Von: apa
“Die Habsburger waren eine ähnlich queere Veranstaltung wie der Song Contest”, sagt Gerd Brandstätter vom Qwien-Zentrum für queere Kultur und Geschichte am Donnerstagabend auf einem Stadtspaziergang mit ESC-Schlagseite. Wie intensiv um die Deutungshoheit über das ur-wienerische “Dürfen die des?” gerungen wurde und weiter wird, veranschaulicht man unter dem Titel “‘United by Music’ – Ein Spaziergang zwischen Glitzer und Alltag” an diversen Stationen in der Wiener Innenstadt.
9 Tage, 21 Stunden und einige Minuten zeigt der ESC-Countdown am Eingang des Rathausplatzes an. Dann wird am 10. Mai mit der Eröffnung tatsächlich eingeläutet, was in der Stadt dieser Tage schon höchst sichtbar ist: der 70. Eurovision Song Contest. Zum dritten Mal ist Wien die neudeutsche “Host City” für das in den vergangenen Jahrzehnten auch stark in der queeren und LGBTIQ+-Community verankerte Riesenevent.
Stadtgeschichte mit ESC-Einschlag
Die Spuren der ersten beiden Wiener ESCs – auch im Sinne der Manifestation vielfältigster Lebenswelten – wollen Brandstätter und Co-Exkursionsleiter Udo Häberlin von der Stadtentwicklung und Stadtplanung der Stadt Wien erlebbar machen. Dazu bettet man Einsprengsel rund um den ESC, die ersten “Regenbogenparaden”, den “Life Ball”, zu bi- oder homosexuellen Prinzessinnen, Prinzen und Regenten oder zu Protesten von Aktivisten gegen erstaunlich lange geltende diskriminierende Gesetze gegenüber Homosexuellen ein.
Als die rund 30-köpfige Gruppe zur letzten Station am Rathausplatz kommt, ist dort die Mai-Kundgebung der SPÖ präsent. Bald wird dort aber statt viel rot sehr viel bunt zu sehen sein, wenn sich am Platz das “Eurovision Village” breit macht. Dass man all das in der Bundeshauptstadt “darf”, ist alles andere als selbstverständlich, wie man zuvor auf Stationen von der Staatsoper, über das “Mahnmal gegen Krieg und Faschismus”, den Burggarten und entlang der ausladenden Hofburg bis eben am Vorplatz des Burgtheaters gegenüber dem Rathaus erfährt.
Vom alten zum jungen Wien
Wer Freiheit und Werte abseits der oft von Klerus, Kaiser und betont konservativen Kräften vorgegebenen Norm leben und sie auch offen zur Schau stellen wollte, musste hierzulande viel und oft sehr lange kämpfen. Das heutige Wien, das sich auch um den ESC als betont weltoffene Stadt präsentiert, ist alles andere als ein Selbstläufer gewesen, wie Häberlin und Brandstätter anhand vieler Beispiele darlegen. Dass man sich im Burggarten auf die Wiese legen darf, wurde in den 1970er-Jahren von der Jugend erstritten. Überhaupt war Wien bis vor wenigen Jahrzehnten im Altersdurchschnitt das älteste Bundesland, “heute ist es das jüngste”, sagt Häberlin.
“Wem gehört der öffentliche Raum?” – das ist eine der Leitfragen des etwas über zwei Stunden dauernden Spaziergangs im Rahmen der “Gemma Zukunft”-Touren der Stadt Wien. Der ESC-Aufschlag findet noch zwei Mal statt, bevor am 16. Mai das Finale des weltgrößten Gesangswettbewerbs in der Stadthalle über die Bühne geht. Zusätzlich kann man über Qwien sein Interesse an Führungen zur queeren Stadtgeschichte anmelden – in der ESC-Zeit auch vermehrt auf Englisch, wie Brandstätter der APA erklärt.
Nackte Füße, Ampelpärchen und andere Aufreger
Ein Begleiter auf der ESC-Tour sind auch jene Songs, die Wien die Wettbewerbausrichter-Ehren eingebracht haben. “Wir singen jetzt aber nicht mit”, schmunzelt Brandstätter. So haben bekanntlich Udo Jürgens mit “Merci Chérie” (1966), Conchita Wurst mit “Rise Like A Phoenix” (2014) und eben zuletzt im Vorjahr JJ mit “Wasted Love” den Bewerb in die Bundeshauptstadt geholt. Waren beim ersten Wiener ESC im Festsaal der Wiener Hofburg noch die nackten Füße von Siegerin Sandie Shaw bei ihrem Auftritt mit “Puppet on a String” oder der erste schwarze ESC-Teilnehmer mit Eduardo Nascimento für Portugal kleinere Aufreger, machten 2015 die u.a. gleichgeschlechtlichen Wiener Ampelpärchen nicht nur weltweit Schlagzeilen, sondern sorgten auch für Wirbel im Wiener Gemeinderat.
Ob es dem heurigen ESC gelingt, wieder ein Stück weit anzuecken bzw. Grenzen zu verschieben, wie es etwa Tom Neuwirth als stimmgewaltige bärtige Lady Conchita geschafft hat, ist offen, aber nicht unwahrscheinlich. Die Stadt putzt sich jedenfalls schon merklich als öffentliche Bühne – eben zwischen “Glitzer und Alltag” – heraus. Eines hat der ESC an dem sonnigen, aber kalten Nachmittag und Abend vor dem 1. Mai gezeigt: Er kann Wienerinnen und Wiener verschiedensten Alters in einem Tross vereinen, der sich mit Stadtführern und Headset ziemlich genau so durch die Innenstadt bewegt, wie die oft gescholtenen Touristengruppen.
Neuer ESC-“Podwalk”
Wer sich gerne mit Kopfhörern durch den städtischen Raum bewegt und dabei mit ESC-Informationen versorgen lässt, kann in nächster Zeit auch auf einen neuen “Hörspaziergang” zurückgreifen. Erarbeitet wurde der “innovative Podwalk”, der Journalismus, Stadtraum und Popkultur verbinden soll, von der WZ (Wiener Zeitung). Er ist auf gängigen Podcast-Plattformen abrufbar, heißt es in einer Aussendung.
(S E R V I C E – https://www.wien.gv.at/stadtplanung/gemma-zukunft ; https://www.qwien.at/vermittlung/ ; https://www.wienerzeitung.at/ESC )




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