Von: Ivd
Velthurns – Mit einem neuen Besucherrekord ist am gestrigen Dienstagabend die elfte Summer School Südtirol auf Schloss Velthurns zu Ende gegangen. 850 Gäste kamen in fünf Tagen – mehr als 40 Prozent mehr als im Vorjahr, obwohl das Festival diesmal einen Tag kürzer war. Das vielfältige Programm spannte den Bogen von Literatur, Wissenschaft und Politik bis zu Performances und Werkstätten, die vormittags Begegnungen zwischen lokalen und internationalen Autoren ermöglichten.
Maxi Obexer, die als vielfach ausgezeichnete Autorin in Berlin lebt und in Feldthurns aufgewachsen ist, eröffnete die Summer School vergangenen Freitag mit einem viel beachteten Vortrag, in dem sie die Frage stellte: „Müssen wir alt werden, um zu verstehen, wie viel wir Anderen und Anderem verdanken?“ Sie sprach von der Kraft der Eigenwilligkeit, die sich im Alter entfalten kann: „Eigenwilligkeit, Eigentümlichkeit, Eigensinn sind kein Mangel, sondern Ausdruck eines Wertes: des Eigen-Seins, des Selbst Geworden-Seins durch die Lebenszeit.“
Maxi Obexer hat die Summer School 2015 gegründet. Nach dem gestrigen Abschluss zeigte sie sich überwältigt: „Wir haben gespürt, wie sehr die Menschen das gemeinsame Denken, Fragen und Weitergehen schätzen.“ Mit ihrem Team – Anna Heiss, Maria Lobis, Judith Waldboth und Carmen Torggler – hat sie Schloss Velthurns erneut zu einem Ort gemacht, „an dem sich junge und ältere, lokale und internationale Stimmen gegenseitig brauchen und bereichern.“
Das diesjährige Thema „Radikal alt“ öffnete viele Blickwinkel. Der gestrige Dienstagabend bildete den festlichen Abschluss. Im Zentrum standen dabei die Wissenschaftsjournalistin Ismeni Walter, der Moraltheologe Martin M. Lintner und die Autorin Jennifer de Negri. Ismeni Walter beleuchtete die biologischen Vorgänge beim Altern von Mensch und Tier. Martin Lintner stellte das kurze Leben vieler Nutztiere in den Mittelpunkt: Sie erreichen meist nicht ihr natürliches Alter, sondern sterben früh für den menschlichen Nutzen. Er stellte die Frage, welche Verantwortung wir gegenüber Tieren tragen, die wir zugleich nutzen und töten. Jennifer De Negri gab in ihrer Lesung Einblicke in gesellschaftliche Bedingungen des Alterns. Den Höhepunkt des Abends setzte der Brixner Beschwerdechor, der mit Ironie, Sprachwitz und Kraft Missstände anprangerte und das Publikum mitriss. Der Beschwerdechor wurde von Adolf Engl, Marion Feichter und Anna Heiss (Theaterleiterin der Gruppe Dekadenz und Team-Mitglied der Summer School) gegründet.
Viel Aufmerksamkeit erhielten auch die vorhergehenden Abende: Am Samstag diskutierte die langjährige ORF-Korrespondentin, Russland-Kennerin und Mitgründerin von „Omas gegen rechts“ Susanne Scholl mit dem Neurowissenschaftler und Klimaaktivisten David Hofmann über Verantwortung und Widerstand. Susanne Scholl machte klar: „Alt sein heißt nicht, zu Hause zu sitzen und auf den Tod zu warten.“ David Hofmann betonte, dass zivilgesellschaftlicher Druck notwendig sei, um echte Veränderung zu bewirken. Rut Bernardi, Schriftstellerin, Lehrbeauftragte und Vorsitzende der Südtiroler Autorinnen- und Autorenvereinigung SAAV, die das Kulturereignis in Feldthurns als Verein trägt, betonte die Wichtigkeit der Summer School als Sprungbrett für junge Südtiroler Nachwuchsautoren.
