"Braunschlag 1986": Robert Palfrader und Nicholas Ofczarek

“Braunschlag 1986”: ORF-Kultserie unternimmt Zeitreise

Donnerstag, 05. März 2026 | 05:15 Uhr

Von: apa

Der 20. und 21. März sind für “Braunschlag”-Fans Feiertage. 14 Jahre nach ihrer Erstausstrahlung kehrt die ORF-Kultserie von David Schalko zurück. In zwei fast zweistündigen Specials gibt es aber nicht nur ein Wiedersehen mit dem Starensemble rund um Roman Palfrader und Nicholas Ofczarek und ihren so liebevoll wie jämmerlich gezeichneten Figuren, sondern auch eine Wiederbegegnung mit einer Zeit, die 40 Jahre her ist: “Braunschlag 1986” heißt der Zweiteiler.

Die erste Staffel endete mit der Evakuierung des Dorfes an der tschechischen Grenze, in dem ausgetretener Atommüll für erhöhte Radioaktivität sorgte. “Eigentlich hätte dieses Ende ja auch verunmöglichen sollen, dass es eine zweite Staffel gibt”, sagt Regisseur und Drehbuchautor Schalko, dem dann vor zwei Jahren eine Idee kam, die er für ausbaufähig hielt: “Es gibt ja oft die Ansicht, dass früher alles besser war. Ich fand interessant, das durchzuspielen, was passiert, wenn sich ein Dorf aus heutiger Sicht in die 80er zurückversetzt. Als ich überlegte, in welchem Dorf das spielen könnte, war schnell der Gedanken da, dass man sich kein Dorf erfinden muss, wenn es schon eines gibt.”

Dreh als mehrfache Zeitreise

Für das alte Team war der Dreh eine mehrfache Zeitreise. Es ging nicht nur in die 80er-Jahre zurück, sondern man begegnete auch seiner eigenen Figur, die man bereits hinter sich gelassen hatte, und den Kollegen, die man teilweise lange nicht mehr gesehen hatte. “Am Tag vor dem ersten Drehtag sind wir beim Warm-up gesessen und haben uns verkopft ein paar Varianten überlegt, wie die Figuren einander wiederbegegnen könnten. Am nächsten Tag am Set haben wir dann instinktiv gespielt und uns einfach wieder fallengelassen, als wäre kein Tag vergangen”, erzählt Nina Proll im Gespräch mit Journalisten, und Roman Palfrader ergänzt: “Diesen Satz hab ich am Set am häufigsten gehört: Als wäre kein Tag vergangen! Es war ein bisschen wie nach Hause kommen.”

“Ich war überrascht, wie rasch wir in unsere Figuren gefunden haben, sofort hat es wieder dieses Braunschlag-Feeling gegeben”, sagt Maria Hofstätter. “Niemand hat recht lange danach suchen müssen.” Doch einen Unterschied habe es gegeben, hält Nicholas Ofczarek fest: “Wir sind diesmal nach jedem Drehtag heimgegangen. Das Skikurs-Feeling der ersten Staffel war weg, und wir haben daran gemerkt: Wir sind halt doch etwas gesetzter geworden.” Die lange Pause habe er jedoch als interessante Konstellation gefunden, “reizvoller, als hätten wir es gleich ein Jahr später gedreht”.

In St. Pölten regiert nicht mehr der “Onkel”, sondern die “Tante”

Robert Palfrader als Bürgermeister Gerri Tschach und Nicholas Ofczarek als Discobetreiber Richard Pfeisinger sind laut Drehbuch die einzigen, die in den vergangenen 14 Jahren vor Ort die Stellung gehalten haben. Palfrader: “Die haben sich es recht gut gehen lassen und sind schön verwahrlost nebeneinander.” Da kommt ein Anruf aus St. Pölten. Die Umstände haben sich zwar gewandelt – nun zieht dort nicht mehr der “Onkel”, sondern die “Tante” die Fäden, aber auch die ist nicht mehr allmächtig, sondern hat einen rechtspopulistischen Juniorpartner an der Seite. “Diese aktuellen Bezüge einzubauen war sehr reizvoll”, sagt Schalko. Der Bürgermeister rebelliert gegen den wieder einsetzenden Druck von oben und reagiert auf seine Weise: Per Verordnung möchte er innerhalb der Gemeindegrenzen den Rückzug in die gute, alte Zeit proklamieren. Ein Experiment mit vielen Unvorhersehbarkeiten, wie sich herausstellt.

