Unermüdliche Exodus setzen neben Härte auf Melodien

Viererpack sorgte für “Ventil für Aggressionen” im Gasometer

Freitag, 10. April 2026 | 09:28 Uhr

Von: apa

Sensible Ohren waren eher fehl am Platz: Mit Kreator, Carcass, Exodus und Nails gastierte am Donnerstag im Wiener Gasometer ein Package, das eine Genrebandbreite von Thrash über Grindcore/Death-Metal bis zu Powerviolence abdeckte. Für Gary Holt, Mastermind von Exodus, ist das Interesse für harte Klänge leicht zu erklären: “Es ist großartige Musik mit tollen Refrains, Ohrwürmern und Melodien, weißt du? Aber es ist auch ein Ventil für Aggressionen. Und es ist ein Spektakel.”

“Wenn man zu so einer Show kommt, wird man unterhalten”, betonte der auch bei Slayer tätige Gitarrist und Songschreiber. Tatsächlich hatte das Viererpack viel zu bieten: Die härtesten Klänge gab es mit Nails gleich zu Beginn. Mit böse-dreckigen Groove-Passagen, die sich mit Blastbeat-Gewitter abwechseln, stimmten sie die schon zahlreich anwesenden Fans auf die später folgenden Genregrößen ein. Mit Exodus war anschließend die erste davon am Start. Deren weniger charismatischer Shouter Rob Dukes ist nach rund zehnjähriger Abwesenheit ans Mikro zurückgekehrt, aber die Stärke der Formation liegt ohnehin an den Gitarrenläufen – und davon gab es genügend, allen voran mitreißend zelebriert von Holt.

Komplex und viel Show

Auch die Veteranen Carcass sorgten mit Brechern wie “Unfit for Human Consumption” und “Heartwork” für mehr als nur Betriebstemperatur in der Halle. Gnadenlosigkeit trifft bei den Engländern auf melodiösere Parts, die kaum einen Kopf im Publikum unbeeindruckt ließen. Wobei die Band die komplexeste Performance des Abends, visuell gediegen eingerahmt, ablieferte.

Die deutschen Thrash-Titanen Kreator starten ihre Show – und es war tatsächlich eine große Show mit Dauer-Lichteffekten, Flammen- und Rauchsäulen, brennenden Figuren und einem auf riesigen Teufelshörnern thronenden Schlagzeug – mit dem Folk-Klassiker”Eve of Destruction”. Ein dazu ablaufendes Video zeigte Gewaltszenen von der Antike bis zum mörderischen ICE-Einsatz in Minneapolis: Der Zustand der Welt ist nicht besser geworden, was folgende Songs wie “Hate über alles”, “People of the Lie” oder “World Divided” unterstrichen. Frontman Mille Petrozza und Co untermauerten mit einem Kreator-Gassenhauer nach dem anderen ihren Status als Genre-Institution.

Der Antrieb von Exodus

Exodus gastierten erstmals 1997 in Wien. Der damalige Auftrittsort Rockhaus existiert längst nicht mehr, Exodus dagegen geben nicht nur live, sondern auch mit dem kürzlich erschienenen neuen Album “Goliath” ein kräftiges Lebenszeichen ab. Holt, das einzige Mitglied der Band, das auf allen Alben vertreten ist, macht unermüdlich trotz Besetzungswechsel und diverser Rückschläge mit Exodus weiter: “Was soll ich denn sonst tun? Ich habe im Grunde nur eine vermarktbare Qualifikation: Gitarrist”, sagte er im APA-Interview. “Auf der Bühne zu stehen bedeutet mir alles. Das treibt mich an. Klar, das Touren selbst macht mir nicht mehr so ​​viel Spaß wie früher. Ich behandle es wie einen Job. Ich stehe auf, spiele die Show, esse etwas und gehe schlafen.”

“Goliath” hat neben Härte auch Melodien, was nicht allen Fans der härteren Gangart gefällt, weiß der 61-Jährige. “Wir denken aber nie darüber nach, was andere denken. Ich meine, wir könnten ein Album mit 100-prozentig brutalem Thrash Metal machen – und es wäre besser als von allen anderen. Aber wir wollen uns als Musiker selbst herausfordern und etwas schreiben, das uns glücklich macht. Das haben wir mit 18 gemacht. Und das machen wir auch noch mit über 60.”

Über das Attribut Gitarren-Hero muss Holt lachen: “Ach, ich kenne vielleicht sechs Licks (kurze, einprägsame melodische Phrasen, die als Baustein für Soli dienen, Anm.). Vielleicht sieben an einem guten Tag.” Nachsatz nach kurzer Pause: “Aber weißt du, Angus Young kennt so um die vier Licks. Und er ist einer der größten Gitarristen aller Zeiten. Man muss einfach gut sein in dem, was man tut. Und das bin ich.”

Thrash-Gitarrist verehrt Prince

Als Einflüsse führt Holt Gitarristen wie Ritchie Blackmore und eben Young an. “Ich höre immer noch denselben Scheiß wie mein ganzes Leben lang, im Auto aber meist Adele.” Das mag engstirnige Fans überraschen. “Sie ist die beste Sängerin der letzten 40 Jahre”, beteuert Holt. “Ich liebe Klavierspiel. Ihre Alben sind voll von erstklassigem, professionellem Klavierspiel, nicht dieses übliche Geklimper.” Als sein “musikalisches Idol” schlechthin bezeichnete er Prince.

Manche Texte aus der Feder Holts könnten nicht aktueller sein – “Violence Works” etwa. “Die meisten Menschen haben heutzutage die Fähigkeit verloren, miteinander zu kommunizieren und zu diskutieren. Sie gehen gleich aufs Ganze. Gewalt war immer der letzte Ausweg, jetzt ist sie der erste”, sagte der Amerikaner, der “im Wald” wohnt und Brennholz einholt: “Ich kümmere mich um das Grundstück. Bäume fallen um, müssen zersägt und weggebracht werden. Ich führe ein ganz normales Leben, wenn ich zu Hause bin.”

(Das Gespräch führte Wolfgang Hauptmann/APA)

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