Von: APA/dpa
Erst 25 Jahre alt war Elizabeth II., als sie 1952 während einer Kenia-Reise erfuhr, dass ihr Vater gestorben und sie Königin geworden war. 70 Jahre lang saß sie auf dem Thron – länger als jeder andere britische Monarch vor ihr. Am 21. April wäre die Queen 100 Jahre alt geworden.
Viel fehlte nicht, und sie hätte auch diesen Meilenstein noch auf dem Thron feiern können. Sie starb im September 2022 im Alter von 96 Jahren auf ihrem Landsitz Schloss Balmoral in den schottischen Highlands. Sie gehörte ohne Zweifel zu den bekanntesten Menschen der Welt.
Liebe zu Pferden und Hündchen
Zu Lebzeiten wurde Elizabeth II. vor allem wegen ihres unerschütterlichen Pflichtbewusstseins und ihres würdevollen Auftretens geschätzt – schon als 14-jährige Kronprinzessin wandte sie sich im Zweiten Weltkrieg in einer live übertragenen Radioansprache ans Volk. Ein Foto von damals wählte die Royal Mail für eine Reihe von Sondermarken aus, die nun herausgegeben wurden.
Auf etlichen der Marken ist sie mit Pferden und ihren geliebten Corgi-Hündchen zu sehen. Anders als im Umgang mit Menschen waren Gesten der Zuneigung im Verhältnis zu Tieren auch in der Öffentlichkeit kein Tabu für die Monarchin und ihre Familienmitglieder. Ansonsten zeigte sie stets Selbstbeherrschung oder wie man in Großbritannien sagt, eine “stiff upper lip” (steife Oberlippe).
Ihre Krönung im Jahr 1953 wurde zu einem frühen globalen TV-Ereignis. In den 60er-Jahren schrumpfte das britische Kolonialreich zusehends. Die 70er-Jahre waren vom nordirischen Bürgerkrieg und dem Terror der IRA (Irisch-Republikanischen Armee) überschattet.
Dianas Tod markierte Tiefpunkt
Im Jahrzehnt darauf läuteten bei den Royals die Hochzeitsglocken – etwa beim späteren König Charles (77), Elizabeths ältestem Sohn und dessen erster Frau Prinzessin Diana im Jahr 1981. Das Jahr 1992, in dem diese und weitere Ehen der Queen-Kinder scheiterten und noch dazu Schloss Windsor in Flammen stand, bezeichnete die Königin als “annus horribilis” – Schreckensjahr.
Als Diana 1997 bei einem Autounfall in Paris ums Leben kam, erreichte die Beziehung der Queen mit ihrem Volk wohl den Tiefpunkt. Tagelang verbarrikadierte sie sich hinter den Palastmauern, während die Briten in kollektiver Trauer versanken. Als sie sich zu einer Fernsehansprache durchringen konnte, hatte sie bereits den Ruf, hartherzig zu sein. Das Ansehen der Königin erholte sich erst nach und nach wieder.
Das Bild der makellosen Queen bekam Risse
Je älter sie wurde, desto mehr galt die Queen als Gewissen des Landes. Doch dieses Bild, das bereits als unsterbliches Vermächtnis galt, bekam in den vergangenen Jahren wieder Risse. Die Verwicklung ihres zweitältesten Sohns Andrew in den Missbrauchsskandal um den US-Millionär und Sexualstraftäter Jeffrey Epstein wirft auch Fragen zum moralischen Kompass der Queen auf. Andrew verlor in den vergangenen Jahren sämtliche Titel und Ämter – zuletzt musste er auch noch aus seinem luxuriösen Anwesen auf dem Gelände von Schloss Windsor ausziehen. Er wurde gar an seinem 66. Geburtstag im Rahmen von Ermittlungen wegen Amtsmissbrauchs vorübergehend festgenommen. Andrew wird verdächtigt, während seiner Zeit als Sonderbeauftragter für Handel zwischen 2001 und 2011 vertrauliche Informationen an Epstein weitergegeben zu haben.
Was wusste die Queen über Andrews Kontakte?
Andrew hatte jahrelang eine Freundschaft zu Epstein unterhalten, der einen Missbrauchsring betrieb. Eines der Opfer, Virginia Giuffre, hatte Andrew vorgeworfen, sie als Minderjährige missbraucht zu haben. Der Ex-Prinz wies alle Vorwürfe zurück, doch in einer Zivilklage in den USA einigte er sich mit Giuffre auf einen angeblich millionenschweren Vergleich – wohl mit kräftiger Unterstützung seiner Mutter.
Was wusste die Queen über die Kontakte Andrews mit dem Sexualstraftäter Epstein? Drückte sie für ihren angeblichen Lieblingssohn beide Augen zu? Dass sie die Angelegenheit für beendet betrachtete nach Beilegung der Zivilklage machte sie deutlich, als sie Andrew eine prominente Rolle bei der Gedenkfeier für ihren während der Corona-Pandemie gestorbenen Mann Prinz Philip zuwies. Andrew führte seine damals bereits gebrechliche Mutter in die Westminster Abbey, was bei vielen zu Stirnrunzeln führte.
Schwarzer Fleck oder kleiner Teil in Biografie?
Der Verfassungsexperte und Royal-Kenner Craig Prescott von der Londoner Universität Royal Holloway spricht von einem “schwarzen Fleck” in der ansonsten makellosen Bilanz der Königin. Etwas weniger drastisch sieht es der Autor Robert Hardman, der zum 100. Jahrestag der Geburt der Monarchin eine neue Queen-Biografie vorgelegt hat. Er glaubt, dass der Epstein-Skandal wieder in den Hintergrund treten wird. “Es ist ein sehr bedeutsamer, aber immer noch sehr kleiner Teil einer 70 Jahre währenden Regentschaft”, sagt er vor Journalisten in London.
Befürchtungen, die Unterstützung für die Monarchie könnten nach dem Tod der Queen zusammenbrechen, erfüllten sich jedenfalls nicht. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov vom Jahresbeginn wollen noch immer knapp zwei Drittel (64 Prozent) der Menschen in Großbritannien, dass ihr Land eine Monarchie bleibt.




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