Tom Morello und Sohn Roman rockten mächtig

Sex Pistols brachten Anarchy light auf das Nova Rock

Donnerstag, 11. Juni 2026 | 21:34 Uhr

Von: apa

Das Nova Rock in Nickelsdorf hatte zum Start einiges zu bieten. Am Abend brachten die Sex Pistols einen Schuss Anarchie light auf die Pannonia Fields – musikalisch, denn das Festival verlief am Donnerstag in geordneten Bahnen. Die Hymne “Anarchy In The UK” dürfte beim Auftritt der Punk-Veteranen mit ihrem derzeitigen Sänger Frank Carter nicht fehlen. Davor hatte Tom Morello jede Menge Politkracher und ein Gitarrengewitter aufgezogen. Den Schlusspunkt sollten Volbeat setzen.

“Wenn du etwas erledigt haben willst, dann musst du es selbst machen”, sprach Neo-Pistols-Fronmann Carter und zettelte die Randale in Light-Version an. Mit einem Selfmade-Circle-Pit ehrte die nicht über-agile Menge die Punkrock-Urväter dann doch gebührend. Die taten am größten heimischen Rockevent das, wofür sie geholt wurden – honorig und ein wenig rotzig rocken.

Um das Inventar eines Pubs oder Clubs in den 1970ern leiden zu lassen, reichte der Überlieferung nach einstmals mitunter nur ein Akkord, wenn die Sex Pistols starteten. Auch 2026 gab es zarte Versuche des zahlreich erschienenen Publikums, Bewegung in der Nähe der Blue Stage zu kreieren, wo die Punk-Haudegen Steve Jones (Gitarre), Paul Cook (Schlagzeug) und Glen Matlock (Bass) zusammen mit Quasi-Jungspund Carter höchst gefällig agierten. Zum geordneten Eskalieren brauchte es dann aber Carter, der sich als guter Griff in Sachen Johnny Rotten-Ersatz präsentierte. Auf allzu viel Optik verzichtete man – einzig Kinder-, Jugendbilder und alte Konzertaufnahmen flimmerten im Hintergrund. Im Vordergrund verrichtete Carter den Großteil der körperlichen Arbeit, der Rest sorgte für den Sound, und das gefällig. Gesessen sind die älteren Herrschaften erst zu Beginn von “My Way”, und das nicht lange.

15-Jähriger ließ es krachen

Trump-Kritiker und Antifaschismus-Aktivist Morello sorgte auf der Blue Stage für ordentliche Stimmung. Da durften Songs seiner früheren Band Rage Against The Machine nicht fehlen, bei denen er den Gesang dem Publikum überließ. Bei “Killing In The Name” funktionierte das hervorragend. Bruce Springsteens Hymne für die Ausgestoßenen und Unterdrückten der Gesellschaft, “The Ghost Of Tom Joad”, schredderte er, was das Zeug hielt. Gänsehautmomente gab es beim Tribut für Chris Cornell (“Like a Stone”), viel Applaus für Morellos 15-jährigen Sohn Roman, der beim Ozzy-Osbourne-Cover “Mr. Crowley” ein furioses Gitarrensolo hinzauberte. “Power To The People” hieß es am Ende eines Sets mit viel Gitarrengefiddel. Die Isländer Kaleo hatten es unmittelbar danach mit ihrem melodiösen Rock nach dieser Urgewalt schwer. Die Stimme von Frontman Jökull Júlíusson war trotzdem ein Highlight.

Das Nachmittagsprogramm davor hatte einiges zu bieten: Die Progmetal-Institution Mastodon rückte stimmungsvoll bei über der blauen Bühne untergehender Sonne an. Dass man mit dem nach der Trennung von der Band im Vorjahr verstorbenen Gitarristen und Co-Sänger Brent Hinds eine Portion Charisma und Wiedererkennungswert eingebüßt hat, konnte die US-Gruppe bei ihrem “dritten oder vierten Mal am Nova Rock” nicht ganz verbergen. Das vor gut einer Woche erschienene “Your Ghost Again” – ein Vorbote des “später in diesem Jahr” erscheinenden neuen Albums – widmete die Band daraufhin folgerichtig Hinds. Mitunter etwas schwer taten sich die auch in neuer Besetzung sauber gespielten komplexen Riffs und Rhythmen gegen die immer wieder auffrischenden pannonischen Böen.

Ebenso eher technisch und noch ein Stück härter hatte davor die US-Band Black Veil Brides auf der gleichen Bühne ihr Set angesetzt. Auf der Red Stage erinnerte sich unterdessen Feine Sahne Fischfilet-Frontmann Jan “Monchi” Gorkow an den ersten Auftritt der sich politisch deutlich links positionierenden Formation in Österreich “vor weniger als 50 Leuten”. Heute am größten Rockfestival des Landes spielen zu können, bedeute der Band extrem viel. Der Punkrock mit Message zog dann auch entsprechend Publikum an.

