspielerin) – Ruth Rosenfeld, Der König-Präsident – Georg Nigl, Gorgonzilla – Anna Clementi, Mickey, des Königs höriger Adlatus I / Todesengel II – Andrew Watts, Tuckey, des Königs höriger Adlatus II / Todesengel I – Eric Jurenas, Ein Bär – Ruben Drole, The Goddess (Video) – Charlotte Rampling, Drumkit – Lucas Niggli, E-Gitarre – Seth Josel, Pianistinnen “Verstimmte Klaviere” – Elisabeth Leonskaja/Alexandra Stychkina. Weitere Aufführungen am 4., 8. 11., 13. und 19. Februar. www.die-hamburgische-staatsoper.de )

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