Älter werden beginnt mit der Geburt und ist ein Weg, der alle Menschen prägt und bewusst macht, auch wenn das Altern je nach Beruf und Geschlecht unterschiedlich bewertet wird. Maria Gasser Fink, Christine Baumgartner und Ulrike Kindl diskutierten am Montag über Berufe und Alter und über die Herausforderungen von Altersdiskriminierung, die häufig still und schambesetzt bleibt, sowie die Bedeutung von Vorbildern und Geschichten im Umgang mit dem Alter. Gemeinsam betonten sie, dass die Erfahrungen des Älterwerdens uns reicher machen und ein Bewusstsein für gesellschaftliche Wertschätzung und Ausgrenzung schaffen.
Die Bühnenbildnerin, Figurenspielerin und Regisseurin aus Stuttgart Stefanie Oberhoff begeisterte mit „Die Gräfin“, einer herrisch-scharfzüngigen Figur, die zwischen bitterbösem Witz und Lebenslust wechselte und ihre Erfahrungen in Feldthurns ins Puppenspiel einbrachte. Das Konzert am Eröffnungsabend gestaltete Bernadette La Hengst, Berliner Musikerin und Theatermacherin, mit einem sehr persönlichen Konzert. Sie ist bekannt für ihre politisch-feministischen Soloalben und für vielfältige Theaterprojekte. Literarisch überzeugten die Lesungen von Anna Morawetz, Robert Woelfl, Pega Mund, Astrid Kofler, Sepp Mall und Waltraud Mittich. Die Ausstellung „Costa Rica Time Warp“ von Ludwig Thalheimer, die Porträts von Straßenkindern aus drei Jahrzehnten gegenüberstellt und am Freitag bei der Summer School eröffnet wurde, bleibt bis November im Schloss Velthurns zugänglich. Nach den Abenden im Schloss gab es im Schlosshof bei Getränken, Wein, Pizza, selbstgemachten Knödeln und Risotto tiefgehende Gespräche und weitere Vernetzungen.
Maxi Obexer betont: „Es geht um die Genauigkeit, die oft mit dem erfahrenen Blick auf die Dinge ihre Bedeutung erlangen. Und es geht um die Frage, wie Erfahrung stärker in das gesellschaftliche und kulturelle Sensorium einfließen kann, damit verhindert wird, dass das Rad immer wieder neu erfunden wird. In den gegenwärtigen politischen, gesellschaftlichen und künstlerischen Kämpfen brauchen wir sie, die vor uns gekämpft haben.“
Die Summer School 2025 habe gezeigt, wie sich ein gesellschaftliches Labor entfalten kann, wenn Neugier, Dialog und künstlerische Kraft zusammentreffen. Oder, wie Maxi Obexer es ausdrückt: „Gleichheit und Gerechtigkeit sind Werte, die fortwährend umkämpft und fortwährend bedroht sind.“ Weitere Infos findet ihr hier.
Unterstützer und Partner
Die Summer School Südtirol ist eine Veranstaltung von NIDS-Neues Institut für Dramatisches Schreiben, Berlin, steht in der Trägerschaft von SAAV, Südtiroler Autoren-Vereinigung, arbeitet mit den Wiener Wortstaetten und dem Netzwerk der Münchner Theatertexter zusammen, wird gefördert von der Autonomen Provinz Bozen, der Autonomen Region Trentino-Südtirol, vom Forum austriaco di cultura, von der Stiftung Südtiroler Sparkasse, vom Betrieb Südtiroler Landesmuseen und von Schloss Velthurns. Partner sind Barfuss.it, Salto, ff, Tourismusgenossenschaft Klausen, Barbian, Feldthurns und Villanders. Finanzielle und materielle Unterstützung kommt von der Gärtnerei Schullian, vom Bildungsausschuss Feldthurns, vom Genussmarkt pur, von der Raiffeisenkasse Eisacktal und der Volksbank, von Plose Mineralwasser, vom Milchhof Brimi und von verschiedenen Südtiroler Kellereien und Bäckereien.
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