Kein Rasenmäher, viel Punk

Bilmuri, der in seinen Videoclips fallweise auch singend beim Rasenmähen zu sehen ist, kombinierte auf der Red Stage Plastikpop mit Hardcore-Anwandlungen. Den Rasenmäher hat er zu Hause in den USA gelassen, dafür brachte er eine Saxofonistin mit, die auch Vocals beisteuerte.

Die britischen Punk-Britrock-Newcomer The Molotovs gaben auf der Red Bull Stage ihr Österreich-Debüt. Die beiden Geschwister Issey und Mathew Cartlidge gewährten gegenüber der APA Einblick in ihr bisher mehr als turbulentes Jahr mit Debüt-Album, guten Chartplatzierungen in der Heimat und als Opening Act für die Sex Pistols oder Yungblud. All das habe den beiden kaum Zeit zum Zurückschauen gelassen: “Es ist alles Amnesie, aber wir könnten niemals unglücklich sein, bei dem, was wir tun”, sagte Issey. Die Musik habe sich organisch zwischen den beiden Geschwistern zwischen Straßen- und Pubgigs entwickelt, “mit einem recht starken Punk-Element”.

Nach Bandwettbewerben und Co jetzt auf großen Festivals aufzutreten, sei eine neue Realität: “Er war noch nie auf einem Festival”, ohne selbst zu spielen, so Issey zu ihrem Bruder Mathew. Die Treffen mit ihren Idolen, wie den später spielenden Sex Pistols, seien bisher gute Erfahrungen für das junge Duo gewesen: “Sie waren alle großartig”, sagte Mathew. Das nächste Album sei bereits fertig geschrieben, so der Bruder – jetzt müsse man Zeit für das Aufnehmen finden.

Katalonien trifft Japan

Japanische Einflüsse, eine Fusion aus Powermetal und Metalcore, zwischendurch katalanische Gitarrenklänge und eine Sängerin, die Schreien so gut beherrscht wie Klargesang: Ankor präsentierten sich auf der Red Bull Stage erstmals bei einem Festival in Österreich. “Nickelsdorf? Den Namen habe ich noch nie gehört, aber wir sind sehr happy, hier zu sein”, schmunzelte Sängerin Jessie Williams im Interview.

2017 begann die Gruppe außerhalb Kataloniens aufzutreten. “Unsere erste Tour außerhalb Spaniens führte uns nach Japan. Aber jetzt spielen wir immer mehr in Europa und auch in Amerika”, freute sich die in Bristol geborene Sängerin. Für Herbst dieses Jahres kündigte sie eine neue EP an.

Auf den Pannonia Fields fühlte sich Williams wohl, was sich auch auf den kraftvollen Auftritt übertrug. “Generell mag ich Festivals. Es ist die perfekte Zeit, Bands zu erleben, die man sonst nicht so oft sieht”, sagte sie. “Wir arbeiten. Wir spielen. Wir verdienen Geld. Und wir sehen uns Acts an, die uns gefallen. Es ist fantastisch. Wir genießen das wirklich sehr.”

Für einen Skurrilitäts-Höhe- oder auch -Tiefpunkt, je nach Geschmack, sorgten schon am frühen Nachmittag Mittel Alta mit ihrer komödiantischen Mischung aus Rap, Metal und Gegröle. So feiert man zunächst lautstark “Der Chef ist tot”, um danach zum achtsamen Moshen aufzufordern – stilecht mit Mittelalter-Horrormönch, Kettenhemd am Leib und Smartphone in der Hand. “Wir haben als Spaßprojekt begonnen – und das sind wir immer noch”, warnten die Akteure im Ritteroutfit, die Darbietung nicht allzu ernst zu nehmen. Das Publikum hatte jedenfalls merkbar Spaß – vor allem jener junge Mann, der ebenfalls im Mittelalter-Outfit (samt Plastikschwert) angereist ist.

Ziegenmasken und Enten

Kleidungstechnisch dominierten naturgemäß bei einem Rockfestival schwarze Bandshirts. Einige – vor allem männliche – Besucher nutzten die Gelegenheit aber wieder für einen Maskenball: von Pharaonen über Enten bis zum Anzug mit TV-Testbild-Aufdruck reichte das Spektrum. Lange Schlangen hatten sich vor den Merchandise-Ständen gebildet. Vom sozial engagierten Tom Morello gab es T-Shirts um 35 Euro, von anderen Acts musste man zwischen 45 und 55 Euro dafür abbuchen lassen.

Volbeat hatten neben Bekleidung auch Ziegenmasken um zehn Euro im Angebot. “Das war definitiv nicht meine Idee”, beteuerte Drummer Jon Larsen gegenüber der APA. “Ich habe aber eine in meinem Reisekoffer. Das ist etwas, was ich hoffentlich eines Tages meinen Enkelkindern schenken kann.”

Neben der üblichen Festivalkost von etwa Langos über Hotdogs und Nudeln bietet die längst am Nova Rock etablierte Burgenlandarena hochwertige, vielfach biologische Kost. Gute Stimmung herrschte dort ebenso wie in einer Skates-Disco und im Vergnügungspark mit Riesenrad und Tagada.

(S E R V I C E – www.novarock.at)

Kommentare

Aktuell sind 0 Kommentare vorhanden

Kommentare anzeigen