Warum hat sich Schalko dafür ausgerechnet das Jahr 1986 ausgesucht? “1986 war ein Wendejahr in Österreich. Das Selbstverständnis des Landes hat sich durch Kurt Waldheim sehr verändert, und mit dem Aufstieg von Jörg Haider wurde die Salonfähigkeit der Rechten in Europa eingeleitet. Franz Vranitzky ist Bundeskanzler geworden, womit sich die Sozialdemokratie sehr verändert hat. Und ganz banal gesagt, war es meine Jugendzeit – und um diese Art der Verklärung geht es ja auch.”

“Es war schon leiwand zum Jungsein.”

Im Team sind die Erinnerungen an 1986 sehr von damaligen Alter geprägt. David Schalko war damals 13, Ofczarek 15, Palfrader 18 und Nina Proll 12. “Mich hat nur das Ausgehen interessiert und das Lernen meines Berufs. Es war schon leiwand zum Jungsein. Ich hatte das Gefühl, mir steht alles offen. Die Perspektive war: Alles ist möglich!”, sagt die Schauspielerin. “Das ist die Gnade der späten Geburt!”, schmunzelt Palfrader und zählt auf, an was er sich alles erinnert: “RAF und ETA, Entführungen und Terrorismus, Bhopal, Sellafield und Seveso – es sind schon grausliche Dinge passiert damals …” Und auch Maria Hofstätter erinnert sich mit Schaudern an Umweltsünden der oberösterreichischen Industrie, sauren Regen, verschmutzte Flüsse und stinkende Luft: “Gleichzeitig haben sich die Grünen gebildet. Man hatte das Gefühl, man kann an Schrauben drehen.” – “Es war eine positivere Perspektive auf die Zukunft – und wahrscheinlich eine der besten Zeiten auf Erden in diesen Gefilden”, glaubt Ofczarek. “Die Zeiten waren ein wenig naiver und unschuldiger.”

“Heute hat man das Gefühl: Diese Aufbruchsstimmung ist nicht mehr da”, wendet Nina Proll ein. “Ich finde es heute schwieriger. Die Jugendlichen sind anders belastet.” Das hat mit vielen Faktoren zu tun. Von einem kann, ja muss man sich in “Braunschlag 1986” am neu errichteten Grenzübergang sogleich befreien. In dem Ort gibt es kein Internet und kein Social Media. Smartphones sind abzugeben, und nur der Bürgermeister hat das Privileg eines tragbaren Telefons – das jedoch Größe und Gewicht eines kleinen Koffers hat. Tatsächlich zählt “das entschleunigte, analogere Leben” zu jenen Dingen, die sich die Schauspieler heute aus dem Jahr 1986 wünschen würden. “Ich möchte bitte auch die ganzen Flächen, die seit 1986 versiegelt wurden, zurück”, ergänzt Palfrader. “Wenn ich daran denke, über welche Wiesen ich als Kind rennen durfte!”

“Braunschlag könnte überall spielen.”

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Berichte über geplante US-Remakes von “Braunschlag”. “Es gab tatsächlich bisher acht oder zehn Versuche, die sehr unterschiedlich waren”, erzählt David Schalko. “Die letzte Optionierung war erst vor einem Jahr.” Geklappt hat bisher noch keiner der Versuche. “Dabei könnte Braunschlag überall spielen. Überall gibt es den Drang, sich zu bereichern, und mafiöse Strukturen”, glaubt Robert Palfrader. “Bei Trump läuft es im Prinzip nicht anders ab als beim Bürgermeister von Braunschlag – er hat nur die größere Bühne.”

Einen Hauch der gefährlichen neuen Welt der engen Verbindungen von Big Money und großer Politik hat David Schalko auch in die zwei neuen Filme eingebaut. Ein sehr junger, sehr fantasievoller und offenbar sehr reicher Investor träumt davon, den Ort Braunschlag zum großen 80er-Jahr-Disneyland umzubauen und hat über entsprechende Mittel, seine Pläne auch gegen Widerstände voranzutreiben. Und auch die Privatarmee, die der slicke Landeshauptfraustellvertreter zur Durchsetzung von Recht und Ordnung aufbaut, lässt an manche Parallelen aus Geschichte und Gegenwart denken.

“Braunschlag 1986” schließt mit einem offenen Ende. Wurde da gar bereits für eine mögliche weitere Staffel vorgebaut? David Schalko versucht ein abschließendes unergründliches Lächeln: “Reden wir in 14 Jahren wieder darüber.”

(S E R V I C E – “Braunschlag 1986”: 20. und 21.3., jeweils 20.15 Uhr auf ORF 1 und 24 Stunden im Voraus auf ORF ON)

Kommentare

Aktuell sind 0 Kommentare vorhanden

Kommentare anzeigen