Von: apa
Seit seinem Abgang als Burgtheaterdirektor im Sommer 2024 ist es auf den deutschsprachigen Theaterbühnen um Martin Kušej ruhig geworden. Am Samstag kehrte er am Schauspiel Stuttgart mit einer messerscharfen Inszenierung von Thomas Bernhards “Vor dem Ruhestand” zurück und schloss gewissermaßen einen Kreis. Schließlich war das Stück 1979 von Claus Peymann in der baden-württembergischen Landeshauptstadt zum Abschluss von dessen damaliger Schauspieldirektion uraufgeführt worden.
Kušej hat das in der alten Bundesrepublik spielende Stück rund um den ehemaligen KZ-Lagerkommandanten und SS-Offizier und nunmehrigen Gerichtspräsidenten Rudolf Höller radikal in eine nahe Zukunft verlegt. Die morgendlichen Radionachrichten berichten von der anstehenden Bundestagswahl, bei der die AfD erstmals zur stimmenstärksten Partei werden könnte. Während sich Höller auf den Weg in die Arbeit macht, liegt seine Schwester Vera noch im gemeinsamen Bett und erholt sich sichtlich von der vorangegangenen Nacht, unter der Bettdecke lugt eine Reitpeitsche hervor. Während das taubstumme Stubenmädchen Olga das Schlafzimmer wieder tagestauglich macht, bespricht Vera mit ihrer im Rollstuhl sitzenden Schwester Clara den bevorstehenden großen Tag: Schließlich begeht die Familie jährlich am 7. Oktober Heinrich Himmlers Geburtstag. In Bernhards Original hatten sich der SS-Reichsführer und der Jurist Höller, der nach dem Krieg unbehelligt Karriere machen konnte, persönlich gekannt.
Drahtseilakt hinter (noch) geschlossenen Vorhängen
Das geht sich mit der Setzung in der nahen Zukunft rein rechnerisch nicht aus, und so hat Kušej den Text behutsam, aber konsequent angepasst, wodurch die absurde Geburtstagsfeier eine weitere, die Künstlichkeit herausarbeitende Ebene bekommt. So wird der 7. Oktober für die drei Geschwister jedes Jahr wieder zu einem schauspielerischen Drahtseilakt hinter (noch) geschlossenen Vorhängen: Höller trägt SS-Uniform und blättert mit Vera, die ihre blonden Haare zu einem Kranz gebunden hat, in einem auf dem Flohmarkt erstandenen Fotoalbum. Als wäre er selbst der abgebildete SS-Sturmbannführer, erzählt Höller von seiner flüchtigen Begegnung mit dem in einem Auto vorbeifahrenden Führer und seiner Verbindung zu Himmler.
Um dieses absurde Schauspiel mit der nötigen Ernsthaftigkeit durchzusetzen, fließt an diesem Abend der Sekt. Und um die rebellische, sozialistisch eingestellte Clara, die durch einen Bombenanschlag selbst verschuldet im Rollstuhl gelandet ist, zum Mitmachen zu zwingen, wird ihr jedes Jahr wieder angedroht, ein KZ-Hemd anziehen und sich die Haare scheren lassen zu müssen. Weil der Wahlsieg der Rechten in Deutschland quasi vor der Türe steht, flicht Kušej immer wieder den Hinweis ein, dass es mit der jahrelang aufrecht erhaltenen Heimlichtuerei bald ein Ende haben werde. Aus dem immer wieder fallenden Satz “Wir sind eine geheime Verschwörung” dringt nun also die Hoffnung auf eine baldige Mehrheitsfähigkeit der familiären Ideologie.
Großes Finale zwischen Shakespeare und Tarantino
Während Matthias Leja als Rudolf den vom NS-Wahn beseelten Richter mit unverbrüchlicher Ernsthaftigkeit und einem hervorragenden Gefühl für Bernhards Sprachrhythmus gibt, blitzt bei Katharina Hauter als Vera wenn schon nicht Zweifel, dann doch ein gewisser wachsender Widerwille auf. Therese Dörr gibt – den ganzen Abend über im Rollstuhl – die der Schicksalsgemeinschaft ausgelieferte jüngste Schwester, die nicht nur stumm gegen die Ideologie ihrer Geschwister protestiert, sondern mit ihren offenen Angriffen die Abschiebung in eine Heilanstalt riskiert. Den inzestuösen Anklang aus dem Original hat Kušej hier auf die Spitze getrieben: Rudolf und Vera haben drei (sehr blonde) Kinder, in deren Zimmer im Keller nicht nur ein Heidi-Plakat hängt, sondern auch der geheime Waffenschrank untergebracht ist, den Rudolf zu später Stunde im absoluten Suff offen lässt …
Und so ist es am Schluss nicht ein Herzinfarkt, der das Leben des despotischen Gerichtspräsidenten beenden wird. Nach dem fast schon Shakespeare’schen Ende in Tarantino-Manier geht dann im still gewordenen Haus der Radiowecker los. Die Wahl ist geschlagen, die AfD hat gewonnen. Und Kušej macht deutlich: Bald könnten die Vorhänge in Häusern wie diesem tatsächlich aufgezogen werden. Freundlicher Applaus beendete den zweidreiviertelstündigen Abend, der zeigt: Das Stück, das Bernhard einst als Reaktion auf die NS-Verstrickungen des damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger schrieb, könnte durchaus wieder einmal eine Inszenierung auf österreichischen Bühnen vertragen.
(Von Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E – “Vor dem Ruhestand” von Thomas Bernhard am Staatstheater Stuttgart. Regie: Martin Kušej, Bühne: Annette Murschetz, Kostüme: Heide Kastler. Mit u.a. Matthias Leja, Katharina Hauter und Therese Dörr. Weitere Termine: 22. Februar, 5., 13., 19. und 29. März sowie am 3., 11. und 13. April. Infos und Karten: www.schauspiel-stuttgart.de )




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