Von: mk
Bozen – Als vor einigen Jahren ein Forschungsteam von Eurac Research die Lagerräume des Nationalen Archäologischen Museums in La Paz betrat, staunte es nicht schlecht: Mehr als 50 mumifizierte Individuen und über 500 präkolumbianische Schädel waren hier aufbewahrt – mit der guten Absicht, sie zu erhalten, jedoch nicht ausreichend vor Pilz- und Bakterienbefall geschützt. So etwas passiert oft, wenn Länder keine großen Summen für den Erhalt ihres Kulturerbes aufwenden können, oder wenn ihr Kulturerbe, wie im Falle von Italien, derart groß ist, dass es schwierig wird, sich um alles angemessen zu kümmern. Eine Herausforderung ist der Schutz organischer Kulturgüter auch dann, wenn sie transportiert oder untersucht werden müssen. Mumifizierte menschliche Überreste, Stoffe, Papier oder Holz sind nämlich im Hinblick auf Veränderungen der Umweltbedingungen sehr empfindlich. Ein von Eurac Research koordiniertes Forschungsteam hat jahrelang Konservierungstechniken und -materialien getestet und nun ein innovatives, vielseitiges und kostengünstiges System entwickelt: die Conservation Soft Box.
Sie wurde kürzlich in einem Artikel im „Journal of Cultural Heritage” und auf dem XI. Weltkongress für Mumienforschung im peruanischen Cuzco vorgestellt. Die Conservation Soft Box ist eine flexible Vitrine aus Kunststoff, bei der Rohre eine schützende Hülle um das Objekt herum stützen. Die Vitrine ist luftdicht, die Bedingungen im Inneren sind kontrolliert. Ein Aktivkohlefilter absorbiert eventuell von organischen Resten abgegebene Gase. Die Feuchtigkeit bleibt dank speziell angefertigter Silikagel-Beutel konstant: Sie werden so aufbereitet, dass der für die Konservierung in dieser spezifischen Umgebung ideale Feuchtigkeitsgehalt garantiert ist. Einmal in einer Conservation Soft Box eingeschlossen, ist jede Mumie oder jedes andere Fundstück für einen langen Zeitraum sicher aufbewahrt und erfordert nur minimale Pflege.
Das Zusammenbauen der Box dauert nicht lange. Aber für die Auswahl aller Komponenten und die Feinjustierung hat es Jahre gebraucht – und die Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern, beispielsweise mit Eco Research, einem auf chemische Analysen spezialisierten Forschungszentrum in Bozen. „Ich habe sehr viele Materialien getestet, bevor ich die aus chemischer Sicht stabilsten gefunden habe“, erklärt Marco Samadelli, Experte für die Konservierung organischer Überreste von Eurac Research, der das Forschungsteam koordiniert hat. „Das jetzt erzielte Ergebnis garantiert den gleichen Schutz wie die aufwändigsten und teuersten Vitrinen. Die Box hat enormes Potenzial, um Mumien und andere Überreste wie Textilien oder antike Artefakte zu konservieren.“ Außer für die Konservierung eignet sich die Conservation Soft Box auch sehr gut für den Transport, für die Desinfektion von mit Schimmel und Bakterien kontaminierten Fundstücken oder für neue Studien. Denn durch das Verlagern in die Box können die direkt von den menschlichen Überresten abgegebenen flüchtigen organischen Verbindungen (VOC) isoliert und gründlich untersucht werden – ohne Verunreinigungen von außen. Ein Beispiel sind die Gerüche, die von ägyptischen Mumien ausgehen und auf die harzartigen Substanzen zurückgehen, die bei der Einbalsamierung verwendet wurden.
Vor etwa zehn Jahren erhielt Eurac Research ein Patent für eine so genannte passive Vitrine: Sie kann ohne Strom Kulturgüter vor Pilz- und Bakterienbefall schützen. Die Conservation Soft Box erzielt sehr ähnliche Ergebnisse, jedoch zu deutlich geringeren Kosten. „Mit einer Conservation Soft Box können wir ein Kulturgut für wenige hundert Euro schützen, während für eine Glasvitrine – egal ob traditionell oder passiv – tausende Euro erforderlich sind“, fährt Samadelli fort. „Was das für Länder bedeuten kann, die nicht viel in den Erhalt von Kulturgütern investieren können, aber über ein bedeutendes Kulturerbe verfügen, ist leicht auszumalen. Ich hoffe wirklich, dass dies der Weg ist, um ihnen die Möglichkeit zu geben, dieses Erbe zu erhalten und zur Geltung zu bringen.“
In den vergangenen Tagen wurde die Conservation Soft Box auf dem XI. Weltkongress für Mumienforschung in Cuzco, Peru, vorgestellt, und Samadelli hofft, seine Arbeit in naher Zukunft mit möglichst vielen Menschen teilen zu können: „Wir planen Workshops für Konservierungsfachleute aus aller Welt, um ihnen zu zeigen, wie sie selbst eine Conservation Soft Box bauen können. So können sie dazu beitragen, besonders empfindliche Kulturgüter besser zu schützen.“
Link zum wissenschaftlichen Artikel, der im Fachmagazin “Journal of Cultural Heritage” publiziert worden ist: https://authors.elsevier.com/sd/article/S1296207425001529
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