Von: APA/dpa
James Cole schiebt den schneebedeckten Gullydeckel zur Seite. Den Rest des Kanalschachtes hievt er sich auch noch nach oben. Zum Schutz vor einem tödlichen Virus trägt er einen transparenten Ganzkörperanzug. Es wirkt, als wolle er abtauchen. Unter und über der Erde – beides sind unwirkliche Realitäten in der Zukunft, in Terry Gilliams Science-Fiction-Thriller “12 Monkeys”. Vor 30 Jahren, am 5. Jänner 1996, hatte der Kultfilm mit Bruce Willis und Brad Pitt seinen US-Kinostart.
Unten herrschen Dunkelheit und Nässe und ein totalitäres System. Gefangene in Zellen, die wie Legebatterien für Tiere wirken – nicht ohne Grund. Oben ist es hell, aber meist nur grau. Es liegt Schnee, dabei ist die Atmosphäre so schon eisig und unfreundlich genug.
Ein Virus hat die Menschheit fast ausgelöscht
Autos, längst verrostet, stehen in menschenleeren Straßen. Gebäude, einst monumental und beeindruckend, sind verlassen. Sie sind stumme Zeugen einer vergangenen Zeit. Tiere haben die Städte (zurück)erobert. Befreit von der Armee der “12 Affen”.
Ein Virus hat binnen zwei Jahren 1996 und 1997 Milliarden Menschen getötet. Nur ein Prozent der Bevölkerung hat die Pandemie überlebt. Der Film, der Rätsel aufgibt, der intensiv ist und auch verstörend wirken kann, spielt 2035. Protagonist Cole, gespielt von Willis, reist zurück in die Vergangenheit, ins Jahr 1996. Er reist in der Zeit, ist eigentlich ein Gefangener, der auf seine Begnadigung hofft. Er zweifelt irgendwann selbst an dem, was ist, was sein soll und was war.
Inspiriert durch einen Endzeit-Kurzfilm
Der Film sei eine Gelegenheit, darüber nachzudenken, was die Welt sei und was nicht, sagte Regisseur Gilliam, Mitbegründer der legendären britischen Gruppe Monty Python, im Jahr des Kinostarts in einem Interview: “Es geht vor allem um die Wahrnehmung von Realität.” Und die wird bei “12 Monkeys”, der inspiriert wurde durch den französischen Endzeit-Kurzfilm und Photoroman “La Jetée” von 1962, ebenso wie beim Zuschauen zur großen Herausforderung.
“12 Monkeys” ist apokalyptisch, ein Thriller, der während der Corona-Pandemie sein 25-Jähriges feierte. Ein Film, der Genregrenzen überschreitet und mit seinen Zeit- und Erzählebenen auch zur Herausforderung wird. So wie in der Szene, in der Cole bei seiner ersten Zeitreise – ins falsche Jahr – der Psychiaterin Kathryn Railly (Madeleine Stowe) begegnet. “Es ist Oktober”, sagt Cole, sabbernd und mit blutigen Händen. “April”, entgegnet Railly. “Welches Jahr?”, fragt Cole. “Welches denken Sie?”, fragt Railly zurück. “1996”, sagt Cole. “Das ist die Zukunft. Denken Sie, Sie leben in der Zukunft?”, fragt Railly. “1996 ist Vergangenheit”, antwortet Cole. “Nein, 1996 ist die Zukunft. Wir haben 1990”, betont Railly.
Brad Pitt als Anführer radikaler Tierschützer
“Es scheint, dass wir überschwemmt werden von Informationen. Es ist schwer zu wissen, worauf es wirklich ankommt, was wirklich wichtig ist. Ich denke, das Schwierigste in modernen Gesellschaften ist zu wissen, worauf man hört und worauf nicht”, sagte Gilliam – und das schon vor 30 Jahren.
Das tödliche Virus ist das eine. Coles Zeitreisen sind das andere. Bei einem verunglückten Versuch landet er in einem Schützengraben des Ersten Weltkriegs. Beim anderen – sechs Jahre vor dem Virusausbruch – begegnet er Railly, die später mehr als nur eine Verbündete wird. Er trifft aber auch Jeffrey Goines, gespielt von Brad Pitt.
Goines, dessen Vater das Virus entwickelt hat, aber auch nicht der Pandemie-Verursacher sein wird, treibt den Wahn auf die Spitze: durchgeknallt, verrückt, irre. Der mittlerweile 62 Jahre alt Oscar-Preisträger Pitt bekam damals den Golden Globe als bester Nebendarsteller. Bei seiner Rede bedankte er sich auch für die “Terry-Gilliam-Erfahrung”.
Im Film ist Jeffrey Goines der Anführer der radikalen Tierschützer “12 Monkeys”. Lange – erst recht von Cole – wird vermutet, die Gruppe stecke auch hinter der Freisetzung des tödlichen Virus. Doch letztlich ist ihre Mission, die Tiere zu befreien.
“Eine zeitreisende Vision der Hölle auf Erden”
Aber alles im Film scheint immer auch fraglich zu sein. Die zumeist gekippte Kameraführung verstärkt den Eindruck einer albtraumartig-traumatischen Welt, die völlig aus dem Gleichgewicht geraten ist. “Eine zeitreisende Vision der Hölle auf Erden”, schrieb einmal der britische “Independent” über den Film, der mit großen Kinderaugen beginnt.
Es ist der junge James Cole, der mit seinen Eltern am Flughafen eigentlich nur Flugzeuge bestaunen will. Tatsächlich aber sieht er, wie ein Mann in einem bunten Hemd mit Tigern darauf, langen Haaren und einem angeklebten Schnurrbart von Sicherheitskräften erschossen und von einer Frau mit blonden Haaren und rotem Kleid betrauert wird.
“Ich weiß nicht, warum die Leute ’12 Monkeys’ nicht beim ersten Anschauen kapieren”, sagte Gilliam damals zum Kinostart in einem Interview mit der “taz”. “Die meisten brauchen mindestens zwei Anläufe, damit es in ihrem Hirn klick macht. Viele wollen in jedem Moment des Films wissen, wo sie gerade sind. Das funktioniert hier nicht. Man muss sich treiben lassen und sich die Geschichte erzählen lassen, relaxen.”




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